4W

Was war. Was wird.

Geschichte wird gemacht, und Hal Faber fragt sich, wem sie gehört, die da gemacht wird. Aber je nach Interpretation schäumen die einen oder anderen üblichen Verdächtigen. Business as usual, wenn es nicht so traurig (und gefährlich) wäre.

vorlesen Druckansicht 25 Kommentare lesen
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wem die Geschichte gehört? Gute Frage, nicht nur für Krimi-Autoren. Angesichts mancher aktuellen Debatte über Geschichte oder Nicht-Geschichte verrutschen offensichtlich schon mal die Kategorien. Aber vor seltsamen Freunden schrecken die Deuschen ja eher selten zurück. Dass es in Deutschland nicht, wie in Italien, eine "Strategie der Spannung" des Staates erforderte, mag auch mit den Bahnsteigkarten zusammenhängen, die deutsche Revolutionäre unbedingt benötigen.

*** Aber hach, Geschichte, ja. Das waren noch Zeiten, als 1994 die erste weibliche Jungfernschaft im Web verhökert werden sollte und James Exon vor lauter Empörung den Communications Decency Act vorschlug. Als Exon in Ermangelung von Google Translate in den USA den Titel "Oberststurmbahnführer des Digitalen Autobahns" bekam und Hustler erfolglos den Titel seines Porno-Internetmagazins "Hard Drive" zu schüzen versuchte. Heute geht Nackigmachen anders und bringt weniger ein: ein gewisser Shawn Buckles hat – natürlich für einen guten Zweck – seine gesamten Daten in einer Auktion versteigert und dafür schlappe 250 Euro bekommen. Eine enttäuschende Summe, jedenfalls in den Augen von Blackout-Guru Marc Elsberg. Sein nächstes Buch Zero geht nämlich von der Annahme aus, dass so ein menschlicher Datenhaufen ab 2000 Euro aufwärts zu kaufen ist. Gewinner der Auktion war der Kongressveranstalter The Next Web. Der will die Datenseele von Buckles nutzen, um zu zeigen, dass Privatsphäre ein überbewertetes Konzept ist.

*** Hat sich auch Edward Snowden verkauft, als er in einer russischen Fernsehsendung auftrat und Putin eine Frage stellte? Die üblichen Verdächtigen schäumen über und sprechen von Beweisen, dass Snowden eine Marionette des Kremls ist. Snowden sieht das anders und verweist auf die Aussage des DNI-Direktors  James Clapper vom März 2013, dass die NSA keine Daten irgendwelcher Art über Millionen Amerikaner speichern würde. Diese Aussage war bekanntlich die Initialzündung für Snowden, mit der monströsen Sammlung von 1,7 Millionen Dokumenten abzutauchen und sich ins Ausland abzusetzen. Er habe Putin exakt dieselbe Frage stellen wollen, die Clapper gestellt wurde, rechtfertigte sich Snowden. Sein Argument: Ehe jemand der Lüge überführt werden kann, muss er gelogen haben. Die nicht von Snowden ausgesprochene Hoffnung, dass jetzt ein russischer Snowden seine Dokumente zusammensucht und abtaucht, muss man sich dazu denken. Ein Satz in dieser Richtung durfte es nicht geben. Putins Antwort in der Versicherung der Rechtsstaatlichkeit bei Betonung der terroristischen Bedrohung könnte von James Clapper stammen oder von Barack Obama an Merkel übermittelt werden:

"Mr Snowden, you are a former intelligence officer, and I have worked for an intelligence agency, too. So let’s talk like two professionals. To begin with, Russia has laws that strictly regulate the use of special equipment by security services, including for the tapping of private conversations and for the surveillance of online communications. They need to receive a court warrant to be able to use this equipment in each particular case. So there is no, and cannot be any, indiscriminate mass surveillance under Russian law. Since criminals, including terrorists, use these modern communication systems for their criminal activity....."

*** Zwischen Professionellen gibt es immer offene Worte, doch was ist mit professionellen Politikern? Zwischen dem aufgeregten Gebrabbel über Putins Vasallen ging der Verweis des Berliner Datenschützers Dix zum freien Geleit für Snowden etwas unter. Mit dem freien Geleit haben Deutschland wie Russland ja beste Erfahrungen gemacht: "Auf dem Weg zum finnischen Bahnhof" ratterte Lenin einstmals in einem versiegelten Zug, der kurzerhand zum exterritorialen Gebiet erklärt worden war. Wer nachliest, wie sich unser Bundesinnenminister mit dem freien Geleit schwertut, kann schon nachdenklich werden:

"Es gibt ein Rechtshilfeabkommen mit den Amerikanern. Die Amerikaner sagen, Herr Snowden hat sich strafbar gemacht. Das wäre ein Auslieferungsgrund. Es gibt aber auch andere Erwägungen, die dabei zu berücksichtigen sind, das sogenannte "Sichere Geleit" und vieles andere mehr. Das sind komplizierte Rechtsfragen, die es so auch noch nicht gegeben hat. Und wir haben Zeit und brauchen die Zeit auch, bis zum 2. Mai, um alle diese Fragen aus Sicht der Bundesregierung zu beantworten.

Und aus Sicht der Bundesregierung ist die theoretische Möglichkeit eines politischen Asyls für Herrn Snowden in Deutschland vom Tisch?

Asyl kann man nur beantragen, wenn man in Deutschland ist und Herr Snowden ist nicht in Deutschland.

Er müsste also hier sein, und wenn das der Fall wäre, wäre das zumindest rechtlich denkbar aus Ihrer Sicht?

Ich kann nicht erkennen, dass es in den USA eine politische Verfolgung gibt.

Aber eine rechtliche. Und Deutschland hat ein Interesse an der Aussage von Herrn Snowden.

Strafverfolgung in einem demokratischen Staat ist kein Grund politischer Verfolgung. Wenn wir so anfingen, das wäre eine völlige Verkennung des Asylrechts."

*** Ganz Macondo trauert. Gabriel García Márquez ist gestorben. Der Beweis dafür, dass Journalisten Nobelpreisträger werden können, ist verloschen. Der Mann, dem gleich mit der ersten Reportage "Bericht eines Schiffbrüchigen" ein schonungsloser Bericht über korrupte Eliten gelang, bereiste einst die DDR, wo "das Volk" die Macht übernommen hatte. Seine Reportagen vom traurigsten Volk der Erde, das er je gesehen hatte, waren für etliche Menschen der Kick, sich von dieser Spielart des Sozialismus abzuwenden. Man sollte lesen, wie die Bananenfirma in Macondo hauste – und dann im Gedenken an den Autor sich mit TTIP beschäftigen, dem Abkommen, dass die Macht großer Konzerne im Digitalzeitalter auf Generationen hinaus sichern soll. 587 Euro Mehreinkommen soll jede vierköpfige Familie in Europa pro Jahr nach Rechnung der Milchm, ähem, Macher zur Verfügung haben. Der Preis? Der Preis für eine internationale Kultur von Kafka über Proust und Hemingway, die einem Autor wie Gabriel García Márquez beflügelte, ist die universale Nivellierung. Freihandel und Kultur beißen sich. Statt Kultur will man nach TTIP nur noch der internationalen Kreativwirtschaft den Vorrang geben. Schon jetzt gibt es Spekulationen, welcher Unterhaltungskonzern die strikte Weigerung von García Márquez bricht und "Hundert Jahre Einsamkeit" verfilmt, natürlich mit den besten Mimen. So stellt sich die Systemfrage, nicht nur in der Tageszeitung:

Ist Kultur ein "freier Raum", in dem Menschen wahrnehmen, diskutieren und "machen" können, ohne von Staat und Ökonomie behindert, kontrolliert, missbraucht zu werden? Oder ist Kultur die geschmeidigste und anmaßendste Verbindung der Interessen von Postdemokratie und Finanzkapital: oligarches Privileg einerseits, Unterhaltung für die unnützen Massen andererseits?

*** Aber hey, vielleicht bleibt die Kultur widerständig und die Herren der neuen Welt vertun sich mit all ihren schönen Plänen zur Kreativwirtschaft. Vielleicht sind auch sie nur Papiertiger im Stil eines Springer-Managers, der offenbar nicht weiß, was seine Welt Google alles in die Such- und Analyse-Maschinen kippt. Mit Abstand ist das deutsch geschriebene Leistungsschutzrecht das beliebteste Beispiel US-amerikanischer Eingaben zum Thema TTIP, Handelshemnisse und Kreativwirtschaft.

Was wird.

Hach, das waren noch Zeiten! Am Ostermontag gibt es ein historisches Hasenfest, da wird der Game Boy 25 Jahre alt. Auch wenn er erst Ende 1990 in Deutschland zu haben war, wurde der mobile Tetris-Player zu einem Riesenerfolg mit 119 Millionen Geräten. Nicht nur das Computerspielemuseum dürfte den Tag feiern. Und wo so viel von Kultur und Verkauf der Seelen die Rede war, darf ein weiterer kultureller Höhepunkt unserer Ziuvilisation nicht fehlen. Am kommenden Mittwoch vor 25 Jahren startete die erste Folge von Baywatch (bei uns: Die Rettungsschwimmer von Malibu) mit dem großen Körper-Mimen David Hasselhoff. Die erfolgreichste US-amerikanische TV-Serie des 20. Jahrhunderts, in Deutschland einstmals als Erotikthriller fastjugendgefährdend eingeordnet. Was war das für eine tolle Zeit, in der knackige Jungen und Mädchen mit großen Brüsten noch RettungsschwimmerInnen werden wollen und nicht HochfrequenzhändlerInnen bei Goldmann Sachs. Die Bloßstellung der Körper ist heute drauf und dran, zu einem schlimmen Vergehen stilisiert zu werden, und das auch noch von Sozialdemokraten.

Was bleibt von all dem in der Brandung der Geschichte übrig und was kommen wird, das werden wir ja sehen und hören, wenn der große Mime Hasselhoff auf der re:publica 2014 zusammen mit Mikko Hyppönen vom Sponsor Fsecure ein Manifest der digitalen Freiheit vorstellen wird. Oder sind es viele digitale Freiheiten wie die Ballung von Konferenzen, Subkonferenzen, Droidconferenzen und Linuxtagen, in der man zu ertrinken droht? Egal, Hasselhoff rettet alle, mit dieser lustigen Kulturtorpedoboje unter dem Arm. Dazu spendiert uns Google natürlich den Baywatch-Klassiker Slave to Love mit dem demnächstigens von der Kreativwirtschaft preisgekrönten Brian Ferry. (jk)