Meinung: Fixiert auf die Erzeugung
Es gibt zwar eine engagierte Debatte über die Förderung von Öko-Strom, aber kaum jemand interessiert sich für ein viel besseres Instrument gegen den Klimawandel – das Energiesparen.
Es gibt zwar eine engagierte Debatte über die Förderung von Öko-Strom, aber kaum jemand interessiert sich für ein viel besseres Instrument gegen den Klimawandel – das Energiesparen.
Gregor Honsel, TR-Redakteur, wünscht sich eine öffentliche Debatte über die Energieeffizienz.
Hier ein wenig stutzen, dort ein bisschen päppeln – fertig ist der Energiekompromiss. Nimmt man als Maßstab, dass sich die Unzufriedenheit gleichmäßig auf alle Lobbygruppen verteilt, haben Bund und Länder Anfang April offenbar eine ausgewogene Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verhandelt. Trotzdem läuft in der Energiepolitik etwas ganz fundamental falsch: Sie ignoriert das effizienteste, wirtschaftlichste und nachhaltigste Instrument überhaupt – das Energiesparen.
Studien, die vorrechnen, welche großen Früchte man auf diesem Feld ernten kann, gibt es zuhauf. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe etwa meint, bis 2030 ließen sich EU-weit ohne zusätzliche Kosten mehr als 40 Prozent der Endenergie sparen. Das würde Haushalte und Industrie um 240 Milliarden Euro entlasten.
Und doch ist die Politik stärker denn je auf die Erzeugung fixiert. Die Bundesregierung hat es offenbar aufgegeben, auf EU-Ebene für mehr Effizienz zu kämpfen. Das im März 2007 festgelegte EU-Ziel für 2020 umfasste noch drei Säulen: Treibhausgasemissionen um 20 Prozent gegenüber 1990 senken, 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs durch Erneuerbare decken und die Energieeffizienz um 20 Prozent steigern. Letzteres Ziel droht nun unter die Räder zu kommen. Für den Zeitraum von 2020 bis 2030 will Europa zwar 40 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als 1990 und den Anteil der Erneuerbaren auf 27 Prozent steigern. Ob es auch wieder ein verbindliches Effizienzziel geben soll, ist aber offen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger und das EU-Parlament sind dafür, Großbritannien und viele östliche EU-Staaten dagegen. Deutschland möchte prinzipiell zwar auch mehr Effizienz, ist aber nicht als leidenschaftlicher Kämpfer in dieser Sache aufgefallen.
Dem Klima kann es zwar egal sein, auf welche Weise Treibhausgase gesenkt werden – ob durch Einsparen oder durch saubere Produktion von Energie. Doch für Menschen macht das durchaus einen Unterschied: Energiesparen verbraucht keine Rohstoffe, erzeugt keinen Müll, verunstaltet nicht die Landschaft, erhöht nicht die Stromkosten, führt weder zu politischer Abhängigkeit noch zu sozialer Ungerechtigkeit. Zudem kämen Effizienzauflagen einem Konjunkturprogramm für Maschinenbauer gleich.
Wie also kann es sein, dass Energiesparen nicht längst ein Selbstläufer ist? Der wichtigste Punkt sind natürlich die Investitionskosten. Viele Studien rechnen zwar vor, dass sich Effizienzmaßnahmen praktisch von allein in kürzester Zeit amortisieren. Doch irgendwas kann da nicht stimmen. Entweder kann die Mehrheit der Privatleute und Manager nicht richtig rechnen oder die Autoren dieser Studien. Die Vorstellung, schon aus ökonomischen Gründen würden Firmen kohortenweise alte Elektromotoren ausmustern oder Hausbesitzer ihre Heizungen, hat sich jedenfalls als naiv erwiesen.
Oft kommt noch ein weiteres Motiv dazu, sich gegen Effizienzvorgaben zu sperren: Die Angst vor bürokratischer Überregulierung. Was war das für ein Aufschrei, als die EU im Herbst letzten Jahres ankündigte, den Verkauf von Staubsaugern mit mehr als 1600 Watt zu untersagen. "Die Verbotswut der Kommission muss dringend gebremst werden", sagte der CDU-Europaabgeordnete Herbert Reul damals. Bürger empörten sich vor laufenden Kameras, nun wolle Brüssel auch noch die Sauberkeit im Wohnzimmer attackieren.
Welch ein Unfug! Als sei es ein elementares Bürgerrecht, die sechsfache Leistung eines Pedelecs in Anschlag zu bringen, um ein paar Staubflocken nachzustellen. Wenn man der Industrie den richtigen Anreiz gibt, baut die auch gute Staubsauger mit einem Bruchteil der Leistung. Und trauert heute noch irgendjemand der Möglichkeit hinterher, stromverschleudernde Kühlschränke zu kaufen? Eine Beschneidung persönlicher Freiheit kann ich darin nicht erkennen.
Eine marktwirtschaftliche Lösung des Problems dürfte Reul jedenfalls noch viel weniger gefallen. Wäre Energie ausreichend teuer – was würden Wirtschaft und Privatleute auf einmal an Ideen und Engagement entwickeln. Doch diesen Weg hat sich die EU durch ihren vermurksten Emissionshandel selbst verbaut.
Um wenigstens das Effizienzziel von 20 Prozent für 2020 zu erreichen, verpflichtete die EU-Kommission letzten Herbst ihre Mitglieder mit der Richtlinie 2012/27, jährlich 1,5 Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Wie, ist deren Sache. Es wird wohl auf ein Sammelsurium aus Selbstverpflichtungen, Verboten, Anreizprogrammen und Appellen hinauslaufen. Eine ähnlich engagierte öffentliche Debatte darüber wie über die Reform des EEGs ist nicht in Sicht. Energiesparen ist eben unsexy und hat keine Lobby.
Machen wir uns nichts vor: Klimaschutz kostet Geld. Die Frage ist nur, ob man dieses Geld eher in Solar- und Windkraftanlagen steckt oder in Sparmaßnahmen. Letzteres wäre effizienter. (grh)