Klimawandel-Studie: Ohne Sequestrierung geht es nicht
Forscher glauben, dass es beim Maßnahmenpaket gegen die Erderwärmung ohne Technologien zur Einlagerung von CO2 wohl nicht gehen wird.
- Kevin Bullis
Forscher glauben, dass es beim Maßnahmenpaket gegen die Erderwärmung ohne Technologien zur Einlagerung von CO2 wohl nicht gehen wird.
Wenn von Verfahren zur Bekämpfung des Klimawandels die Rede ist, spricht man viel über erneuerbare Energien. Doch eine bislang eher vernachlässigte Technik, das Auffangen von Kohlendioxid direkt an der Quelle, könnte künftig wieder eine wichtige Rolle spielen. Das geht zumindest aus dem jüngsten Bericht zur Erderwärmung hervor, den die Vereinten Nationen bereits vor Wochen veröffentlicht haben.
Die Untersuchung ist der dritte Report in einer Reihe von Studien, die das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) seit letztem Herbst herausgegeben hat. Hauptthema diesmal: Wie ist es möglichst wirtschaftlich möglich, Klimagasemissionen zu reduzieren, um die schlimmsten Auswirkungen der Erderwärmung noch zu verhindern?
Der Bericht analysiert dazu die Kosten, die anfallen würden, wenn wir das CO2-Niveau in der Atmosphäre zumindest stabil halten wollen. So gehen die Autoren beispielsweise davon aus, dass ein Wechsel von der Kohleverstromung zur Solarenergie zwar hilfreich wäre, dies aber zu einer Verteuerung des Strompreises führen und die Wirtschaft damit ausbremsen könnte. Soll die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius begrenzt werden, müsste der globale ökonomische Konsum bis 2100 um 2,9 bis 11,4 Prozent zurückgehen – unter Idealbedingungen. Das entspricht einer Dollarsumme zwischen 9 und 80 Billionen. Werden die Ziele bei der Solar- und Windenergie nicht erreicht, erhöht das die Kosten zwar, doch nur um rund 6 Prozent.
Wird jedoch die CO2-Sequestrierung, auch unter dem Namen Carbon Capture and Storage (CCS) bekannt, nicht verwendet, würden sich die Kosten verdoppeln. Das liegt daran, dass sich Solarstrom durch CO2-neutrale Alternativen wie Atomenergie ersetzen lässt. Direkte Ersatzmaßnahmen zu CCS gibt es aber nicht. Es ist die einzige greifbare Technologie, mit der sich Emissionen bestehender Kraftwerksanlagen reduzieren lassen, von denen einige noch Jahrzehnte in Betrieb bleiben dürften. Auch bei bestimmten industriellen Prozessen ließe sich die Technik nutzen, etwa bei der Stahlproduktion.
Hinzu kommt, das CCS auch den Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre insgesamt reduzieren könnte – und das ist ein zentraler Bestandteil der IPCC-Empfehlungen. Und das geht so: Eine relativ kleine Anzahl von Kraftwerken verbrennt Biomasse wie Holzchips. Diese Stromerzeugung kann CO2 in der Luft abbauen, weil das Klimagas, das sie ausstoßen, von der durch die Pflanzen bei ihrem Wachstum aufgenommenen CO2-Menge ausgeglichen wird. Ergänzt man hier nun CCS, käme es beim Betrieb solcher Biomasseanlagen zu einem Direktabbau des CO2 in der Atmosphäre.
Einige Klima- und Wirtschaftsmodelle gehen davon aus, dass große Biomassekraftwerke mit CCS zu einer messbaren Reduktion des Kohlendioxids in der Atmosphäre führen könnten. Und die wäre auch notwendig, sollte es der Welt nicht gelingen, den Gesamtausstoß zu reduzieren. Letzteres ist keineswegs unwahrscheinlich. Das 2-Grad-Ziel ließe sich nur erreichen, wenn sich der CO2-Ausstoß nicht signifikant erhöht. Doch das dürfte schon Mitte dieses Jahrhunderts nicht mehr der Fall sein. Entsprechend muss CO2 der Atmosphäre entnommen werden.
Ohne eine Kombination aus Biomasse-Kraftwerken und CCS werde es schwierig, sinnvolle Szenarien zu entwickeln, bei denen der CO2-Ausstoß sich so weit reduziert, dass das 2-Grad-Ziel erreicht wird, meint auch Robert Stavins. Er ist Direktor des Programms für Umweltwirtschaftswissenschaften an der Harvard University
Biomasse plus CCS ist aber nicht die einzige Möglichkeit. Auch eine Aufforstung, die den Waldverlust zumindest teilweise ausgleicht, wäre hilfreich. Und dann gibt es noch experimentelle Methoden zur Bindung von CO2, um das Gas direkt aus der Luft zu holen. Doch die seien alle teurer als die Kombination von CCS und Biomasse, sagt Howard Herzog, leitender Forschungsingenieur bei der MIT Energy Initiative.
Obwohl CCS laut dem IPCC-Bericht von enormer Bedeutung sein könnte, ist die Technologie nach wie vor unausgereift. Wirklich große Demonstrationsanlagen gibt es noch nicht, mit Biomasse betriebene schon gar nicht. Dutzende entsprechender Projekte wurden in den letzten Jahren eingestellt oder verschoben. "Die CCS-Technik für Kraftwerke verkümmert schlicht", meint Herzog.
Schon jetzt müssen imposante Wachstumsziele erreicht werden. CCS für alle Quellen – also fossile Stromerzeugung, Industrieanlagen und Biomasse – müsste sich bis 2030 vertausendfachen, um die Klimagasziele zu erreichen. Die Kombination von CCS und Biomasseanlagen könnte hierbei besonders schwierig werden, weil diese weltweit nur mit viel Aufwand zu finanzieren und zu genehmigen sind. "Es gab viel Wirbel in der Presse, dass der IPCC-Bericht darauf hindeutet, dass eine Einschränkung der Erderwärmung möglich ist", meint Umweltökonom Stavins. "Doch die Situation ist nicht so rosig, wie sie dargestellt wird." (bsc)