Die Bundessuchmaschine

Was wäre, wenn wir unser eigenes Google bauen würden? Es gibt Journalisten-Kollegen, die finden den Gedanken gar nicht mal so abwegig.

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Was wäre, wenn wir unser eigenes Google bauen würden? Es gibt Journalisten-Kollegen, die finden den Gedanken gar nicht mal so abwegig.

Hell freezes over, wie der Kollege Peter Glaser zu sagen pflegt. Das ich das noch erleben darf: Im Leitartikel meiner Lokalzeitung steht, dass wir eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine brauchen. Im Leitartikel. Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Die ist normalerweise so weit weg vom Diskurs der netzpolitischen Gemeinde wie das Café Kröpcke vom Hackeschen Markt. Soll heißen: Jetzt ist die Frage, wer eigentlich wie über das Internet herrscht, endgültig im Mainstream angekommen.

Als ich vor gefühlten zehn Jahren zum ersten Mal mit Kollegen über das Thema „Machtmissbrauch von Suchmaschinen“ diskutiert habe, haben die mich nur verständnislos angeschaut: „Zensur“? „Kann man das wirklich so nennen?“ Denn wenn ein Text, ein Film oder ein Foto nicht auf der ersten Seite der Google-Suchergebnisse auftaucht, ist er damit ja nicht automatisch gelöscht. Jeder, der weiß, wo die Datei zu finden ist, findet sie auch. Wo, bitte schön, soll denn da der Machtmissbrauch sein?

Mittlerweile dämmert sogar dem Bundeswirtschaftsminister, dass diese Computer-Hippies mit ihren Suchergebnis-Listen ganz schön viel bestimmen können. Dass es für Unternehmen sogar richtig existenziell schwierig werden kann, wenn sie regelmäßig erst auf der vierten Seite dieser Suchliste auftauchen, während der Mitbewerber ganz vorne auftaucht. Und dass alles auf der Basis von Algorithmen, die wir nicht einmal kennen - deren Entscheidung wir also nicht überprüfen können. Und die von einem Tag auf den anderen grundsätzlich geändert werden können.

Dieses vage Unbehagen hat bei den meisten bisher nicht dazu geführt, mehr zu fordern, als eine staatliche Kontrolle des Suchmaschinen-Giganten. Aber das scheint sich grade zu ändern. Zumindest denken ein paar Leute darüber nach, wie es denn wohl so währe, von Google gänzlich unabhängig zu sein. Und eine komplett transparente und offene Suchmaschine zu betreiben. Unter öffentlicher Kontrolle.

Ich gebe zu: Die Kommissionen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kontrollieren, machen nicht gerade Werbung für diese Idee. Der „Proporz“, die sprichwörtliche „Ausgewogenheit“ in der Berichterstattung, steht oft genug für einen besonders angepassten Journalismus, der niemandem auf die Füße treten will.

Und jetzt auch noch eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine? Vielleicht sogar unter Kontrolle des Innenministeriums? Da wird doch nur Geld versenkt. Oder?

Gerade in der individualistischen, amerikaverliebten Netzgemeinde ist dieser anti-bürokratische Reflex tief verankert. „Behörde“ ist dort ein Schimpfwort, der Markt erfüllt alle Wünsche der Welt und alles, was auch nur im entferntesten nach staatlicher Kontrolle aussieht, ist gleich der Gulag.

Aber dieser Reflex hilft in diesem Fall nicht weiter. Suchmaschinen sind etwas anderes als Fernsehsender. Sie gehören mittlerweile zur Infrastruktur der Informationsgesellschaft. Und die sollte sich sehr wohl überlegen, ob sie den Zugriff auf kritische Bereiche ihrer Infrastruktur einfach so aus der Hand gibt. An einen Konzern, der sich schon bald von gar keinem Staat mehr kontrollieren lässt? Vielleicht ist die Bundessuchmaschine dann doch das kleinere Übel? Mit dem kennt die Mehrheit der Deutschen sich doch eigentlich ganz gut aus. Schließlich wählt sie es immer wieder in die Regierung.

Ein Gedankenspiel, was wäre, wenn Google Allgemeingut würde, können Sie übrigens hier lesen. (wst)