Kühlschrank-App im Fahrzeug-Navi
Dass wir uns im Internet immer mehr mit anderen Menschen und mit Online-Angeboten vernetzen, ist fast schon ein Trend von gestern. In Japan beginnt das Auto nun, mit Haus und Haushaltsgeräten zu kommunizieren.
- Martin Kölling
Dass wir uns im Internet immer mehr mit anderen Menschen und mit Online-Angeboten vernetzen, ist fast schon ein Trend von gestern. In Japan beginnt das Auto nun, mit Haus und Haushaltsgeräten zu kommunizieren.
Das Internet der Dinge – dieser Begriff begleitet uns nun schon seit Jahren. Nun wird er fast täglich mit neuen Verbindungen zwischen Maschinen und Geräten gefüllt. Der japanische Autobauer Toyota und der Elektronikkonzern Panasonic haben diese Woche angekündigt, dass sie ihre Auto- und Heim-Clouds miteinander kombinieren wollen. Toyota-Fahrer sollen künftig nach einem Download einer Panasonic-App in das Navigationssystem ihres Autos zum Beispiel Klimaanlagen von Panasonic in ihren Häusern fernsteuern können.
Eine der Ideen, von denen uns die beiden Hersteller vorschwärmen, sieht so aus: Eine App "weiß" über das GPS des Autos, wann die Familie wegfährt und meldet beispielsweise, dass die die Klimaanlage noch läuft. Der Fahrer kann dann die Kühlung ausschalten. Gleichermaßen fragt das Auto während der Rückfahrt an, ob man nicht schon mal die Klimaanlage einschalten möchte. Dann tritt man im Sommer nicht in eine Sauna und im Winter nicht in einen Kühlschrank.
Die Entwicklung dieses neuen Dienstes hat schon 2013 begonnen, verraten die Partner. Toyota hat dafür für Panasonics Haus-Cloud sozusagen eine Durchreiche in sein "Toyota Smart Center" geöffnet, das bereits Auto, Menschen und Toyota-Häuser verbindet. Doch für die Japaner ist es nur ein kleiner Schritt auf einer Reise, die schon lange vor dem Smartphone begann.
Toyota ist einer der Pioniere, wenn es darum geht, das Auto mit dem Internet zu verbinden. Vor mehr als zehn Jahren sorgte der heutige Konzernchef Akio Toyoda dafür, dass das Auto online Daten mit dem Unternehmen austauschte. Toyota weiß seither recht genau, was die Fahrer machen, wenigstens die Nutzer von Toyotas "G-Book"-Dienst.
Kaum zum Konzernchef gekürt, hob Toyoda die Vernetzung auf eine neue Stufe. 2011 gründete das Unternehmen mit Salesforce.com sogar den sozialen Netzwerkdienst "Toyota Friend", mit dem das Auto Facebook-ähnlich zum "Freund" wurde. 2013 folgte dann folgerichtig die Idee, mit der anfallenden Datenflut Kasse zu machen. Stichwort Big Data: In Japan bietet Toyota die (natürlich anonymisierte) Auswertung von Verkehrsdaten aus Millionen interaktiven Navis Regierungen und Firmen zum Kauf an.
Panasonic hofft, durch die Auswertung des Lebensalltags seiner Geräte verwertbare Daten über die Hardware selbst sowie die Familien zu gewinnen, die sie nutzen. Das Unternehmen kann sogar theoretisch schon jetzt automatisch in den Stromverbrauch von gesamten (mit Panasonic-Systemen ausgestatteten) Siedlungen und einzelnen Wohnungen eingreifen, falls akute Stromknappheit dies erfordert. Und die Kontrolle ufert mit neuen Vernetzungsmodellen weiter aus.
Viele Haushaltsgeräte sind schon ansatzweise roboterisiert: Der Kühlschrank lernt den Alltagsrhythmus seiner Besitzerfamilie und passt die Kühlleistung dementsprechend an. Die Klimaanlage ortet Menschen im Raum und leitet die Luft passend um. Das Klo bemerkt, wenn sich der Mensch nähert, setzt und wieder geht und öffnet automatisch den Deckel, heizt die Klobrille vor und spült automatisch. Da ist es zur Vernetzung all dieser Prozessoren und Sensoren nur noch ein kleiner, folgerichtiger Schritt.
Ganz wohl ist mir bei der kommenden Vollkontrolle nicht. Aber auf der anderen Seite finde ich es sympathisch, dass hier zwei Konzerne den Apples und Googles dieser Welt die Daten aus Haushalt und Fahrzeug nicht kampflos überlassen. Mir ist es auf jeden Fall lieber, wenn meine Lebensdaten hübsch auf viele Späher verteilt werden, wenn sie schon in Datenbanken landen. Vielleicht ist das im Gegensatz zur Vollabnabelung vom Internet ein praktikabler Schutz unserer Privatsphäre: die bewusste Aufteilung unseres Lebens an verschiedene Provider. (bsc)