Ich habe eine Fahne

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist da, und mit dem Fußballfieber wĂ€chst wieder der FĂ€hnchenbefall deutscher Kraftfahrzeuge. Die ersten Aufrufe zum Fahnen vom Auto abbrechen machen die Runde

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Polyester-FlÀggchen zum Anklippen: HÀtten die Nazis damals DIESE Technologie gehabt, wÀren sie heute noch an der Macht. Nicht.
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Der vielleicht beste deutsche WM-Song aller Zeiten kommt dieses Jahr von Deichkind (zusammen mit Bo): "Ich habe eine Fahne". Der Song kann nur im Kontext Deutschland verstanden werden. Denn jetzt werden sie wieder verkauft, die AutofĂ€hnchen, und auf einmal beginnt sie von Neuem, die Nabelschau: Darf ich eine Fahne haben? DĂŒrfen Andere eine Fahne haben? Sind Fahnen kategorisch abzulehnen? Und so weiter. Wo andere Nationen zum Anlass der WM einfach ein bisschen Freude erleben, mit FĂ€hnchen winken, sind bei uns die Autofahnen ein Grund zum nationalen KrisengesprĂ€ch.

Diese Fahnen! Die erhöhen den Spritverbrauch, war ein tolles Sommerlochthema zum ersten ideologischen Fahnenweltkrieg damals 2006. Windwiderstandswerte wurden errechnet, und eine scharfe Kritik aufs Korso-fahren ausgesprochen, inklusive juristischer Debatten ĂŒber die LegalitĂ€t solcher AktivitĂ€ten. Bezeichnend fĂŒr den Windwiderstandsvektor der Fahnendebatte war: Das waren die moderaten Stimmen, die Vernunft in eine unvernĂŒnftige Diskussion bringen wollten. Man kann natĂŒrlich wissenschaftlich ĂŒber Fasching oder Einhörner oder Fußball debattieren. Es Ă€ndert nur nichts daran, dass die Debatte ohne Kontaktpunkte mit Logik stattfindet. Über Geschmack lĂ€sst sich nicht streiten. Es gibt einfach viele Leute, die Fußball mögen. Es gibt außerdem viele Autobesitzer. Eine Schnittmenge beider Gruppen clipt FĂ€hnchen ans Autofenster. WorĂŒber kann man sich da aufregen?

Ich habe eine Fahne (8 Bilder)

Polyester-FlÀggchen zum Anklippen: HÀtten die Nazis damals DIESE Technologie gehabt, wÀren sie heute noch an der Macht. Nicht.

(Bild: Clemens Gleich)

Das ist natĂŒrlich eine rhetorische Frage. Als Deutscher ist mir vollkommen klar, worĂŒber man sich aufregen kann: FĂ€hnchenschwenker tun etwas unreflektiert Freudiges, und sowas sollte am besten verboten werden, denn es ist unkontrollierbar. Wo soll das noch hinfĂŒhren? Denkt denn keiner an die Kinder?! Dementsprechend entschieden gehen mit geradezu grenzenloser moralischer SelbstĂŒberschĂ€tzung gesegnete Menschen durch die Straßen, um Autofahnen abzubrechen. Sie rufen in asozialen Medien wie Facebook zum Mitmachen auf und hinterlassen im Extremfall Pamphlete gegen Patriotismus, denn der sei generell so schlecht, dass der fahnenabbrechende Übermensch sich zum Eingreifen verpflichtet fĂŒhlte. In gestelzter Textform behauptet er, ein FußballfĂ€hnchen am Auto "produziert in jedem Fall Nationalismus". Welche Art von Drogen nehmen solche Menschen? Wahrscheinlich Kokain. Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich selber so ĂŒber Andere erhaben fĂŒhlen kann.