Netzausbau: "Wir stehen gar nicht so schlecht da"

Die Liberalisierung des TK-Markts ist eine Erfolgsgeschichte, finden bei aller Kritik am Detail die daran beteiligten Unternehmen. Jetzt bloĂź nicht nachlassen, der Glasfaserausbau steht an.

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1998 war der Big Bang der Branche: Mit Rückenwind aus Brüssel wurde die endgültige Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte in Europa vollzogen. Acht Pfennig für eine Minute Ortsgespräch – vorbei. Die ehemals staatlichen Monopolisten mussten sich dem Wettbewerb stellen. Nicht nur die neuen Wettbewerber finden, dass die Liberalisierung trotz vieler Unkenrufe eine Erfolgsgeschichte ist.

Flächendeckend FTTH in Deutschland ist bisher nur eine schöne Vision.

(Bild: dpa, Julian Stratenschulte)

Die Wettbewerber haben sich organisiert: Verbände wie der VATM (gegründet kurz vorm Stichtag im Dezember 1997) und der Breko (der jüngst sein 15-Jähriges feierte) versammeln die Kräfte verschiedener regionaler wie überregionaler TK-Anbieter und vertreten deren Interessen – gegenüber der Politik und der Telekom. Das Verhältnis der Wettbewerber zum Ex-Monopolisten ist nicht spannungsfrei, hat sich aber routiniert eingespielt. Es geht um elementare Interessen und viel Geld, da wird leidenschaftliche gestritten. Wenn es im Sandkasten zu laut wird, kommt der Regulierer und verteilt die Förmchen neu.

Die "DTAG" ist der liebgewonnene Gegner der "alternativen" Anbieter, die so alternativ nicht mehr sind, sondern längst zum Establishment gehören. Entsprechend selbstbewusst treten die Wettbewerber auch auf – zumal sie wissen, dass die Breitband-Ziele der Bundesregierung ohne sie nicht zu machen sein werden. "Wir bauen die Netze", lautet die vom Breko ausgegebene Devise. Die Wettbewerber verweisen stolz auf ihren hohen Anteil an den Investitionen, die hierzulande in Netzinfrastruktur fließen.

"Die Politik muss diejenigen unterstützen, die am meisten investieren, wenn wir die Ziele der Bundesregierung noch erreichen wollen", sagt VATM-Präsident Peer Knauer. Der Verband hat in dieser Woche ein Papier vorgelegt, in dem die Investitionen der Telekom-Wettbewerber in Breitband-, Mobilfunk- und Kabelnetze bis 2018 auf rund 21 Milliarden Euro geschätzt werden. Die fließen aber nicht automatisch auch dahin, wo sie am dringendsten benötigt werden: in die weißen Flecken der ländlichen Regionen.

Dafür fordern die Wettbewerber stabile regulatorische Rahmenbedingungen. Bestrebungen aus Brüssel, "nationale Champions" für den internationalen Wettbewerb zu päppeln, lehnen sie ab. Das würde Erleichterungen für die Telekom bedeuten. Auch eine stärker regionale Betrachtung der Regulierung halten die Wettbewerber für kontraproduktiv: "Das hätte eine für alle Beteiligten kaum noch überschaubare und organisierbare Regulierung bis auf Straßenzug-Ebene in den Kommunen bedeutet", mein Knauer. "Die Politik scheint das verstanden zu haben. Das von der Koalition geplante Breitbandinfrastrukturausbaugesetz geht in die richtige Richtung."

Der nächste große Schritt für die Branche ist der Rollout flächendeckender Glasfasernetze. Noch reicht es, aus der bestehenden Infrastruktur das Maximum herauszukitzeln. Die Telekom setzt dabei auf Vectoring, das aus dem VDSL-Anschluss nochmal ein paar Mbit/s mehr herausholt. Für die Wettbewerber führt der Weg vor allem über die Erschließung von Kabelverzweigern mit eigener Glasfaser. "Das ist aber nur eine Übergangslösung", sagt Breko-Präsident Ralf Kleint. Denn schon in ein paar Jahren wird die Bandbreitennachfrage 200 Mbit/s erreichen, schätzt der Verband. Dann ist die Zeit der Glasfaser gekommen.

Der ehemalige Postminister Wolfgang Bötsch ist einer der Väter der Liberalisierung: Er hat sein eigenes Ministerium aufgelöst.

(Bild: heise online/vbr)

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland bei Breitbandversorgung und Glasfaserausbau auf dem Papier nicht so gut ab. "Im EU-Vergleich liegen wir immer noch im Mittelfeld. Unser Ziel muss aber die digitale Champions League sein", sagt die Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur, Dorothee Bär (CSU). Sie ist auch der Meinung, das das auf 50 Mbit/s ausgegebene Ziel schon bald nicht mehr reichen wird.

Wenn man nicht nur auf die bescheidenen 3 Prozent FTTH-Abdeckung in Deutschland abhebt, sondern auch mal bis zum Kabelverzweiger guckt, ist das Bild schon nicht mehr ganz so dĂĽster. Der Telekommunkationsexperte Thorsten Gerpott von der Uni Duisburg-Essen hat fĂĽr den Breko-Verband dazu ein paar Zahlen zusammengestellt: Nimmt man die per FTTH oder FTTC anschlieĂźbaren Haushalte, sind das in Deutschland demnach 49 Prozent und im EU-Schnitt 37 Prozent. "Wir stehen gar nicht so schlecht da", meint Gerpott. (vbr)