Cargo-Kult Krad
Kradkultisten sind Hipster mit MotorrÀdern. Sie haben Schwung in eine verkrustete Szene gebracht, sehen modisch und gepflegt aus, leben Kultur und machen das Motorrad cool. Und man kann sie super hassen. Perfekt.
Glemseck, bei Stuttgart. Jedes Jahr Anfang September trifft sich dort die Motorrad-Szene, in den letzten Jahren boomten die Besucherzahlen, weil eine relativ neue Mode boomt: die des Krad-Kultisten. Im Prinzip sind das Hipster, die was mit MotorrÀdern machen. Ich wollte nur das H-Wort vermeiden, weil dieses H-Wort so schlimm wie das andere H-Wort geworden ist, und der Godwin soll nicht immer Recht behalten im Heise-Forum. Also, die Krad-Kultisten (KK), was tun sie so? Fahren jedenfalls nicht, scheint es auf den ersten Blick.
An meinem Glemseck-Tag Samstag reise ich mit VerspĂ€tung auf der Duke aus dem Schwarzwald an, weil die RuhesteinstraĂe fĂŒr eine Rallye gesperrt wurde. Der Kontrast ist groĂ. Ich trage Sommerleder, Klamotten, in denen man gut fahren kann, aber nicht aussieht wie vom Fetischtreff oder der Mars-Expedition. Integralhelm, wegen Wind und Wetter. Das Motorrad ist relativ neu. Mir entgegen kommt ein Motorrad, relativ alt. Darauf ein Fahrer, relativ jung. Er trĂ€gt einen offenen Helm mit Sonnenbrille, natĂŒrlich Bart, dazu ein Marken-Feinripp-Unterhemd, HosentrĂ€ger aus Leder und eine Jeans, die den Arbeiter-Look der FĂŒnfziger suggeriert.
Cargo-Kult Krad (8 Bilder)

Dieses Bild fasst das Glemseck eigentlich am besten zusammen: Helm ohne Visier mit Goldlack, Bier, Fotos von alten oder auf alt gemachten MotorrÀdern.
Form folgt Funktion, Mode folgt Mode
Bei Motorradklamotten besteht immer ein bisschen KlĂ€rungsbedarf. Der Laie denkt gern, wir tragen Integralhelm und feste Kleidung, damit wir schöner stĂŒrzen können. In Wahrheit stĂŒrzen wir sehr selten, ja: Wir versuchen, StĂŒrze möglichst komplett zu vermeiden. Des Integralhelms wichtigste Funktion daher: Er hĂ€lt den Wind nebst den darin enthaltenen Insekten oder Wassertropfen auf Abstand zur Haut â also dieselbe Funktion, wie sie auch feste Kleidung erfĂŒllt. Die meisten Fahrer sind wohl schon einmal mit dem T-Shirt bei LandstraĂengeschwindigkeit in einen prasselnden Sommerregen geraten. Die Aufprallpusteln danach sehen aus wie eine schlimme Geschlechtskrankheit und verdeutlichen, warum Motorradfahrer auf lĂ€ngeren Strecken wenn möglich stabileres Material tragen.
Dem KK dagegen geht es offenbar mehr um Mode, mehr um sehen und gesehen werden. Sein Motorrad ist schön, aber unbequem, was letzlich egal ist, weil er nur kurze Strecken darauf fĂ€hrt. Soweit meine Vorurteile. Da ich aber weiĂ, dass ich schnell ĂŒbertriebene Vorurteile gegenĂŒber jeder Mode hege, kann das alles nicht unrelativiert stehen bleiben. Mein Desinteresse an Mode liegt ja daran, dass ich viel zu faul bin, jedes Jahrzehnt anders auszusehen. Das erledigt schon der Alterungsprozess ganz von allein fĂŒr mich. Es darf, muss, soll andere Einstellungen dazu geben. Deshalb habe ich die selten angewandte Recherchetechnik "einfach mal mit den Leuten sprechen" ausgegraben und erstaunliche Dinge erfahren.