Was war. Was wird.
Es gibt zu viele Berater, die ĂĽber Online-Journalismus reden und sich dabei eine goldene Nase verdienen, und zu wenige, die sich der Praxis stellen, meint Hal Faber. Die Philosophen aber helfen wirklich mal weiter.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ist der Online-Journalismus abgeschafft? Ist diese kleine Wochenschau am Ende? Denn so sieht es aus, schreibt ein mehr- oder minderkluger Kopf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der längst vergessen hat, wie es mit der Schweriner Volkszeitung im Web begann oder mit Nando.Net als Angebot für Kinder und Jugendliche, die später einmal eine richtige Tageszeitung lesen sollten. So muss das also aussehen, heißt es mit einem Pathos, das an den verblichenen Schrirrmacher erinnert:
"Exzellenten Stoff hervorbringen, ihn in überwältigender Opulenz aufarbeiten, geschickt über alle sozialen und nicht-sozialen Kanäle vertreiben und obendrein einen nicht gekannten Austausch mit dem Leser pflegen. Kurzum, sie müssen ein Feuer anzünden, an dem keiner vorbeikommt."
Feuerchen gefällig? Opulent kann ich auch: schon die letzten Ausgaben der Wochenschau waren bebildert, abseits des Sommerrätsels. Opulent geht so:
*** Aber man predigt ja zu tauben Ohren. Online-Journalismus gibt es nicht, wurde und werde ich nicht müde zu erzählen. Das Medium ist eben nicht die Botschaft, auch wenn es uns Hunderte, Tausende, Millionen von Beratern weismachen wollen, die gut davon leben, ihr Geschwätz an verunsicherte Verlagshäuser und verzweifelte Autoren zu verkaufen. Es gibt zu viele, die über Online-Journalismus reden und zu wenige, die sich der Praxis stellen: Journalismus eben, auf und in den unterschiedlichsten Medien und Ausprägungsformen. Und mit jeweils ganz eigenen, oft kombinierbaren Möglichkeiten, das, was man zu sagen und zu berichten hat, an den Leser zu bringen.
*** Und was ist nun mit dem unerhörten Austausch mit dem Leser? Von mir zu dir, von korpulent zu intelligent? Nach einer nicht repräsentativen Umfrage unter den irgendwie repräsentativ kommentierenden Lesern dieser kleinen Wochenschau nölt selbige viel zu häufig. So im Stil: "Früher war alles besser, gnagna und überhaupt, früher, da blickten wir doch alle durch." Blickten wir das wirklich? Ja, vielleicht bei einen 4040, da konnte man noch jedes Byte beobachten, wie es in den Arbeitsspeicher wanderte, aber dann kam schon der Kontrollverlust und die Klagen über selbigen. So habe ich mich, nach dem Gutmenschen der letzten Wochenschau, wieder einmal auf die Suche gemacht, in Archiven gewühlt und bin fündig geworden bei einem Philosophen, der vor vielen Jahren die c't als die "einzig unbestechliche unter Deutschlands Computeranwendungszeitschriften" lobte. Der schrieb im selbigen Aufsatz:
"Nicht umsonst fiel die Trennung zwischen Supervisor Level und User Level bei Motorola, Protected Mode und Real Mode bei Intel in die Jahre, als auch US-Amerika an den Aufbau eines wasserdichten Zweiklassensystems ging. Nicht umsonst sind beim 80386 gerade die Input- und Output-Befehle durch höchste Privilegstufe geschützt: In einem Imperium, dessen Bevölkerung den Rest der Welt nur durch die Mattscheibe von Fernsehnachrichten zu sehen bekommt, bleibt schon der Gedanke an Außenpolitik ein Regierungsprivileg."
*** Nun haben wir hier kein Sommerrätsel mehr, also kann ich ohne Probleme auf den Germanisten Friedrich Kittler verweisen, der diese originelle Verschwörungstheorie 1991 auf der Jahrestagung des FIfF zum Besten gab, wo er eigentlich über den Frieden und Electronic Warfare sprechen sollte. Kittler hatte damals auf seinem 386er den Memory-Expander QEMM386 von Quarterdeck installiert und arbeitete mit dem Knechtschaftsmodul Word 5.5. Er stand deshalb mit DOS, Intel und ganz besonders Microsoft auf dem Kriegsfuß, weil nichts lief, wie er das wollte, insbesondere nicht die Nutzung des "Expanded Memory". Durch den Protected Mode fühlte er sich nicht geschützt, sondern abgerichtet, vor der Mattscheibe seines Bildschirms sitzend, als Konsument, zu unfroher Arbeit verdammt. Wir sehen, die Zurichtung des Subjektes à la mode de USA fängt eigentlich viel früher an als mit den Spitzeleien von NSA und BND. Bleibt nur die Frage, was gute Arbeit ausmacht in einer Zeit, in der "die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein" (Karl Marx, nicht Friedrich Kittler). Offenbar kann das niemand beantworten, warum sonst wird jetzt für eine Milliarde Euro zur guten Arbeit und zu "Arbeitsprozessen als soziale Faktoren" geforscht im Schweiße unserer Angesichter?
*** Wie geschützt wir allesamt verblöden, das hat in dieser Woche der Spiegel sehr schön gezeigt, als er die hilflosen Handlungsvorschläge Handy veröffentlichte, unter ihnen Schmarren wie "Baldige Ergebnisse beim No-Spy-Abkommen" und Gedankenmüll wie "Druckszenario aufbauen". Sollte wirklich ein Druck aufgebaut werden, dann muss er vom Volk und seinen Volksvertretern kommen, nicht von einer Kanzlerin, die mit ihrem Mobilfunkvertrag schnell zu einem nationalen Provider wechselt. Pustekuchen. Wenn es wirklich um handfeste Details bei NSA und BND geht, wechselt unsere Regierung vom Protected Mode zum Black Mode, dem geschwärzten Modus zum Wohle des Staates, nicht der Menschen. Nicht einmal die NSU-Mitglieder des Untersuchungsausschusses, die zur Geheimhaltung verpflichtet werden können, dürfen die Akten einsehen, so zerbrechlich ist das Imperium Merkelennium. Getoppt wird der Unsinn, wenn selbst europäische Gremien wie Europol auf Weisung aus den USA den Abgeordneten Informationen verweigern. Um es mit Carl Schmitt zu sagen: Souverän ist der, der über den Schwärzungszustand entscheidet.
*** Aber halt, war nicht die opulente Vorstellung dieser Apple-Watch das wichtigste Ereignis dieser Woche? Wohl eher nicht, wenn man nachliest, wie die letzten Hoffnungen der Anständigen auf Apple als das handelnde Subjekt der universellen menschlichen Befreiung enttäuscht wurden. Nein, Apple hat nichts kapiert, seitdem es mit dem iPod den "Beginn des Informationszeitalters" und des Verteilungskapitalismusses einläutete. Statt am Rad der Geschichte zu drehen, spendierte man seiner Uhr ein kleines Scroll-Rädchen:
Es gibt allein zwei unterschiedliche Formen des Informationskapitalismus, die miteinander im Krieg sind, ohne es zu wissen. Wenn Apple die welthistorische Relevanz seines Modells verstünde, dann würde es mit seiner positiven, 'organischen' Kraft den Überwachungskapitalismus wegwischen. Aber nein, stattdessen ist man fixiert auf Dinge: Jungs und ihre Spielzeuge, die ewige Selbsttäuschung bei jeder technischen Innovation. Wir denken immer, es sind die Produkte, die für Innovation und Revolution stehen, aber es sind die Zusammenhänge und Strukturen, die Logik dahinter, die sich ändern.
*** Jungs und ihre Spielzeuge, das sitzt, das hat Schmackes. Diese Uhr, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als das "calvinistische Über-I am Handgelenk" verdammt wird und die doch nur eins will, unsere Knete. Was natürlich die Frage provoziert, was Freud von einem Über-Ich am Handgelenk halten würde, das aufzeichnet, wie wir uns je nach Geschlecht die Perle putzen, den Delfin lackieren, den Lurch würgen oder einen von der Palme schütteln. Ausgerechnet unsere sonst so undigitale Regierung hatte sofort eine Antwort parat, in Gestalt der Wirtschaftsstaatssekretärin Brigitte Zypries aus Darmstadt-Wixhausen. Sie empfahl ihren Zuhörern, die Apple Watch beim Sex doch tunlichst abzulegen. Sonst würde doch Intimes gemessen. Wie sangen noch die Straßenjungs? Jeder Mensch ist mal alleine. Und nimmt dann die rechte H^^^ ähem, sein Spielzeug. Und dazu dann das ganze Konsenssoßeheulsusenmusik-Elend, ja, das passt.
*** Darauf muss man nicht gleich einen Ausflug in unsere dunkelsten Stunden unternehmen, es ist aber möglicherweise der passende Kommentar:
Through these city nightmares you'd walk with me
And we'd talk of it with idealistic assurance
That it wouldn't tear us apart
We'd keep our heads above the blackened water
But there's no room for ideals in this mechanical place
And you're gone now
There has to be passion
A passion for living, surviving
And that means detachment.
*** Ablösung? Wo bleibt denn das Positive, Opulente, das Feuer unter unseren Hintern? Ja, man kann sich wirklich mit Digitalcourage freuen, dass der Verein zusammen mit Women in Exile den taz Panter Preis 2014 gewonnen hat und 5000 Euro bekommt. Doch muss diese Geschichtsvergessenheit um jeden Preis nötig sein? "Das Künstlerduo Rena Tangens und padeluun gründete 1985 in Bielefeld Digitalcourage e. V. Seit damals arbeitet der Verein, dem inzwischen rund 850 Mitglieder angehören, an verschlüsselter E-Mail-Software und für mehr Datenschutz", heißt es da bei der taz. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass der schöne Name "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs", später FoeBuD der schicken Digitalcourage weichen musste.
Was wird.
Gleich am Wochenanfang wird es lustig, denn da werden auf einer Konferenz zur Zukunft der digitalen Gesellschaft von unserer Forschungsminsiterin Deutschlands digitale Köpfe gefeiert und geehrt, ermittelt von einer Jury der Gesellschaft für Informatik. Abgesehen davon, dass Menschenköpfe bis auf Weiteres noch immer sehr analog funzen, leben die Informatiker offenbar länger, wie der Ewigkeitsfanatiker Ray Kurzweil es einstmals visionierte. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Mensch wie Marco Boerries als Software-Wunderkind ausgezeichnet wird, im zarten Alter von 48 analogen Jahren. Gewiss, er gab uns Open- bzw. LibreOffice, nachdem sein Starwriter sich gegen Wordstar und Word Perfect behaupten konnte, doch was das Kind im Manne heute auszeichnet, bleibt verborgen. Einerseits. Andererseits ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn Deutschland einen Sonnengott bekommt als Alternative zum fliegenden Spaghettimonster. Es ist alles eine Frage der Anschlüsse, in der Realität wie in Traumasien. (jk)