Blinde wurden sehend

Die passive Sicherheit hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Die aktive Sicherheit hat jedoch einen entscheidenden Rückschritt machen müssen: Man sieht heute weniger als in sagen wir: einem alten 911

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Durch diesen breiten Kanal soll das Licht einfallen in die Augen, muss sich der Herr Porsche gedacht haben damals.
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"Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend!" Da ward der blinde Bettler Bartimäus laut Bibel sehend. Fern sei mir die behindertenverhöhnende Behauptung, es sei mir kürzlich genauso gegangen, aber an die Bibelpassage denken musste ich doch, als ich von einem aktuellen Porsche 911 in einen alten Porsche 911 umstieg, in den Porsche 911 Turbo, um genau zu sein, den letzten mit dem lange gebauten 3,3-Liter-Motor. Das Lenkrad ist im Vergleich zu heute direkt an der Scheibe befestigt, der Sitz knapp dahinter, die A-Säulen weit nach außen ins periphere Blickfeld gerückt und überhaupt sehr dünn. Die flache Haube fällt unsichtbar an der unteren Scheibenkante ab. Stattdessen dominieren diese zwei Kanonenrohre das Blickfeld, die den Lichtschein werfen. Sie zeigen genau an, wo die Vorderräder sind. Zum ersten Mal verstand ich, was diese grantigen alten Männer immer haben mit ihrem "alterneunelferalterneunelfer". Es ist eine Offenbarung. Weil man was sieht.

Sofort fragte ich den freundlichen Porsche-Mann von der Klassik-Abteilung, wieso das heute nicht mehr geht. Fußgängerschutz. Airbags. Sensoren. Und so weiter. Zusammenfassend: passive Sicherheit. Anders als andere grantige alte Männer habe ich gar nichts gegen passive Sicherheit. Ich wünsche mir nur, dass wir vor lauter passiver Sicherheit nicht die aktive Sicherheit vergessen. Selbstverständlich soll ein Fußgänger beim Kontakt mit einem Auto maximale Chancen haben, bei möglichst kompletter Gesundheit zu bleiben. Noch schöner wäre es jedoch auch für den Fußgänger, wenn der Unglücksfahrer ihn bestmöglich sieht und Kollisionskurse vermeidet.

Blinde wurden sehend (4 Bilder)

Durch diesen breiten Kanal soll das Licht einfallen in die Augen, muss sich der Herr Porsche gedacht haben damals.

(Bild: Clemens Gleich)

Aktive und passive Sicherheit müssen Konstrukteure seit jeher gegeneinander abwägen, und seit jeher fallen die Kompromisslösungen je nach Hersteller leicht unterschiedlich aus. In den letzten Jahren hat für mein Empfinden jedoch die passive Sicherheit so vehement Überhang erhalten, dass mir langsam der Kompromisssinn insgesamt fragwürdig scheint. Ein Phänomen ist besonders bezeichnend, weil es zumindest mir in dieser Ausprägung erst auffällt, seit die Übersicht so unterirdisch wurde: An Ampeln bemerke ich immer mehr Leute, die mit mehr als einer Wagenlänge Abstand zur Linie stehen. An manchen Stellen stellen sich Fahrer so hin, damit sie die Ampel überhaupt sehen können. An den meisten stehen sie jedoch vermutlich so, weil die Haltelinie schon seit drei Kilometern hinter der sehr sicheren Frontverkleidung verschwunden ist.