Willkommen in der Matrix
Das Internet der Dinge, Big Data und Wearables werden Leben und Arbeiten massiv verändern – und sich zu einem bruchlosen Datenraum verweben, der die Menschen wie eine zweite Haut umhüllt.
- Niels Boeing
- Dr. Wolfgang Stieler
Das Internet der Dinge, Big Data und Wearables werden Leben und Arbeiten massiv verändern – und sich zu einem bruchlosen Datenraum verweben, der die Menschen wie eine zweite Haut umhüllt.
Es ist früher Abend, als Bandar Antabi in München im Hotel eincheckt. Er muss in einer Stunde zu einem Geschäftsessen in einem Restaurant, das er nicht kennt, und davor noch an einer Telefonkonferenz teilnehmen. Die App seines Datenarmbands ermahnt ihn, dass er erst 80 Prozent seines idealen täglichen Bewegungspensums geschafft hat. Kein Grund für Antabi, die Ruhe zu verlieren.
Als er sein Gepäck aufs Zimmer gebracht hat, gibt er in die Navigations-App die Adresse des Restaurants ein, setzt das Bluetooth-Headset ans Ohr und macht sich auf den Weg. Während der Smartphone-Assistent ihn durch die Münchner Straßen leitet, wählt er sich in die Konferenz ein. Die Teilnehmer merken nichts von seinem Spaziergang, denn eine spezielle Rauschunterdrückung filtert die Hintergrundgeräusche heraus. Auch die Anweisungen des Navigationsassistenten bleiben seinen Gesprächspartnern verborgen, für sie scheint Antabi in einem Büro zu sitzen. Kurz bevor er das Restaurant erreicht hat, ist die Besprechung erledigt, und als er am Tisch Platz nimmt, hat er auch sein Bewegungspensum für den Tag erfüllt.
Was für viele wie ein Szenario aus einer nahen Zukunft klingt, ist für Bandar Antabi bereits Realität. Der Head of Special Projects des kalifornischen Wearable-Herstellers Jawbone gehört zu den Menschen, die den ersten Schritt in eine neue Stufe der Vernetzung getan haben. Bei dem Datenarmband handelt es sich um das Jawbone Up24, das Bluetooth-Headset Icon HD stammt ebenfalls von Jawbone und verfügt über eine Lärmunterdrückungs-Technologie, und der Sprachassistent ist natürlich Apples Siri. Jede dieser Technologien für sich genommen ist praktisch, aber noch nicht spektakulär. Erst die Verbindung untereinander und mit Datendiensten im Hintergrund macht sie zu einem frühen Beispiel für das, was Antabi das "Internet of You" nennt.
Vielleicht ist "Matrix" eine treffendere Bezeichnung. In ihr vereinigen sich Konzepte wie das Internet der Dinge, Ubiquitous Computing – allgegenwärtiges Rechnen –, Big Data, Wearables und "Social Physics" zu einem Lebensraum, der eher an die alles umfassende Datensphäre des Hollywood-Blockbusters erinnert als an das gute alte Internet. Thermostate und Stromzähler, Autos und Straßen, ja alltägliche Gegenstände wie Möbel werden nachgerüstet, damit sie sich unablässig dem Netz mitteilen können.
Die Preise der nötigen Bauteile sind seit den Nuller-Jahren drastisch gesunken: WLAN-Chips etwa seit 2002 auf ein Viertel, Bluetooth-Chips seit 2000 gar auf ein Zwanzigstel. Mit dem Internetprotokoll Version 6 (IPv6) stehen mehr als genug Adressen zur Verfügung, um auch Hunderte Milliarden Geräte im Netz eindeutig zu identifizieren. "Mit dem Internet der Dinge wird das Suchen in der Realwelt wichtig", sagt Friedemann Mattern, der an der ETH Zürich seit Jahren am Internet der Dinge und am Ubiquitous Computing forscht. Autoschlüssel, entlaufene Haustiere, verlorene Koffer könnten sich bald googeln lassen.
Vernetzt und eindeutig adressierbar könnten sie, so wie heute Online-Videos oder Nachrichten, ihre eigene URL haben, unter der ihr momentaner Standort notiert ist. Die Technik für ein solches "Web der Dinge" sei zwar noch nicht ganz ausgereift, "aber in einigen Jahren wird das gehen", sagt Mattern. Gleichzeitig rückt die Informationstechnik mit Smart Watches, Smartphones, Fitness-Armbändern "immer näher an den Menschen heran", sagt Mattern. Was er nicht erwähnt: Sie will auch unter die Haut, um die Gedanken und Gefühle zu lenken.
Wie die Matrix das menschliche Verhalten verändert
Die U-Bahn ist proppenvoll mit Pendlern. Müde, abgespannte Gesichter sind in ihre Smartphons vertieft und tasten sich durch den Strom der Mitteilungen und Kommentare auf Facebook. Eine Frau am Ende des Waggons scrollt mürrisch durch ihre Timeline, stutzt – und stößt einen leisen Freudenschrei aus. In der Timeline hat sie eine Anzeige für ein Paar seltene Turnschuhe entdeckt, ihre beste Freundin hat es bereits gelikt. Die Frau drückt den "Buy"-Button.
Die richtige Information im richtigen Augenblick, das "Angebot, das man nicht ablehnen kann" – das Arsenal psychologischer Tricks und Kunstgriffe gehörte schon immer zum Handwerkszeug von Werbern. Doch Alexander Pentland behauptet, aus der Kunst der subtilen Beeinflussung eine Wissenschaft gemacht zu haben. Pentland, Professor am MIT und dort Leiter des Human Dynamics Lab, beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Dingen wie "Reality Mining" und "Computational Social Science".
Sein Ziel: Aus den alltäglichen Datenspuren, die wir überall hinterlassen, zu berechnen, wie und warum Menschen tun, was sie tun. Erstmals in der Geschichte könne die Wissenschaft auf genügend Daten zurückgreifen, um dieses Ziel zu erreichen, glaubt Pentland. In seinem aktuellen Buch "Social Physics" fasst der Physiker die Ergebnisse seiner zahlreichen Experimente in einer Theorie zusammen, die die "Matrix" wissenschaftlich untermauert. Menschen, glaubt Pentland, tun sich zu Gruppen zusammen, weil sie Probleme gemeinsam besser lösen können als allein. Durch gegenseitiges Beobachten lernen die Gruppenmitglieder schneller, was funktioniert und was nicht. Gruppen, schreibt Pentland, verhalten sich so wie ein Wesen mit einer Art "kollektiver Intelligenz". Je besser der Ideenfluss in einer Gruppe funktioniert, desto erfolgreicher kann sie Probleme lösen.
Was harmlos klingt, hat eine äußerst weitreichende Konsequenz: Wer die innere Struktur – den sozialen Graphen – einer Gruppe kennt, kann sie gezielt beeinflussen. Pentland und sein Team haben ein eigenes Messgerät entwickelt, das den "Fluss der Ideen", die soziale Struktur und die Effizienz, mit der eine Gruppe Probleme löst, quantitativ misst. Das "Sociometric Badge" ist etwa so groß wie ein Smartphone, rund 100 Gramm schwer und wird an der Kleidung befestigt wie ein Namensschild. Jedes dieser Geräte hat eine eindeutige, maschinenlesbare Kennnummer, eine ID, die es in Form eines Infrarotsignals ausstrahlt. Die Badges können die IDs anderer Badges bis zu sechs Fuß weit in einem kegelförmigen Bereich vor dem Gesicht des Trägers "sehen".