Post aus Japan: Verspielte Lufthoheit
Unbemannte Flugobjekte waren in Japan schon lange ein Markt, bevor das Drohnengeschäft global abhob. Doch Japan ist bei dem Boom nicht dabei – wieder einmal.
- Martin Kölling
Unbemannte Flugobjekte waren in Japan schon lange ein Markt, bevor das Drohnengeschäft global abhob. Doch Japan ist bei dem Boom nicht dabei – wieder einmal.
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Als Amazon noch gar nicht wusste, dass das Unternehmen mal in Drohnen investieren würde, waren unbemannte Flugobjekte in Japan schon ein Markt. Seit 1987 versprühen ferngesteuerte Helikopter Yamahas bereits Gifte auf japanischen Feldern. Inzwischen tun bereits mehr als zweitausend dieser Miniflieger global Dienst. Auch in der Entwicklung von Roboterdrohnen ist Japan technisch ganz vorne mit dabei, demonstriert Shinji Suzuki, Professor für Luft- und Raumfahrt an der Ingenieursschule der Universität Tokio. Seine Modelle starten, fliegen und landen vollautomatisch. Das Problem: Wieder reißen sich Drohnenhersteller aus anderen Ländern den Weltmarkt unter die Nägel. "Die Drohnenproduktion hat in Japan noch nicht wirklich begonnen", gibt Suzuki zu.
Damit droht sich ein?e? industriepolitische Entwicklung zu wiederholen: der Verlust einer Marktführerschaft. Solarzellen sind ein Beispiel. Japan war für 30 Jahre der größte Markt, bis Deutschland die Sonnenenergie zu fördern begann. Inzwischen spielen chinesische Hersteller die erste Geige. Ein anderes sind Smartphones: Japanische Handys waren de facto schon lange Smartphones, bevor der Name mit dem iPhone-Boom geschaffen wurde. Doch Japans Hersteller vermochten es nicht, ihre technische Dominanz in globale Marktmacht umzusetzen. Bei Robotern im Umfeld des Menschen droht sich ähnliches zu wiederholen: Japan begeisterte mit seinen Humanoiden zwar die Medien. Doch Geld verdiente zuerst der US-amerikanische Hersteller iRobot mit einem Staubsauger.
Suzuki nennt zwei Gründe für dieses Versagen in seinem Gebiet, die allerdings auch in anderen Bereichen gelten. Erstens haben japanische Unternehmen Drohnen noch nicht als Markt erkannt. Sie sind halt sehr konservativ?. Zweitens ist die Förderung von Start-ups im Gegensatz zu den USA sehr schwach ausgeprägt. Unternehmer mit einer guten Idee haben es daher schwer, das notwendige Startkapital zu ergattern.
Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Faktor für die fehlende Dynamik: Besonders ältere japanische Wissenschaftler zeigten in der Vergangenheit wenig Interesse an einer Vermarktung ihrer Ideen. Statt sich mit Erfindungen selbständig zu machen und reich zu werden, gingen sie voll und ganz in der Forschung um der Forschung Willen auf (Ausnahmen bestätigen die Regel). "Wir werden traditionell nicht gut bezahlt und haben uns daher daran gewöhnt, uns mit wenig zufrieden zu geben", erklärte mir ein Forscher dieses Phänomen.
Immerhin will Suzuki dies ändern. Er gehört zu den Gründern einer Organisation, die die Entwicklung von unbemannten Flugzeugen fördern will. Gemeinsam mit den Behörden sollen Sicherheitsstandards gesetzt werden, die den Betrieb von Drohnen regeln. Japan ist zwar generell ein Land, in dem Grauzonen in vielen Bereichen toleriert werden, nicht aber in der Hightechindustrie. Weder für Industrieunternehmen noch für ordentliche Ingenieure der alten Schule schickt es sich daher, wie ein amerikanisches Start-up einfach in gesetzliche Lücken hinein zu produzieren. ()