Wie Verdi mit dem Amazon-Streik um Mitglieder buhlt
Vor Ostern verstärkt Verdi wieder ihre Streiks beim Versandhändler Amazon. Ein Branchen-Experte glaubt, dass es Verdi vor allem darum geht, neue Mitglieder anzuwerben. Die Gewerkschaft kontert: Je mehr Mitglieder, desto größer die Durchsetzungskraft.
(Bild: Amazon)
Ostern kommt der Gewerkschaft Verdi gelegen – wenn es darum geht, Amazon zuzusetzen. Im umsatzträchtigen Weihnachtsgeschäft versuchte Verdi zuletzt mit aller Macht, Amazon die Bilanz zu vermiesen. Danach wurde nur vereinzelt in dem Tarifkonflikt gestreikt. Jetzt – zum Ostergeschäft – intensiviert Verdi wieder massiv die Bemühungen. Am Dienstag wurde in bundesweit sechs Verteilzentren an fünf Standorten von einem Teil der Belegschaft die Arbeit niedergelegt. Und es geht weiter: An vier Standorten wurde der Streikaufruf bis Donnerstagabend verlängert.
In Branchen-Kreisen wird der seit 2013 währende Tarifkonflikt aufmerksam beobachtet. Verdi will Amazon zur Aufnahme von Tarifverhandlungen bewegen und einen Tarifvertrag zu den besseren Bedingungen des Einzelhandels erwirken. Handelsexperte Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, meint aber: "Die Verdi-Streiks bei Amazon sind mittlerweile ein reiner PR-Gag. Sie dienen nur der Mitgliederwerbung für die Gewerkschaft. Da geht es gar nicht mehr um den Kampf um einen Tarifvertrag, sondern darum, neue Mitglieder zu gewinnen und Aufmerksamkeit in der Presse zu erzeugen."
Eva Völpel aus dem Verdi-Bundesvorstand in Berlin erwidert: "Bei jedem Streik gewinnen wir Mitglieder. Darum geht es ja auch – je mehr Leute, desto mehr Durchschlagskraft". Zahlen zur Mitgliederentwicklung in einzelnen Bereichen gebe die Gewerkschaft generell nicht heraus. Neue Mitstreiter kann die Gewerkschaft aber gut gebrauchen. Im vergangenen Jahr ist die Mitgliederzahl nach eigenen Angaben leicht zurückgegangen. Zum Jahresende verzeichnete Verdi insgesamt exakt 2.039.931 Mitglieder, das waren 24.610 oder 1,19 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Zudem ist Heinemann der Ansicht: "Die Streiks bei Amazon könnten für die Gewerkschaft auf Mitarbeiterseite nach hinten losgehen. Verdi forciert lediglich, dass Amazon die Automatisierung und Arbeit mit Robotern in den Versandlagern vorantreibt. Auch eine Verlagerung der deutschen Standorte in Richtung Osten wird langfristig provoziert."
Welche Auswirkungen die aktuelle Streikwelle hat – darüber herrscht Streit. Amazon versichert immer wieder: Die Proteste laufen ins Leere. Mit Hilfe des europaweiten Logistiknetzwerks an 28 Standorten könne man die Angriffsversuche von Verdi entkräften. Die Gewerkschaft ist sich dagegen sicher: Wir tun Amazon weh. Es komme zu Lieferverzögerungen, die an der Zuverlässigkeit von Amazon rütteln sollen.
"Das Ostergeschäft ist wichtig"
Amazon versucht seine Kunden stetig zu beruhigen. Wer bis Dienstagabend bestellt hat, bekommt die Lieferung pünktlich bis Ostern, lautet die Botschaft. So soll niemand befürchten, Präsente würden womöglich nicht rechtzeitig zugesendet. Amazon-Sprecherin Anette Nachbar betonte: "Das Ostergeschäft ist wichtig für uns."
Gestritten wird auch über die Frage: Wie entwickelt sich die Streikbereitschaft? Amazon meint, sie bröckele. Ohnehin streike auch nur eine Minderheit. Die Gewerkschaft gibt sich indes stets kämpferisch und sieht einen ungebrochenen Willen der Mitstreiter. "Das wird ein langer Kampf. Wir brauchen einen langen Atem", erklärt Verdi-Frau Völpel.
Der Tarifkonflikt ist seit langem festgefahren. Eine Lösung scheint nicht in Sicht, ohne dass eine Partei ihr Gesicht verliert und ein Scheitern eingestehen muss. Verdi fordert Amazon zu Tarifgesprächen zu den Bedingungen des Einzelhandels auf. Amazon sieht sich als Logistikunternehmen und sieht keinen Anlass für Zugeständnisse.
Wegen der Differenzen kommt es seit Mai 2013 immer wieder zu Streiks; am Dienstag am größten deutschen Standort in Bad Hersfeld (Hessen), in Koblenz (Rheinland-Pfalz), Leipzig (Sachsen), in Rheinberg und Werne (Nordrhein-Westfalen). In Koblenz endeten die Streiks am Dienstag vorläufig. An den anderen Standorten wird der Ausstand bis Donnerstagabend verlängert, wie Verdi am Nachmittag bekannt gab. Auch die Beschäftigten des DVD-Verleihers und Video-Streaming-Dienstes Amazon Prime Instant Video in Elmshorn (Schleswig-Holstein) beteiligten sich am Dienstag erstmals am Streik. (anw)