Schatten ihrer selbst

Ganz oben auf der Klassikwelle schwimmen sie mit wie dieser Bakterienschaum im Meer: Triumphs Klassikmodelle. Alle machen ein Gewese um sie, deshalb mal ein Gegenpunkt: Es sind seelenlose KackstĂĽhle

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Die Klassikwelle rollt, und ganz obendrauf, da schwimmen sie, die Klassik-Triumphs: Bonneville, Thruxton, Scrambler. Täglich treiben ihre Freunde eine Umbausau davon durchs Dorf der Facebook-Timeline. Sie tragen sie mir an wie Sauerbier oder ein Leben in Berlin, und alle drei Dinge, Bier, Berlin, Bikes finden sie offenbar so selbstverständlich toll, dass eine andere Meinung unvorstellbar bleibt. Deshalb führe ich eine alternative Meinung hier einmal aus, zum zukünftigen drauf verlinken.

Zum Glück überzeichnet das Gewese um die Klassiks ihre reale Relevanz sehr deutlich. "Zum Glück", weil diese Dinger eine besonders bescheuerte Version des Retrowahns zeigen: Sie feiern das alte Meriden-Triumph zur Zeit des Firmenuntergangs, der hauptsächlich daran lag, dass ihre Motorräder zu schlecht waren. Vor allem wir Deutschen lieben die Briten, aber es war eben einfach so, bei aller Liebe. Dieses "zu schlecht" kann man heute sterilisiert kaufen: funktionierend, ohne Leiden, ohne Leidenschaft. Klassik-Triumph-Kräder aus Hinckley sind ein Fake einer schon in ihrer Gegenwart verklärten heutigen Vergangenheit, die also an sich schon ein Fake war. Sie sind Luftschlösser im Vakuum. Wer nach ihrer Seele sucht, wird daher am Ende nur diesen toten Schatten finden.

Schatten ihrer selbst (7 Bilder)

Triumph Scrambler. Was fĂĽr ein unglaublich deprimierender Kackstuhl, dachte ich damals. Denke ich auch weiterhin.

(Bild: Triumph)

Als ich zu Anfang meiner Motorrad-Profession hoch begeistert beim Motorradmagazin MO anfing, fand ich zufällig heraus, dass die Redaktion statt der Triumph Scrambler genausogut eine Triumph Daytona 675 für einen Dauertest hätte haben können. Ich wollte das zunächst nicht glauben, denn es fehlte dieser Entscheidung an jeder für mich nachvollziehbaren Grundlage. Die Daytona 675 war damals neu, sie war ein Meilenstein für Hinckley-Triumph. Sie war modern, liebenswert, pfeilschnell und anders als die japanische Supersportkonkurrenz, ohne für Hobbyracer schlechter zu sein. Sie nahm alle Hürden, an denen die letzten Meriden-Maschinen so schmerzhaft gescheitert waren, und nahm sie in bester britischer Form. Trotz alledem hatte die Redaktion zu dieser Sensation "nein, danke" gesagt und sich für ein Motorrad entschieden, das alt aussah, alt fuhr, technisch alt ausgestattet war und wenn man versuchte, sie mit der Seele zu berühren, alterte man selbst sofort um drei Zeitalter, weil da nichts war außer der leere, dunkle Sog der Äußeren Dimensionen, wo die Powerpoint-Präsentationen und andere Geschöpfe Lovecrafts herkommen.

Natürlich erklärten mir liebe Kollegen gerne ausführlich, warum sie die Scrambler mochten. Kernthese: Hinckley-Triumph habe das einzig wahre Anrecht auf das Erbe von Meriden-Triumph. Das zeigt nur wieder, wie derselbe Sachverhalt in den Köpfen zweier direkt nebeneinander stehender Menschen in zwei diametral entgegengesetzten Ansichten enden kann. Wenn eine japanische Firma in motorkultureller Naivität versuchte, Harleys nachzubauen (alle Japano-Softchopper wurden so geboren) oder die von Tränen und Testosteron triefende Vergangenheit der Briten, dann wussten sie nicht so genau, was sie tun. Sie wollten nur auch sowas Cooles, wie ein Kind, das Marc Silvestris X-Men nachmalt. Manchmal entsteht aus so einer Motivation mit der Zeit sogar eine eigene, interessante Tradition, siehe Yamaha SR.