Alternative Antriebe: Dampf
Jedes männliche Kind hatte seine Dampfmaschinenphase, ausgelebt zum Beispiel an der Wilesco, die den Wohnzimmertisch vernarbte. Bei Darren Cunningham ist das keine Phase, sondern sein Charakter
"Komm, steig auf!", sagt eine Stimme hinter mir, als ich an diesem australischen Dampftraktor von 1907 stehe. Sowas muss man männlichen Menschen egal welchen Alters nicht zweimal sagen. Ich steige auf, die Stimme folgt und erklärt. Dieses Kunstwerk aus Stahl wurde früher – wie ein Traktor heute – mit oder ohne Hänger an einen Arbeitsort gefahren, an dem die Dampfmaschine meist per Riemen Dinge wie Drescher, Sägen oder alle möglichen anderen Arten von Maschinen antrieb, die dem Menschen schwere mechanische Arbeit abnehmen sollten. Es gibt eine wunderbare alternative Bezeichnung für solche Dampftraktoren, wenn sie als Zugmaschinen im Lastenverkehr eingesetzt wurden: Straßenlokomotive. Ich will eine, nur damit ich sagen kann: "Ich komm' dann mit der Straßenlokomotive. Wartet nicht auf mich."
Besonders bemerkenswert an diesem Dampftraktor finde ich seine Schmierung und den Zustand seiner beweglichen Teile von der Kettenlenkung bis hin zur Ofentür. Das Teil sieht aus, als könne es jederzeit losfahren. "Das kann es auch", sagt die Stimme. "Und das tut sie auch. Wir fahren damit bei Klassik-Events." Die Stimme heißt Darren Cunningham. Darren betreibt zusammen mit seinem Vater Denis das Isle of Man Motor Museum in Jurby, nahe des alten Flughafens, von dem aus im Krieg britische Bomber operierten. Wir hatten glaube ich alle unsere Dampfmaschinenphase, in der wir mit der Wilesco erforschten, wie viel Drehzahl in einem Päckchen Esbit steckt und wie viele Brandlöcher Vater erträgt, bevor er das Ding wutentbrannt wegschmeißt. Bei Darren war das keine Phase, sondern das bleibt sein Charakter.
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"Hier, komm mal rüber, das musst du sehen", ruft Darren und springt vom Bock des Traktors, hinüber zu einem Stanley Steamer: "Das ist mein Lieblingsauto." Das Lieblingsauto adelt, dass es einige Technik mit der Stanley Rocket teilt, dem ersten Auto, das über 200 km/h fuhr – 1906, wohlgemerkt. Das Serienauto fuhr daher auch nicht gerade langsam: "Der schafft über 70 Meilen in der Stunde!", sagt Darren. Klar über 100 km/h in einem Fahrzeug, das heutigen Eltern als Kinderwagen zu schmalreifig wäre. Respekt. Darren hat jedoch eine moderne Modifikation vorgenommen und eine zusätzliche Bremse montiert. "Früher gab es mehr Platz", erklärt er. "Im heutigen Verkehr war das vorher fucking scary. Deshalb mein Upgrade."
Automatikdampf
Eine Dampfmaschine hat wie ein Elektromotor so viel Drehmoment ab Null, dass ein Dampfantrieb üblicherweise ohne Kupplung und Leerlauf auskam. Die Arbeitszylinder trieben entweder die Räder direkt an, also zum Beispiel mit einer Kurbelwelle als Antriebsachse, oder wie bei vielen Stanleys über einen Kettenantrieb zur Hinterachse. Dem Fahrer blieb jedoch selbst ohne Kuppeln und Schalten keine freie Zeit, denn er musste mit seinen Füßen Wasser pumpen, Brennstoff und Schmieröl. Es muss damals ein ziemliches Schauspiel gewesen sein, als Beifahrer einem gekonnen Bediener dabei zuzuschauen, wie er seine Dampfmaschine am Leben hält. Wahrscheinlich wurden solche Autos eher selten gestohlen. Der Dieb brauchte außer Fachwissen auch Geduld, denn der Brenner des Stanley benötigte vergastes Kerosin, und dazu musste ein Benzinbrenner den Vergaser auf Temperatur bringen. Und dann auf Dampfdruck warten. Das konnte je nach Fertigkeit schon eine halbe Stunde dauern. In Darrens Steamer steckt eine erste Automatik, die den Nachschub des Kerosins drosselt, wenn der Druck im Kessel einen Schwellenwert übersteigt.