Komitee für die Organisierung der ICANN-Mitglieder gegründet

Die Auseinandersetzungen um die Vertretung der Internet-Nutzer bei der ICANN reißen nicht ab - ein neugegründetes Komitee will die ICANN-Mitglieder nun organisieren.

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Von
  • Monika Ermert

Rund 50 ICANN-Mitglieder haben am gestrigen Sonntag bei ihrem ersten Treffen mit den neugewählten Direktoren der Internet-Verwaltung Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) ein Interim Coordinating Committee (ICC) gegründet. Innerhalb der kommenden sechs Monate will das jüngste ICANN-Gremium ein Forum für die 76.000 individuellen Mitglieder der für die Reform des DNS zuständigen Organisation schaffen. "Wir sollten aber nicht nur E-Mails hin- und herschicken, sondern auch einen Prozess haben, Nasen zu zählen, wenn es um bestimmte Positionen geht", sagte der für USA und Kanada gewählte ICANN-Direktor und ICANN-Kritiker Karl Auerbach. Im Oktober hatten die so genannten At-large-Mitglieder in einer ersten globalen Online-Wahl fünf Direktoren als Vertreter der Nutzerinteressen innerhalb der Internet-Verwaltung ins ICANN-Board gewählt.

Einen "historischer Moment" nannte Organisator Hans Klein (Computer Professionals for Social Responsibility) diese so genannte At-large-Wahl und das Treffen der daraus resultierenden At-large-Vertreter, das er in den vergangenen Wochen gemeinsam mit einem 17-köpfigen Programmkomitee aus Direktoren, unterlegenen Kandidaten, Vertretern verschiedener Netzorganisationen zusammengetrommelt hatte. "Gar nichts mit ICANN" zu tun hatte das Ganze dagegen für Rob Blokzijl, Direktor im amtierenden ICANN-Vorstand. Blokzijl gehört seit längerem zu den Kritikern der Idee umfassender Mitspracherechte für die Endnutzer.

Die ICANN Statuten seien in diesem Punkt ganz klar, sagte Blokzijl gegenüber heise online: "ICANN hat keine Mitglieder. Man hätte besser von der Wählerschaft statt von Mitgliedern reden sollen." Auch ICANN-Finanzchef Andrew McLaughlin sagte in einer vom Berkman Center for Democracy organisierten Gesprächsrunde, ICANN mache schließlich keine Gesetze, sondern versuche, auf Konsens beruhende Entscheidungen zu technischen Fragen zu treffen. Man hoffe, dass die neuen Mitglieder sich in den bereits bestehenden Gremien, den so genannten Supporting Organizations, allen voran der Domain Name Supporting Organization (DNSO), engagieren.

Die bestehenden Gremien stünden engagierten, individuellen Mitgliedern selbstverständlich offen, meinte McLaughlin, allerdings unter dem Gelächter einer Reihe von Anwesenden. "Pure Fiktion" nannte er die Darstellung Kleins, dass mit der ursprünglichen Satzung der ICANN eine Balance zwischen den Industrievertretern und Konsumenten beabsichtigt gewesen sei. Dem neugegründeten ICC sprach McLaughlin jede Legitimation zur Vertretung der Mitglieder ab und warnte gar vor einem Hijacking der Mitglieder durch eine kleine Gruppe von Leuten, die es sich leisten könnten, nach Los Angeles zu kommen.

"Hans weiß nicht einmal, wer die Nutzer sind", sagte McLaughlin. Die ICANN hat sich bisher strikt geweigert, E-Mai-Adressen der Wähler aus ihren Wählerlisten weiterzugeben, aus Gründen des Datenschutzes. Barbara Simons, Mitglied im ICC-Programmkomitee und Kandidatin für den At-large-Direktoriumssitz für USA/Kanada, forderte McLaughlin auf, die Mitglieder wenigstens per E-Mail über die Aktivitäten des ICC zu informieren. "Es ist frustrierend für die Direktoren, die können sich nicht einmal an ihre Mitglieder richten, weil sie einfach nicht wissen, wer die sind."

Simons forderte ähnlich wie Jeanette Hofmann im Gegensatz zu Vertretern aus Frankreich und Italien, sich trotz des erst einmal vorläufigen Status des ICC nicht ausschließlich in Fragen der Organisation und Mobilisierung weiterer At-large-Mitglieder zu vertiefen. Vielmehr gehe es darum, möglichst schnell den Status der frisch gewählten Direktoren zu festigen und die Nachwahl der vier weiterhin mit Interims-Direktoren besetzten At-large-Sitze voranzutreiben. Die ICANN hat inzwischen die geplante Begleitstudie zu der Online-Wahl um die grundsätzliche Frage zur Notwendigkeit des At-large-Prozesses erweitert. Es gehe darum, so konkretisierte McLaughlin, die gesamte Vorstandsstruktur ohne Vorannahmen zu überprüfen.

Harte Worte gab es dazu vom Center for Democracy and Technology und der Domain Name Rights Coalition (DNRC). "Wenn die nicht gewählten Mitglieder des Vorstands, und besonders ihre Bordsquatter-Kollegen, irgendeinen Respekt für die Organisation haben, an deren Aufbau sie seit zwei Jahren beteiligt sind, werden sie ihre Angriffe gegen die At-large-Membership und die gewählten Direktoren einstellen", heißt es in einem Papier der DNRC.

Das Papier zitiert die verschiedenen Bekenntnisse, die die ICANN zur Notwendigkeit des At-large-Prozesses gegenüber dem Department of Commerce und Vertretern des US-amerikanischen Kongresses abgegeben hat. Die scheidende Interimsvorsitzende Esther Dyson wird darin mit den Worten zitiert: "Es ist ICANNs höchste Priorität, die notwendige Arbeit abzuschließen, um eine arbeitsfähige At-large-Mitgliedschaftsstruktur aufzubauen und Wahlen für die neun At-large-Direktoren durchzuführen, die durch die Mitglieder bestimmt werden müssen."

Zumindestens zur Frage der Zukunft der At-large-Direktoren wird sich das ICC bei aller Zurückhaltung nicht enthalten können, das zeigte bereits die vom Berkman Center initiierte Diskussion. Grundsätzlich verstehen sich die 15 ICC-Mitglieder, zu denen ohne größere Diskussion die Mitglieder des ursprünglichen Programmkomitees bestimmt wurden, als Plattform für Mitgliederdiskussionen und -Wünsche. Keine Ergebnisse brachte die erste Sitzung zu den Fragen, wie die endgültige Mitgliederorganisation aussehen und wie sie finanziert werden soll. Mit "organizing the unorganized" beschrieb Andy Müller-Maguhn, At-large-Direktor für Europa, die schwierige Aufgabe. Er stellte den At-large-Mitgliedern die Themen Privacy, Kulturraum Internet und die Notwendigkeit zur Diversität bis hin zur Dezentralisierung der Root-Server als Programm vor.

Doch bis diese Themen von den At-large-Mitgliedern diskutiert werden, könnte noch einige Zeit vergehen. Zu unterschiedlich sind die Notwendigkeiten in den fünf Regionen. Vor allem müssen noch nationale Gräben zugeschüttet werden. Italien und Frankreich beklagen nach wie vor die Dominanz der Deutschen bei der Wahl, ähnlich sieht es in Lateinamerika aus, wo Ivan Moura Campos von der brasilianischen Presse gepusht wurde. Vany Martinez aus Panama erklärte die brasilianischen Wähler kurzerhand für wenig kompetent in Internetfragen. Einig sind sich die ICC-Vertreter aus Afrika, die als Triumvirat gemeinsam mit ihren Direktor Nii Quaynor auftraten. Der japanische At-large-Direktor Masanobu Katoh, immerhin mit den meisten Stimmen weltweit gewählt – 13.000 im Vergleich zu den 67 von Nii Quaynor –, war dagegen überhaupt nicht zum Treffen der Basis erschienen. (Monika Ermert) / (jk)