Post aus Japan: Eine Nation vor dem Take-off

Auf der Paris Air Show präsentiert Mitsubishi ganz groß seinen ersten Passagierjet. Innovative Technik soll Kunden überzeugen, eine Marketingkampagne den europäischen Markt erschließen. Das Unternehmen ist dabei auf nationaler Mission.

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Von
  • Martin Kölling

Auf der Paris Air Show präsentiert Mitsubishi ganz groß seinen ersten Passagierjet. Innovative Technik soll Kunden überzeugen, eine Marketingkampagne den europäischen Markt erschließen. Das Unternehmen ist dabei auf nationaler Mission.

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

2015 könnte zu einem wichtigen Meilenstein in Japans Industriegeschichte werden. Ausgerechnet das 70. Jahr nach dem Ende des zweiten Weltkrieges könnte die Wiedergeburt Japans als Großmacht in der Luffahrtindustrie markieren. Erstmals seit dem Kriegsende steigen in Japan entwickelte kommerzielle Jets in den Himmel auf.

Der Auto- und Motorradhersteller Honda hat bereits seinen HondaJet auf Welttournee geschickt. Dabei handelt es sich um eine Art Minivan fĂĽr den globalen Jetset. Doch nun schiebt sich auf der Paris Air Show ein anderer Vogel in den Vordergrund: der Mitsubishi Regional Jet (MRJ), der ab 2017 in zwei Versionen rund 70 oder 90 Passagiere transportieren soll. Und das ist ein Flugzeug von ganz besonderer Bedeutung.

Während Hondas Jet nur den Traum des Gründers Soichiro Honda erfüllt, befindet sich der MRJ im Selbstbild seiner Erbauer auf nationaler Mission. "Der MRJ ist nicht Mitsubishis, sondern Japans MRJ", sagte vorige Woche Hiromichi Morimoto, der neue Chef der erst 2008 gegründeten Flugzeugssparte von Mitsubishi Heavy Industries (MHI), in kleiner Runde im Hauptquartier am Flughafen Nagoya. Und wir waren dabei.

Tatsächlich hat die Japan AG zusammengelegt, um Japans Traum vom eigenen Linienjet zu verwirklichen. MHI steuerte 64 Prozent der einen Milliarde Startkapital bei, den Rest teilten sich Japans Entwicklungsbank und sieben Firmen sowie Handelshäuser. Darunter ist auch der Autobauer Toyota. So ganz allein will man Honda die Lüfte doch nicht überlassen.

Der Grund für den Höhenflug ist Industriestrategie. Angesichts der Fabrikenflucht ist die Techniknation Japan verzweifelt auf der Suche nach Industriezweigen, die man noch im Land halten kann. Und die Luft- und Raumfahrtindustrie gehört dazu, da das Land hier seinen Vorsprung in Materialtechnik, Prozess- und Produktiontechnik und seine hohen Löhne noch am ehesten verteidigen kann.

Der Unterschied zu staatstragenden Projekten anderswo – oder Internetfirmen wie Amazon ist dabei, dass Gewinne-Machen Pflicht ist. Dementsprechend haben die Japaner auch geklotzt. Sowohl Hondas wie auch Mitsubishi Erstling gehören technisch zu den Hinguckern, was besonders bei Honda erstaunlich ist. Mitsubishi hat sich seit Jahrzehnten als Boeing-Lieferant und Lizenzfertiger von US-Kampfjets für Japans Luftstreitkräfte einen Namen gemacht. Honda hatte außer dem Traum des Gründers nichts.

Bei Honda ist die Platzierung der Triebwerke ein Alleinstellungsmerkmal. Die Japaner haben es geschafft, die zwei Düsen nicht wie üblich am Rumpf anzubringen, sondern aerodynamisch herausfordernd auf den Flügeln. Dies ermöglicht eine größere und leisere Kabine für den Siebensitzer.

Mitsubishi wiederum verweist neben den Flügeln stolz auf das Design des Flugzeugrumpfs. Sie haben es geschafft, ihn zigarrenrund in die Länge zu ziehen und gleichzeitig die geräumigste Kabine, mit 47 Zentimetern die breitesten Sitze und den geringsten Spritverbrauch in seiner Klasse, anzubieten. Die Sitze sind damit drei Zentimeter breiter als in der Economy der Lufthansa. Das sind Welten.

Während 1,88 große Menschen bei Bombardiers Konkurrenzprodukten mit dem Skalp die Decke touchieren, haben sie beim MRJ noch 15 Zentimeter Luft. Nur die Brasilianer von Embraer halten da noch annähernd mit. Aber die schaffen sich dadurch Raum in der Kabine, dass sie den Rumpf nach unten ausbeulen. Und die Abweichung vom kreisförmigen Durchschnitt erhöht den Luftwiderstand und damit den Treibstoffverbrauch.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Japaner als Neulinge nur dann eine Chance am Markt haben, wenn sie sich vom Start weg an die Spitze des Feldes setzen. Dabei haben sie sorgsam darauf geachtet, erstens nicht sofort Airbus und Boeing in die Quere zu kommen. Zweitens konzentrieren sich auf einen möglicherweise boomenden Markt der Regionaljets mit rund 61 bis 130 Sitzen. Und es ist immer einfacher, in einen wachsenden Markt mit kleineren Mitbewerbern einzusteigen.

Der Erfolgsdruck ist dennoch hoch, gerade weil es ein Projekt mit nationaler Bedeutung ist. "Dies ist die letzte Chance fĂĽr Japan, in die Party als wirklicher Flugzeughersteller und nicht nur als Zulieferer einzusteigen", sagt Mitsubishis Marketingchef Hideyuki Kamiya. Immerhin: Die OrderbĂĽcher sind mit 407 Bestellungen fĂĽr den Anfang ganz gut gefĂĽllt. Jetzt muss Mitsubishi den MRJ nur noch in die LĂĽfte kriegen.

Einfacher gesagt als getan: In Paris zeigte das Unternehmen nur ein Modell der Kabine. Denn der Prototyp dreht gerade daheim auf dem Flughafen Nagoya Proberunden – auf dem Taxiway. Denn der Jungfernflug wurde auf September verschoben. Es sei halt das erste Modell, da könnten Verzögerungen schon mal auftauchen, entschuldigt sich Morimoto im Gespräch. Doch an einem will er dennoch nicht rütteln. Die ersten MRJs sollen wie versprochen 2017 an die Kunden ausgeliefert werden. Wenn Mitsubishi das schafft, können sich die Japaner wirklich Hoffnung machen, sich langfristig im Flugzeugbau auch als Hersteller zu etablieren. ()