Vom Leben als Meerschweinchen

Im Studienjahr 2007 haben sich 30.300 Studierende für das Fach Informatik eingeschrieben. Toll. Endlich wieder genügend Versuchskaninchen für Bildungspolitiker.

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Im Studienjahr 2007 haben sich 30.300 Studierende für das Fach Informatik eingeschrieben. Das bedeutet eine Zunahme von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, melden die Kollegen vom Newsticker unter Berufung auf vorläufige Zahlen des Statistischen Bundesamts. Im Bereich Maschinenbau/Verfahrenstechnik wuchs die Zahl der Studienanfänger demnach sogar um zehn Prozent auf 38.000, im Bauingenieurswesen um 18 Prozent auf 9500. Ich hoffe nur, das wesentliche Motiv für die Studienfachauswahl war jeweils nicht die Aussicht auf einen tollen Job.

Denn hier wiederholt sich doch nur der bekannte Schweinezyklus (der eigentlich eher Karnickelzyklus heißen sollte). Ich schreibe aus eigener Erfahrung - ich bis selbst Teil dieses Zyklus gewesen: Ich habe in Anfängervorlesungen mit ein paar hundert Kommilitonen gesessen, an Verlosungen für Praktikumsplätze teilgenommen und bin wochenlang auf der Suche nach einer Diplomstelle durch die Institute getingelt, nur um nach dem Studium erst mal arbeitslos zu werden. Gut, ich konnte nach etwa einem Jahr doch noch eine Doktorandenstelle ergattern, aber die hat das Problem eigentlich nur verschärft, weil danach – Mitte der Neunzigerjahre – Arbeitsplätze für (promovierte) Physiker vollends Mangelware waren.

Alle paar Jahre wieder raufen sich Unternehmervertreter und Politiker öffentlich die Haare und jammern und klagen über den fortschrittsfeindlichen Mangel an Fachkräften in diesem Land. Dann gibt es PR-Kampagnen (inklusive Multimedia-Ausstellungen, Vorträgen interessanter Wissenschaftler), manchmal werden Fördertöpfe aus dem Boden gestampft und – weil die Fachkräfte ja gesucht sind – steigen auch die einschlägigen Löhne. Daraufhin steigen die Studierendenzahlen an – das Angebot an freien Stellen bricht zusammen, und die Zahl der Studierenden folgt dieser Entwicklung.

Ich will hier nicht rumgreinen – schließlich bin ich als Technikjournalist erfolgreich wieder in das Arbeitsleben reintegriert worden. Und das eine oder andere Nützliche habe ich wohl auch gelernt: eine hohe Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, als unwichtig empfundene Details einfach wegzulassen (Wissenschaftstheoretiker nennen das "Reduktionismus") und vielleicht sogar ein wenig technische Grundbildung (wie die Fähigkeit, mit alten Computern aller Art klarzukommen). Was mich an diesem Spiel wirklich ärgert, ist die ungeheure Verschwendung von Zeit, Geld, Kraft und Talent, die mit diesem bildungspolitischen Dilettantismus einhergeht: Es ist doch nicht so, dass die Welt auch nur halbwegs gut ausgebildete Naturwissenschaftler, Lehrer, Ärzte – ja und sogar Juristen – nicht brauchen würde: Anhaltendes Bevölkerungswachstum, rasant wachsender Energiebedarf, Klimawandel, politischer und sozialer Wandel durch die Globalisierung: Da wäre schon noch die eine oder andere Frage offen, die hoffnungsvolle, junge Akademiker beantworten könnten. Aber wenn dieser, unser geheiligter Marktmechanismus diese Leute nicht abfragt, vergammeln ihre Talente offenbar schneller, als frischer Fisch auf dem Markt. Und dann machen die vorher so mühsam ausgebildeten Akademiker halt was anderes. Manche werden Journalisten. Manche werden Politiker. Immer noch besser, als auf der Straße zu landen, hätte meine Oma gesagt. (wst)