Ran an den Beton
Der Klimawandel bewegt doch was: Jetzt soll auch der viel geschmähte Baustoff grüner werden.
- Niels Boeing
Das CO2, das wir in die Erdatmosphäre blasen, ist nicht einfach nur eine technische Achtlosigkeit. Man könnte es vielmehr als den Preis bezeichnen, den die moderne Zivilisation (noch) zahlen muss, weil sie sich willentlich über natürliche Beschränkungen hinwegsetzt. Das ist beim Verkehr offensichtlich, wenn Verbrennungsmotoren es ermöglichen, enorme Distanzen in kurzen Zeiten zu überbrücken. Aber beim Bauen verhält es sich nicht anders.
Der Baustoff Beton gibt uns die Freiheit, bei der Konstruktion nicht mehr auf die innere Struktur eines Werkstoffs Rücksicht nehmen zu müssen. „Je bestimmungsloser der Stoff, desto geeigneter für unsere Zwecke“, hat der Philosoph Hans-Dieter Mutschler, der etwa das Ringen des Schreiners mit Astlöchern und Holzmaserung als Beispiel eines von der Natur weniger entfremdeten Bauens ansah, einmal leicht säuerlich bemerkt.
Nun werden pro Jahr weltweit sieben Kubikkilometer Beton verbaut. Der Haken: Die Produktion des dazu nötigen Zements setzt gewaltige Mengen CO2 frei – schätzungsweise vier bis fünf Prozent der jährlichen globalen Emissionen (davon etwa die Hälfte aus der chemischen Umwandlung von Kalziumkarbonat).
Doch ebenso wie beim motorisierten Verkehr bewegt sich auch beim Beton etwas. Die kalifornische Firma Ekocrete hat nach eigenen Angaben einen „ultra-grünen Beton“ entwickelt, der bis zu 90 Prozent recycelten Beton enthalten kann. Nanofasern und andere Beimischungen sollen den Stoff sehr viel langlebiger machen als herkömmlichen Beton (die Druckfestigkeit kann zwischen den DIN-Festigkeitsklassen C12/15- und C55/67 liegen). Wieviel CO2 damit eingespart wird, verrät das Unternehmen, das den Ultra-Green Concrete in diesem Jahr erstmals produzieren will nicht.
Allerdings verwendet Ekocrete nach wie vor den verbreiteten Portland-Zement. Diese CO2-Quelle will die österreichische Firma Betontechnologie Slagstar mit dem neu entwickelten Spezialzement „Slagstar“ ausmerzen. Anders als bei Portland-Zement besteht der aus Hüttensand, der nicht wie jener gebrannt, sondern nur gemahlen werden muss. So sollen im Vergleich die CO2-Emissionen um bis zu 90 Prozent verringert werden.
Als ich das las, fiel mir die Firma Tewa Technology ein, die in den Neunzigern ein Material namens „Plasphalt“ entwickelt hatte. Er bestand aus zermahlenen Plastikabfällen und Asphalt und sollte ein umweltfreundlicherer und langlebigerer Straßenbelag werden. Leider meldete Tewa Technology 2002 Konkurs an, und mehr als eine Teststrecke wurde nie plasphaltiert. Pro Meile hätte dies Deponien um 75 Tonnen Plastikmüll erleichert.
Vielleicht ließen sich ja alle drei Ansätze zu einem neuen Baumaterial kombinieren: Slagstar-Zement plus recycelter Beton plus zermahlener Plastikmüll. Auf jeden Fall ist auch beim viel geschmähten Beton mit weiteren Öko-Innovationen zu rechnen. (wst)