Die Zukunft, die keine war
2009 jähren sich gleich zwei Großereignisse des Fortschritts, die der Menschheit optimistische Versprechen gaben, die auch 40 Jahre später noch nicht eingelöst sind.
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Diese hübsche Redensart passt besonders gut in den Bereich der Zukunftsforschung. Da versprechen uns Experten für die kommenden Jahrzehnte gigantische Fortschritte, die aber leider entweder gar nicht oder nur auf Umwegen tatsächlich erreicht werden. 2009 jähren sich zwei Großereignisse der Flugverkehrsgeschichte, die ein wunderschönes Beispiel dafür abgeben: Vor 40 Jahren, im Jahr 1969, landete die Mannschaft von Apollo 11, die NASA-Astronauten Buzz Aldrin und Neil Armstrong, auf dem Mond. Es folgten bis 1972 sechs weitere Trips zum Erdtrabanten (inklusive Apollo "Houston, we've had a problem" 13) mit fünf weiteren Landungen, dann war die Überlegenheit der USA im Weltraumwettrennen endgültig bewiesen und das Programm konnte beerdigt werden.
Ebenfalls 1969 hob die Concorde erstmalig ab und ging dann 1976 in den transatlantischen Liniendienst. In drei bis dreieinhalb Stunden konnte man mit ihr von London und Paris nach New York düsen, mit zweifacher Schallgeschwindigkeit. Das war zwar nicht wirklich billig, doch wenigstens konnte der Normalbürger ein wenig davon träumen, z.B. nach einem Lottogewinn mal eben schnell morgens zur Fifth Avenue zum Shoppen zu fliegen, um dann am Abend unterm Eifelturm einen Drink zu genießen.
Und was haben wir heute? Sind Flüge zum Mond für jeden erschwinglich, haben wir eine Basis auf dem Erdtrabanten und kann ich über die Mittagspause per Scramjet zum Washington Square Park eilen? Natürlich nicht. Die Concorde ist Geschichte, nach einem einzigen (wenn auch katastrophalen) Absturz – mit dem anschließenden Erkenntnisgewinn, dass man nach 27 Jahren Dauereinsatz doch irgendwann einmal darüber nachdenken sollte, ein neues Modell der Baureihe zu entwickeln. (Was man natürlich nicht tat, weil es sich ohne Großinvestitionen nicht gerechnet hätte.)
Stattdessen brauchen wir heute wieder (mit GlĂĽck) acht Stunden bis nach New York, genieĂźen BilligflĂĽge, die sich (fast) jeder leisten kann, wenn er nicht trickreich von seiner Airline ĂĽber den Tisch gezogen wird und reisen aufgeregt in Riesenjumbos mit der Eleganz japanischer Hornissen um den Erdball.
In Sachen Monderoberung sieht es nicht besser aus. 36 Jahre ist es inzwischen her, seit der letzte Mensch den Erdtrabanten betreten hat. Heute schicken wir höchstens Sonden hin oder lassen, als Zeichen des technischen Fortschritts einer einst rückständigen und heute aufstrebenden Nation, Satelliten in ihn hineinkrachen. Die bemannte Raumfahrt ist derweil im Abschwung, das einst stolze Shuttle der NASA veraltet und noch immer nicht durch neue Technik ersetzt, die Wiederbesiedelung des Mondes mit Glück auf das nächste Jahrzehnt verschoben. Stattdessen gibt es Möchtegern-Weltraumreiseanbieter, die ihre Celebrity-Kundschaft für sechs Minuten suborbitale Freuden mindestens 200.000 Dollar abnehmen.
Natürlich ist das alles ein Jammern auf hohem Niveau. Uns machen die acht Stunden nach New York nichts aus, solange wir nur Internet im Flieger haben, einen Stromanschluss für unseren Laptop und ein vernünftiges Unterhaltungsprogramm. Wenn wir uns denn überhaupt wegbewegen müssen aus unseren komfortablen Büros, schließlich kostet die weltweite Kommunikation auch im hochauflösenden Videobild fast nichts mehr. Im Weltraum haben dagegen Satelliten das Kommando übernommen, liefern uns tolle Aufnahmen des Planeten (fast) frei Haus, helfen uns beim Navigieren und senden Tausende von TV-Programmen auf die Erde. Wer will da schon zum langweiligen Mond...
Und trotzdem: Ein bisschen mehr Fortschritt im Luftverkehrswesen hätte ich mir satte 40 Jahre nach Mondlandung und Beginn des Überschalltransportwesens doch gewünscht. Sie auch? (wst)