Das China-Syndrom

China und die USA haben einen neuen Wettlauf entdeckt: Wer baut die meisten neuen Atomkraftwerke? FĂĽrs Protokoll: Wir haben es ja gewusst - die Renaissance der Atomkraft war absehbar.

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In den Vorstandsetagen von Framatome und Co dürfte in diesen Tagen die eine oder andere Champagnerflasche geköpft worden sein. Grund genug zum Feiern gab es ja - und wir sprechen hier nicht vom Karneval: Als im Oktober 2005 in Finnland der Grundstein für den ersten europäischen Druckwasserreaktor gelegt wurde, war das bestenfalls ein symbolisches Ereignis.

Anfang der vergangenen Woche lief die Meldung ĂĽber die Agenturen, dass die chinesische Regierung in den kommenden 15 Jahren 32 neue Atomrekatoren bauen lassen will. Da diese 32 Reaktoren aber auch nur vier Prozent des Energiebedarfes der rasch wachsenden chinesischen Wirtschaft decken werden, sind Nachbestellungen recht wahrscheinlich.

Dann gab US-Präsident George W. Bush in seiner Rede an die Nation bekannt, dass die USA sich langfristig aus der Abhängigkeit vom Öl befreien wollen. Und was sie machen, machen sie gründlich: Derzeit stehen in den USA 103 Atomkraftwerke (AKW), die rund einen Fünftel des inländischen Stroms erzeugen. Das US-Energieministerium strebt nun eine Zunahme auf 300 Reaktoren bis zum Jahr 2050 an. Schließlich erklärte die US-Regierung Ende der vergangenen Woche, dass sie Indien massiv beim Ausbau seiner nuklearen Kapazitäten unterstützen wolle.

Fürs Protokoll: Wir haben es ja gewusst - die Renaissance der Atomkraft war absehbar. Erfreulich ist das trotzdem nicht. Wenn die Ressourcen jetzt in den Ausbau der Atomenergie fließen, fehlen sie bei der dringend notwendigen Anpassung der Energieversorgung an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts. Dafür gibt es jedoch nicht beliebig viele Chancen - die Weichen für die nächsten 30 Jahre werden jetzt gestellt.

Mit dem weltweiten Ausbau der Atomkraft - vor allem in Schwellenländern - wächst zudem die Gefahr der Verbreitung von spaltbarem Material und Knowhow für Atomwaffen. Es ist schon eine bittere Ironie, dass die Internationale Atomenergiebehörde ausgerechnet in einer Zeit den Friedensnobelpreis bekommt, in der dies so klar wird, wie kaum jemals zuvor. Der Atomstreit mit dem Iran kann in dieser Hinsicht nur als erste Warnung betrachtet werden. So zynisch das klingen mag: Wir werden uns die Zeiten des kalten Krieges noch zurückwünschen, als die Bombe wenigstens nur in in überschaubar wenigen Händen war. Wer nicht genügend Phantasie hat, um sich vorzustellen, um was es wirklich geht, kann ja ein wenig mit dem Effects Calculator der FAS spielen. (wst)