Das groĂźe Ding
Apples gestern vorgestelltes iPhone könnte den Mobilfunkmarkt tatsächlich revolutionieren. Schade nur, dass das Unternehmen inzwischen zu Vaporware-Taktiken greift.
Es kommt selten vor, dass gigantischer Vorab-Hype von einem tatsächlich erschienenen Produkt dann übererfüllt wird - selbst bei einem meisterlichen Show-Mann wie Steve Jobs nicht, der es immer wieder hinbekommt, aus möglicherweise eher langweiligen IT-Verkaufsobjekten sexy Dinger zu machen, die man einfach haben muss.
Beim gestern auf der Macworld-Messe in San Francisco vorgestellten "iPhone" scheint es aber tatsächlich so zu sein: Hier hat eine Firma über Jahre mit immer größer werdenden Internet- und Pressespekulationen gelebt - und diese dann tatsächlich in die Tat umgesetzt, ja eben gar noch übertroffen. Über 200 Patente stecken in dem Ding - vom großen Display mit einer bislang nicht gekannten Pixeldichte (160ppi) bis zur neuerfundenen Steuerung namens "Multi Touch". (Den Umdrehsensor, den das Handy ebenfalls hat, kennt man übrigens bereits aus Indien.)
Die wenigen, die das iPhone bereits aus wirklicher Nähe betrachten durften (und es sind tatsächlich nicht viele), kommen aus dem Schwärmen nicht heraus. Apple scheint mit einem Schlag nahezu alle Probleme gelöst zu haben, die aktuelle Smartphones noch immer plagen - vor allem aber die schlechte Bedienbarkeit und ihre zumeist hässlichen Oberflächen. Kein Wunder, dass Jobs gleich mehrfach über die Konkurrenz von RIM (BlackBerry) über Nokia und Motorola bis hin zu Palm herzog: "Die Dinger haben eine mechanische Tastatur, da können Sie keine Knöpfe ergänzen, wenn sie etwas an der Bedienung verändern wollen. Dieses Problem haben wir beim PC vor über 20 Jahren mit dem Bitmap-Display gelöst."
Zum von vielen Roadwarriorn gehassten Stylus (wie viele von den Dingern habe ich bei meinem P990i schon auf dem Flughafen fallen gelassen?) grunzt Jobs nur abschlägig: Sein Telefon wird mit den Fingern bedient, denn schließlich hat die jeder. (Und wie ich Apple kenne, wird auch die Touchscreen-Oberfläche nicht verschmieren. Mikrofasern oder sowas. Ganz sicher.)
Das, was man in der Keynote vom iPhone sehen konnte - die Bedienoberfläche, die fein abgerundeten Features, die Freude, die die Nutzung zu machen scheint - könnte den Mobilfunkmarkt tatsächlich aufrollen, wenn Apple seine Karten richtig spielt. Und wenn die Oberfläche und der Funktionsumfang nicht als Verkaufsargument ausreichen: Das Ding ist ja schließlich auch noch ein "echter" iPod, der sogar vernünftig aufgelöste Videos wiedergeben kann. Und iPods wollen noch immer alle, sagen die Marktforscher.
Bei all dem Jubel darf man aber eines nicht vergessen: Noch ist das iPhone Vaporware. Es ist angekündigt und scheint für eine Demo ausreichend zu funktionieren, auf der Macworld wird es aber hinter Glas ausgestellt. Es dauert noch ein gutes halbes Jahr, bis das Gerät in den USA auf den Markt kommt, Europa folgt erst im vierten Quartal. Apple begründet die Verzögerung mit der notwendigen Zulassung bei der US-Regulierungsbehörde FCC - und die hätte das iPhone womöglich vorab verraten, hätte sich Apple um deren Stempel bereits jetzt bemüht.
So logisch das klingt - es dürfte nur ein Grund für die Juni-Einführung sein. Technisch ist ebenfalls noch nicht alles fertig. So behauptet Apple zwar, auf dem Gerät laufe "OS X", was das aber heißt, sagt der Hersteller nicht. Kein Wort dazu, ob es sich um ein Derivat oder eine Embedded-Version handelt - kein Wort über Programmierschnittstellen, die ein "echtes" OS X ausmachen würde. Ebenfalls unschön ist die fehlende Unterstützung für UMTS: Wer über GSM/EDGE browsen muss, macht das nicht lange. Offensichtlich glaubt Apple, dass die Internet-Browser-Funktion (die im übrigen die beste ist, die ich jemals auf einem Handy gesehen habe) nur in WLAN-Zonen genutzt wird. (Das kann aber auch alles daran liegen, dass der Netzpartner Cingular in Sachen UMTS noch ein wenig hinterher ist.)
Fazit: Das iPhone wird ein groĂźer Wurf. Nur eben erst im Sommer - oder, bei uns, im Winter. (wst)