Goldgräber-Visionen

Die erste Investoren-Konferenz fĂĽr die Stammzellen-Branche trifft auf ein geteiltes Echo. Beide Seiten haben Recht.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Wenn man Versprechen halten kann, ist alles gut. Wenn nicht, hat man unter Umständen seine Glaubwürdigkeit verspielt. In diesem Dilemma stecken scheinbar auch die Stammzellenforschung und die regenerative Medizin, also die Heilung von Erkrankungen durch gezüchtetes Gewebe. Beide Bereiche gelten als medizinisch wie wirtschaftlich zukunftsträchtige Disziplinen, von denen sich Forscher wie Betroffene Heilung unter anderem für Parkinson, Herzinfarkten oder Krebs versprechen.

Da klingt es logisch, ein Treffen zu organisieren, um Forscher, die Ergebnisse haben und Kapital benötigen und Geldgeber zusammenzubringen. So geschehen ist das vergangene Woche in Frankfurt am Main, wo hauptsächlich auf Initiative des Finanzdienstleisters Advanced Asset Management (AAM) die erste internationale Stammzellen-Investoren-Konferenz stattfand.

Das Echo darauf war allerdings geteilt und das kam so: Während Werner-J. Brech, Vorstand von AAM, von einer Goldgräberstimmung und CDU sowie FDP per Briefgruß von einem wichtigen Signal an die Investorenszene sprachen, fürchtet mancher deutscher Forscher und Industrievertreter, dass die Zelltherapien – ähnlich wie die Gentherapien – zu früh verheizt werden, bevor sie sich bewähren und bevor gefährliche Nebenwirkungen ausgeschlossen werden konnten – und somit ihre Glaubwürdigkeit bei den Investoren und den Krankenkassen (die auch bereits bestehende Produkte noch nicht erstattet) verlieren.

Beide Seiten haben Recht und Unrecht zugleich. Es ist richtig, Investoren mit Forschern und Unternehmen zusammenzubringen, damit Geld in die Entwicklung viel versprechender Therapien fließt. Denn es war schließlich eine internationale und keine rein deutsche Veranstaltung, zumindest lässt die internationale Referentenliste darauf schließen. Die deutsche Stammzell-Branche und Forscher sollten Selbstbewusstsein zeigen, denn sie haben gute Ergebnisse, und versuchen, die Investoren gerade auch von Frühphasenfinanzierungen und dem Kapitalbedarf für klinische Studien zu überzeugen. Dazu muss man nun mal die Werbetrommel rühren.

Die Forscher wiederum haben Recht, wenn sie beklagen, dass zwischen Grundlagen- und produktorientierter Forschung eine Finanzierungslücke klafft. Bislang warten Investoren und auch große Pharma-Unternehmen erfahrungsgemäß lieber, bis die Forscher aus Universitäten und entwickelnden Unternehmen erste belastbare Ergebnisse liefern. Für die Erlangung selbiger ist es aber gerade schwer, Kapital einzuwerben – ein Teufelskreis. Ob er mit einer solchen Konferenz durchbrochen werden kann, muss sich noch zeigen. Ein erster Schritt könnte es sein.

Das Bundesforschungsministerium und die Länder gehen jedenfalls mit gutem Beispiel voran und investieren in den kommenden drei Jahren auf dem Gebiet der regenerativen Medizin einen zweistelligen Millionenbetrag in produktorientierte Forschung von Fachzentren und Exzellenzclustern. Deshalb wären Präsentationen der Vertreter dieser Fachzentren spannend gewesen, denn unter ihnen könnten die nächsten Kandidaten für Ausgründungen sein – nicht uninteressant für Investoren.

Die Forscher haben aber ebenfalls Recht, wenn sie fordern, auf dem Teppich zu bleiben. Man muss ausschließen, dass es beim Einbringen von Stammzellen in Hirn oder Herz zu gefährlichen Überraschungen, etwa zur Entwicklung von Zähnen oder Knochengewebe kommt. Es bringt in der Tat wenig, von Goldgräberstimmung zu sprechen. Das klingt nach einem Versprechen von schnellen Umsätzen, das so nicht gehalten werden kann. Darüber wundern sich eingeladene Forscher wie Professor Jürgen Hescheler zu Recht, ein Pionier auf dem Gebiet der embryonalen Stammzellen, der noch mindestens zehn Jahre an klinischer Entwicklung vor sich hat. Die Erforschung und Entwicklung von Zelltherapien braucht Zeit und hier müssen die Investoren auch mal Risikofreude und einen langen Atem beweisen.

Interessanterweise hatten die Organisatoren von AAM mehrere internationale Unternehmen eingeladen, die nach eigenem Bekunden genügend Geld haben, um aus eigener Kraft die Kommerzialisierungsphase zu erreichen (Cytori) oder sogar sechs Monate vor dem Zeitplan liegen (Mesoblast). Beide stehen, ebenso wie die ebenfalls eingeladene ReNeuron, im geplanten internationalen Stammzellindex, den der Hauptorganisator der Konferenz – eine Untergruppe des Finanzdienstleisters AAM, die Advanced Structured Products – im April starten will. Bedingungen zum Mitspielen: zu den 15 Schwergewichten der Stammzellen-Branche gehören und mindestens 60 Millionen Euro frei verfügbares Kapital. Von einer Investoren-Konferenz aber würde man erwarten, mehr Unternehmen wie Euroderm oder NeuroProgen einzuladen, die kurzfristig Kapital brauchen. Sonst sieht es nach einem Schaulaufen für den Index aus. (wst)