Orwell in grün?

Die Überwachungsgelüste der Anti-Terror-Kämpfer und der ökologische Umbau des Kapitalismus im Angesicht des Klimawandels haben mehr miteinander gemeinsam, als uns lieb sein kann.

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Von
  • Niels Boeing

Kein Zweifel: Klimawandel und Nachhaltigkeit haben endlich den politischen Mainstream erreicht. Greenpeace arbeitet mit der BILD-Zeitung zusammen, die Bio-Sortimente boomen sogar in Lebensmittel-Discountern, Biokraftstoffe und Hybridautos sind en vogue. Das ist eigentlich erfreulich.

Aber wenn wir genau in den täglichen Nachrichtenstrom und die technologischen Trendberichte hineinschauen, kann man auch eine andere mögliche Entwicklung herauslesen: einen sich ausweitenden Kontrollzwang, in dem sich Schäubles Überwachungsphantasien, Sensornetzwerke und ökologische Korrektheit kreuzen.

Der Gedanke kam mir, als ich kürzlich in einer Nature-Ausgabe der vergangenen Wochen über „Intelligente Stromleser“ (smart meters) für effizentere Stromnetze las. Das sind große Kästen, die dem Netz permanent melden, wieviel Energie ein Endverbraucher gerade tatsächlich zieht. Damit soll die „letzte Meile“ der Energieversorgung in eine exakte Bedarfsplanung der Erzeuger einbezogen werden.

Ist der Verbraucher auch Betreiber einer eigenen Solar- oder Windkraftanlage, könnte er überschüssigen Strom zu tagesaktuellen Preisen ins Netz einspeisen, denn die Kästen dienen gleichzeitig als Zwischenspeicher. Die Smart Meters werden etwa von der US-Firma Gridpoint für 6000 bis 16000 Dollar angeboten.

Das ist nur ein weiteres Beispiel für die Hoffnungen, die Ingenieure und Wissenschaftler in den konsequenten Ausbau von Sensornetzwerken stecken, um mehr über Energieverbrauch, Schadstoffbelastung oder die Veränderung anderer relevanter Umweltparameter zu erfahren. Die Klimaforscher etwa weisen immer wieder daraufhin, dass ihr Datenmaterial, mit dem sie ihre Modelle füttern, noch viel zu lückenhaft ist.

Der entscheidende Punkt dabei ist: Ein besseres Verständnis der Ökosysteme und der Umbau zu einem nachhaltigen Kapitalismus sind in dieser Sichtweise zuerst ein Datenerfassungsproblem. An diesem Punkt trifft sich die aktuelle Öko-Debatte mit der seit Jahren beschworenen Vision des Ubiquitous Computing, einer Welt voller Rechner und Sensoren, wie sie etwa Kevin Kelly in den Neunzigern propagiert hat – und die auch die Sicherheitsbehörden des Westens beschäftigt.

Vergangene Woche erregte nun eine Studie des US-Militärs Aufsehen, die den Klimawandel nicht nur als ökologisches, sondern auch als globales Sicherheitsproblem einstuft. Die Schadenfreude, dass US-Präsident Bush als Klimaschutzverweigerer von seinen eigenen Generälen eine Breitseite bekam, war nicht zu übersehen.

Diese Verknüpfung von Klimawandel und dem „Krieg gegen den Terror“ hat es aber in sich. Hier kommen zwei Themen zusammen, die zuerst von einem latenten Gefühl der Bedrohung geprägt sind. Die beide das Zeug haben, Denunziation und Überwachung zu fördern, weil sie einem ähnlichen Denkmuster folgen.

Denn bei aller Sympathie für ökologisches Umdenken: Das Anprangern von „Umweltsäuen“, gepaart mit einer langsam einsetzenden Selbstkontrolle („Kann ich dieses Produkt wirklich kaufen, ist das ökologisch korrekt?“), greift längst um sich. Es ist nicht abwegig, dass sich hier schleichend die Akzeptanz drastischer Überwachungsmaßnahmen ausweitet.

Die Video-Überwachung des öffentlichen Raums wird inzwischen achselzuckend hingenommen. Sie dient ja nur der Erhöhung unserer Sicherheit. Eigentlich eine gute Sache, wenn Kriminelle dadurch ratzfatz dingfest gemacht werden.

Eine Überwachung im Namen der Umwelt wird auf noch weniger Widerstand treffen. Sie dient ja nicht weniger als der Rettung der Erde. Dann können endlich die großen, aber auch die kleinen Umweltsünder sofort erkannt werden.

Dass in der Umweltbewegung auch ein potenziell totalitäres Element angelegt ist, darauf wurde schon in ihren Anfangstagen hingewiesen. Damals gab es das Schlagwort von der wohlwollenden Öko-Diktatur. Wir sollten das nicht als reaktionären Kampfbegriff abtun. Die Gemengelage, die nach Kioto und 9/11 entstanden ist, könnte noch eine unangenehme Überraschung bereithalten.

Wer in der Terrorismus-Debatte den Humanismus hochhält, sollte bei den Rettungsplänen für die Umwelt ebenso wachsam sein. (wst)