Die nackte Gier?
Was treibt ein Unternehmen, das offensichtlich in der Lage ist, hochwertige technische Produkte herzustellen, zu exzessivem Marketing-Unfug?
Hannover ist gar nicht so provinziell, wie viele Leute denken. Doch. Auch ohne CeBIT haben wir echte Hightech zu bieten. Da wäre zum Beispiel Sennheiser, bekannt vor allem für exzellente Mikrofone und Kopfhörer. Die spielen ganz oben mit – in der ersten Liga, gleich neben den Sonys und Philips dieser Welt. Solide, deutsche Ingenieurskunst – ja ja, das gibt es noch. Die haben ihren Hauptsitz in Wennebostel. Das zählt zur Gemeinde Wedemark und liegt im Landkreis Hannover.
Ich kann also nicht ganz ausschließen, dass gewisse lokalpatriotische Gründe mitgespielt haben, als ich mich vor etwa einem Jahr zum Kauf eines PX 100 entschloss – ein klappbarer und leichter halboffener Reisekopfhörer, der um Klassen besser klingt, als die berüchtigte weiße iPod-Seuche. Das Ding ist im Retro-Look designt, was soviel heißen soll wie: Sieht so aus wie vor 30 Jahren Jahren auch schon – über den Miniatur-Lautsprechern liegen schützend zwei gelbe Schaumstoffmuscheln.
Leider leiern diese Teile mit der Zeit aus. Und so betrat ich eine große Elektronik-Handelskette, um mir Ersatzteile zu kaufen. Doch in den Regalen war nichts Einschlägiges zu finden. Also musste ich mit dem Fachpersonal kommunizieren: Ein freundlicher junger Mann klärte mich darüber auf, dass man diese Ersatz-Ohrmuscheln extra bestellen müsse. Denn sie sind untereinander noch weniger kompatibel als Handy-Ladegeräte.
Ich wollte das nicht glauben und habe mich im Internet umgesehen. Jetzt weiß ich, dass der Mann leider recht hatte. Sennheiser betreibt sogar einen eigenen Online-Shop für diese Dinge: Leider gibt es alle möglichen Sorten an Ersatz-Ohrpolstern, aber keine, die explizit für den PX 100 passen. Man könnte natürlich ausprobieren, ob die Ohrpolster des PX 30 auch auf den PX 100 passen. Aber für zwei Schaumstoff-Käppchen im Wert vom einigen Cent muss man im Schnitt knappe vier Euro berappen – plus neun Euro Versandgebühr.
Eigentlich wollte ich vor kurzem noch ein Portrait über den Laden schreiben. Das ist mir jetzt vergangen. Dafür bin ich neugierig, denn ich muss zugeben, ich bin völlig ratlos: Was treibt ein Unternehmen, das offensichtlich in der Lage ist, hochwertige technische Produkte herzustellen, zu solchem Marketing-Unfug? Gibt es eine technische Notwendigkeit dafür, für jedes neue Modell ein nur für dieses Modell passendes Paar Ohrpolster herzustellen? Wenn ja, welche? Oder ist das einfach pure Ignoranz? Oder nackte Gier? Wer kann mir weiterhelfen? (wst)