Unter Feuer
Die Befürworter des Emissionshandels kommen in Argumentationsnöte
Hack the system - eigentlich klang die Sache mit dem Emissionshandel doch soooo überzeugend: Wenn man die externen Kosten des Klimawandels internalisiert sollte der Markt als sich selbst organisierendes System quasi automagisch dafür sorgen, dass die externen Kosten für den Klimawandel minimiert werden. Kein Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie, keine ausufernde Bürokratie nötig - Alles Prima. Mittlerweile steigt jedoch die Zahl derer, die daran nicht mehr glauben.
Und dazu gehören nicht nur eisenharte Altlinke wie Elmar Altvater, der im Rahmen des G8-Alternativgipfels in Rostock darauf hingewiesen hat, dass jemand, der mit CO2-Zertifikaten handelt, in der Regel Interesse daran hat, dass der Preis für diese Zertifikate möglichst hoch bleibt. Auch der nicht gerade für seinen ökologischen Fundamentalismus bekannte Economist unterzieht den Zertifikatehandel einer radikalen Kritik und unterstellt dem System eine implizite Innovationsfeindlichkeit: Jede Innovation, die den CO2-Ausstoß vermindere, drückt nämlich die Preise für die Zertifikate und mindert damit ihren eigenen finanziellen Anreiz - man könnte im Gegenzug leicht ausrechnen, ab welcher Höhe an Kapitalkosten sich eine solche Innovation gar nicht mehr lohnt. Das größte Problem an der Alternative zum Emissionshandel, einer allgemeinen Kohlendioxid-Steuer, sei offenbar, spotten die Briten, dass sie zu einfach und transparent sei. Nur mit Hilfe des komplizierten und undurchsichtigen Emissionshandels könne ein reicher Staat einem armen Dritte-Welt-Land Geld zukommen lassen, dass niemals in irgendeinem Haushalt auftaucht.
Leider setzen sich solche Erkenntnisse extrem langsam durch. Immerhin hat der Emissionshandel einen Vorteil: Es dienst als materielle Grundlage für modernen Öko-Ablasshandel – wer viel fliegt kauf einfach eine Handvoll Zertifikate oder lässt in Afrika ein paar Bäume pflanzen. Historisch betrachtet war der Ablasshandel aber ein wichtiger Anstoß für die Reformation. Wer weiß... (wst)