Der Traum vom Gleiter 0.1

Der kalifornische Ingenieur Paul Moller will, dass wir das Autozeitalter hinter uns lassen und endlich abheben.

vorlesen Druckansicht 15 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Niels Boeing

Gleiter gehören seit jeher zur Ausstattung der Sciencefiction als Nachfolger des Autos. Aus einem unerfindlichen Grund wurde die Fortbewegung auf Rädern von Autoren und Drehbuchschreibern immer als uncool angesehen. Schon in Fritz Langs „Metropolis“ schwirren zumindest Kleinflugzeuge durch die Straßenschluchten der Zukunftsstadt.

BBC News hat nun neulich mal wieder das Skycar des kalifornischen Ingenieurs Paul Moller ausgegraben. Der ist seit langem überzeugt davon, dass die Zukunft des Individualverkehrs fliegend und nicht fahrend sein wird. Seine ein- und zweisitzigen Maschinen basieren allerdings nicht auf Antigravitation wie beim SF-Gleiter, sondern auf Turbinen mit Wankelmotoren. Die können mit Diesel, Benzin oder Ethanol betankt werden. Die Skycars heben auch wirklich ab, sein Geschäft jedoch immer noch nicht.

Fasziniert hat mich dieses Mal aber Mollers Satz: „Schauen Sie sich den Himmel an – wie viele Flugzeuge sehen sie? Es ist ein großartiger Raum, der nicht genutzt wird... Autos sind als Transportmittel ausgereizt. Das ist nur eine Frage der Zeit.“

Während ich dies schreibe, sitze ich im fünften Stock und genieße zwischendurch den blauen Himmel. Wenn Moller Recht hätte, würden hier irgendwann Skycars an meinem Fenster vorbeifliegen. Mal abgesehen davon, dass wir hinsichtlich des Verkehrslärms vom Regen in die Traufe kämen: Wie sollen die Dinger mit unseren Straßenbäumen zurecht kommen, von denen es in deutschen Städten ja doch reichlich gibt?

Vom ungetrübten Blick in den Himmel könnten wir uns verabschieden. Wenn man sich die Blechlawinen einer Großstadt auf 20 bis 100 Meter Höhe angehoben vorstellt, kann einem doch anders werden. Und sind schon Autounfälle eine üble Sache, wäre ein Skycar-Crash oder ein unerwartet entleerter Tank (das kommt ja immer mal vor) eine Desaster. Plötzlich prasseln mal eben ein, zwei Tonnen Material herunter, während man auf dem Weg zum Supermarkt ist. Daran müssten wir uns gewöhnen.

Und doch ist der Mann davon überzeugt, dass das die Zukunft ist. Auf der Website seines Unternehmens Moller International bemüht er Henry Ford als Propheten. Der soll schon 1940 gesagt haben: „Merken Sie sich meine Worte: Eine Kombination aus Flugzeug und Auto wird kommen. Lachen Sie ruhig. Es wird kommen...“

Andererseits: Die Vorstellung, einfach aus der Haustür zu kommen, ins Skycar zu steigen und Richtung Nordsee oder Ostsee zu fliegen, reizt mich ungemein. Autofahren finde ich insgesamt recht öde, Busfahren fürchterlich. Das wäre eine ganz neue Form des Reisens. Da geht noch was.

Oder auch nicht. Bislang verlangt Moller für seine verschiedenen Modelle etwa eine halbe Million Dollar. Damit erledigt sich die Frage, ob wir demnächst unserem niederen Instinkt der Hypermobilität nachgeben können. Für normale Menschen heißt es: "Wir müssen auf dem Boden bleiben." Der Traum vom Fliegen bleibt bis auf weiteres ein streng reglementiertes Kollektivvergnügen. (wst)