Verzicht aufs Auto leicht gemacht

Die autoarme Gesellschaft muss kein Ergebnis reinen Öko-Bewusstseins sein. Wenn es Sinn macht, verzichten die Menschen auch ohne Umweltschutzparolen auf die eigenen vier Räder. Das Beispiel Japan zeigt es.

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Von
  • Martin Kölling

Ausgerechnet in der mit einem runden Dutzend Kraftfahrzeugherstellern größten Autonation der Welt verliert das Auto rapide an Reiz. Ganz ohne grüne Partei oder Umweltschutzparolen strebt der Pkw-Absatz in Japan dieses Jahr auf ein weiteres 20-Jahrestief zu. Die Reichen kaufen sich zwar weiterhin wie bisher ihre Boliden. Aber der Rest des Volks scheut die automobile Mittelklasse zugunsten von Kleinwagen und Bonsai-Mobilen mit Motörchen, die weniger als 660 Kubikzentimeter Hubraum aufweisen. Oder frönt eben gleich der völligen Autoenthaltsamkeit. Selbst die jungen allein stehenden Männer - einst eifrige Autokunden - sparen sich zunehmend vierrädrige Potenzstützen und hauen ihr sauer verdientes Geld lieber anderweitig auf den Kopf.

Die Folge: Tokio weist eine der geringsten Autodichten aller Millionenmetropolen in den Industriestaaten auf. Auf die 12,7 Millionen Einwohner der japanischen Hauptstadt kamen Ende 2005 nur 3,5 Millionen PKW (inklusive 600.000 jener Mini-Fahrzeuge, von denen viele faktisch als Nutzfahrzeuge dienen). Die Pkw-Durchdringung liegt damit bei nur 27 Prozent.

In Deutschlands Hauptstadt Berlin, die sich auf ihrer Homepage als besonders autoentvölkert lobt, liegt sie hingegen bei knapp über 30 Prozent, in München laut der dortigen Statistik bei knapp über 50 Prozent. In Tokio wird hingegen 80 Prozent des Personentransports über die Schiene abgewickelt.

Hinter dem Erfolg steht Japans spezielles öffentliches Verkehrskonzept: Nicht Gemütlichkeit, Zuverlässigkeit und Engmaschigkeit zählt. Selbst die legendären Shinkansen-Züge sind verglichen mit dem deutschen ICE spartanisch eingerichtet. Aber dafür fahren Japans Personennah- und Fernverkehre in Ballungsgebieten enorm oft und überall enorm pünktlich. Außerdem kommt man wirklich fast überall ohne Auto hin (während in Deutschland die Zahl der Bahnhöfe zusammengestrichen wurde).

Erdbeben, Vulkanausbruch, Taifun oder Selbstmord – alle anderen Entschuldigungen klingen in Japan unglaubwürdig, wenn man sich bei einem Termin verspätet. Man kann sich ruhig im Internet mit wenigen Mausklicks seinen Fahrplan für eine Reise vom nordjapanischen Sapporo bis ins 1600 Kilometer südlich gelegene Kagoshima heraussuchen und sich darauf verlassen, auf die Minute pünktlich anzukommen. Und verpasst man in Großstädten doch mal einen Anschluss, stört das auch nicht groß. In der Regel rattert der nächste Zug in drei bis fünf Minuten in den Bahnhof ein. Länger als acht Minuten muss ich auf fast keiner Linie auf die nächste Bahn warten.

Wer hingegen Auto fährt, ist arm dran. Die Umwandlung der Straßenränder in kostenlose Parkplätze wie in Deutschland ist in Japan verboten. Und die Miete für einen ständigen Parkplatz in Tokio kann schon mal so hoch wie für eine kleine preiswerte Wohnung in Deutschland sein. Die Fahrt auf Autobahnen wiederum erfordert wegen der fälligen Maut eine dicke Geldbörse, die Fahrt auf gebührenfreien normalen Straßen in (und rund 100 Kilometer um) Tokio Geduld. Denn wochentags staut sich der Verkehr in den oft engen Straßen der Stadt, am Wochenende auf den Ausfallstraßen und in den beliebten Naherholungsgebieten. Da will einfach keine Freude am Fahren aufkommen.

Für mich ist das Beispiel ein Beleg für die These, dass Umweltschutz wenigstens im Transport erst richtig zur Massenbewegung reift, wenn er nicht nur an das Gewissen appelliert (und, Gott bewahre, möglicherweise mit - igittigitt - Verzicht verbunden ist), sondern sich mikroökönomisch rechnet. Auch ich habe mich aus der Mischung finanzieller und zeitökonomischer Gründe leichten Herzens ohne irgendwelche ökologischen Antriebe aus ganz praktischen Gründen gegen den privaten Autobesitz entschieden, so sehr ich ehrlich gesagt das Fahren liebe.

Wenn ich ein Auto brauche, leihe ich es mir. Und im Urlaub nutze ich die schönen hiesigen "Rail & Rent"-Kombi-Angebote, um staufrei in die japanische Provinz zu rollen und dann über wenig befahrene Bergstraßen zu kreuzen. (wst)