Wer war der erste Motorflieger?
Karl Jatho gilt als vergessener Pionier der Luftfahrtgeschichte. Doch war er den BrĂĽdern Wright wirklich voraus? Eine junge Historikerin facht die Debatte neu an.
Karl Jatho gilt als vergessener Pionier der Luftfahrtgeschichte. Doch war er den BrĂĽdern Wright wirklich voraus? Eine junge Historikerin facht die Debatte neu an.
Was genau geschah am 18. August 1903 in der Vahrenwalder Heide im Norden Hannovers? Wir werden es vermutlich nie mit Gewissheit erfahren. Doch auch mehr als hundert Jahre später erhitzt diese Frage die Gemüter. Einige Lokalpatrioten und Luftfahrthistoriker sind überzeugt: Damals hob der Beamte und Bastler Karl Jatho zum weltweit ersten Motorflug ab – über eine Strecke von 18 Meter in dreiviertel Meter Höhe. Im folgenden November schaffte er er angeblich 60 Meter in drei Metern Höhe. Der erste Flug der Brüder Wright datiert hingegen erst auf den 17. Dezember 1903. War also ein hannoveraner Eigenbrötler der eigentliche Pionier des Motorflugs?
Die Indizien sind widersprüchlich. Einerseits notierte Jatho selbst "große Freude" über den gelungenen Hüpfer in seinem Tagebuch. Hätte er so eine Eintragung gefälscht? Andererseits ist dies natürlich keine historisch belastbare Quelle, und Augenzeugen-Aussagen wurden erst 1933 zu Protokoll genommen, als die Nazis nach deutschen Helden suchten. Einer der Zeugen war zum Zeitpunkt des angeblichen Fluges erst zwei Jahre alt. Außerdem konnte Jatho seinen Luftsprung jahrelang nicht wiederholen.
Angefacht wurde die Debatte nun von der jungen Historikerin Vanessa Erstmann. Sie ist bei Recherchen über das schlechte Image der Stadt Hannover auf zahlreiche Ungereimtheiten im Fall Jatho gestoßen und kam zum Schluss, dass seine Bedeutung als Luftfahrtpionier bislang weit überschätzt wurde (HAZ-Artikel, kostenpflichtig).
Auf einer Podiumsveranstaltung der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung verteidigte sie ihre Thesen gegenüber den Jatho-Freunden, speziell gegenüber dem Flieger und Fachjournalisten Gunter Hartung. Er war daran beteiligt, den Jatho-Flieger detailgetreu nachzubauen, um die Prioritätsfrage ein für alle Mal zu klären. Obwohl die Tragflächen kein Profil hatten und aerodynamisch äußerst ungünstig gebaut waren, hob der Flieger 2006 bei Schleppversuchen bei 47 km/h ab. Leider war der Motor zu schwach, um diese Geschwindigkeit aus eigener Kraft zu erreichen. "Was uns fehlte, waren ein bis zwei PS", sagte Hartung. Hätte man mehr Zeit gehabt, den Flieger optimal einzustellen, wäre er aber auch mit eigenem Antrieb abgehoben, ist Hartung überzeugt.
Also ist die Frage nach dem Erstflug nach wie vor offen. Doch für Hartung ist dieser Punkt gar nicht entscheidend. Jatho sei im Jahr 1903 den Brüdern Wright technisch weit voraus gewesen – so benutzte er beispielsweise ein richtiges Fahrwerk sowie einen Pilotensitz mit Anschnallgurt. Das allein reiche schon, um ihn als großen Flugpionier zu würdigen. "Es ist nicht so entscheidend, ob Jatho der erste war", so Hartung. "Ich bezweifle aber entschieden, dass die Wrights die ersten waren."
Mag ja sein. Aber selbst wenn Jatho den Wrights beim Erstflug und bestimmten technischen Entwicklungen zuvorgekommen sein sollte (was ich durchaus für plausibel halte): Die Brüder haben ihren Flugapparat zielstrebig weiterentwickelt, promotet und vermarktet. Damit sind sie nicht nur Erfinder, sondern auch Innovatoren. Dies halte ich persönlich für die entscheidendere Leistung. (grh)