Die nackte Gier II
Je länger ich mir diesen Zirkus anschaue, desto mehr erinnert mich das Gebaren der gesamten Mobiltelefon-Branche – und die Design-Zauberer aus Kalifornien bilden da nicht die geringste Ausnahme – an schmierigste Praktiken von Gebrauchtwagen-Händlern.
In der aktuellen Print-Ausgabe (die morgen an den Kiosk kommt) beschäftigten sich die Kollegen mit Innovationsmanagement. Eigentlich eine tolle Sache: Innovationen sind schließlich der Treibstoff der Wirtschaft. Und um systematisch Innovationen zu erzeugen, verlassen sich Unternehmen immer weniger auf den Zufall oder auf charismatische Erfinder, sondern stellen eigens ausgebildete Innovationsmanager ein.
Mit den entsprechenden Folgen allerdings – ich persönlich zweifle manchmal daran, dass die in ihren tollen Business-Akademien, MBA-Kursen und was dergleichen Brutstätten mehr sind, viel Nützliches gelernt haben. Denn oftmals geht es – zumindest in der so genannten Hightech-Branche – nicht (mehr) darum, den Markt mit einem möglichst gut durchdachten Produkt zu erobern. Stattdessen wird oftmals eine Art Gesamtkunstwerk kreiert, das in erster Linie der Optimierung der Rendite dient, und nicht der Erfüllung von Kundenbedürfnissen.
Aber zurück auf Start: Ich besitze seit einigen Jahren einen Tungsten C von Palm. War seinerzeit ein wirklich nettes Gerät: 64 MByte Hauptspeicher, Slot für SD-Karten, Qwertz-Daumentastatur, W-Lan und 1700 mAh-Akku. Leider ist das gute Stück ein wenig in die Jahre gekommen - der fest eingebaute Akku müsste eigentlich mal gewechselt werden und außerdem kann das System nicht mit WEP-Verschlüsselung umgehen.
Ich suche also einen neuen PDA mit Tastatur, der als Surf- und Mail-Maschine funktioniert, auf dem ich PDF-Dateien lesen und kurze, eigene Texte verfassen kann, und auch mal per VoIP telefonieren – und der noch dazu einen ganzen Konferenz-Tag ohne Nachladen übersteht. Leider hat das einstmals sehr innovative Unternehmen Palm sich seit einigen Jahren voll auf Smartphones konzentriert. Offenbar sind die Gewinnspannen dort höher. Palm-PDAs mit Tastatur und WLAN sucht man dort jedenfalls vergeblich. Ich kann mit dem Treo zwar online gehen, aber nur, wenn ich ich saftige Handy-Rechnungen in Kauf nehme. Bliebe als Alternative ein Gerät mit Windows Mobile – aber die diesbezüglichen Selbstversuche waren nicht hilfreich: Wenn ich länger als 30 Minuten mit diesem System arbeiten muss, bekomme ich Schreikrämpfe.
An dieser Stelle betritt Apple die Bühne: Das iPhone ist eine ziemlich feine Maschine, aber auch Apple ist der kurzsichtigen Gier nach dem schnellen Dollar erlegen und verkauft die Dinger nur gekoppelt an teure Mobilfunk-Verträge. Und der iPod touch? Der hat zwar keine Tastatur, kann aber WLan und wäre eigentlich ein optimaler Tungsten-Nachfolger. Wenn Apple das Teil nicht mutwillig kastriert hätte – oder kann mir irgendjemand einen technischen Grund nennen, warum das Ding weder mit Mail noch mit Kalender ausgeliefert wird?
Je länger ich mir diesen Zirkus anschaue, desto mehr erinnert mich das Gebaren der gesamten Branche – und die Design-Zauberer aus Kalifornien bilden da nicht die geringste Ausnahme – an schmierigste Praktiken von Gebrauchtwagen-Händlern. Jeder, der mit dieser Praxis bricht, könnte den Markt in nullkommanix total abräumen. Warum findet sich niemand? Technisch kann das doch nicht so schwierig sein. Ich habe beispielsweise bereits vor vier Jahren in Japan Mobiltelefon-Prototypen gesehen, die bei vorhandenem WLan automatisch auf VoIP umgeschaltet haben. Bloß kaufen kann man die Dinger noch nicht. Warum ist das so? Sind die Gewinnspannen so verführerisch? (wst)