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Auf der Suche nach einem Altersruhesitz in Zeiten globaler Erwärmung und steigender Meeresspiegel gibt es hilfreiche Internetseiten und Programme. Eine kleine Online-Exkursion.

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Von
  • Martin Kölling

Nun bin ich schon sieben Jahre in Japan. Da muss man langsam an die Zukunft denken, dachte ich, an den Lebensabend. Einen Ruhesitz suchen, fürs Alter. Bisher war die Standortwahl schon schwer genug mit den traditionellen Kriterien wie Bezahlbarkeit, verkehrsgünstiger Anbindung, Nähe zu Grünflächen (besonders wichtig in Tokio) und Supermärkten (sind dünn gesät hier, sieht man mal von den Nachbarschaftsläden ab, die allerdings seltenst Obst und Gemüse führen). Immerhin waren die Parameter kalkulierbar. Mit der globalen Erwärmung kommt allerdings eine unkalkulierbare Größe hinzu: der möglicherweise steigende Meeresspiegel. Das er steigen wird, gilt als ausgemacht, die Frage ist nur um wieviel. Zentimeter oder Meter? Gerade im Falle einer Inselnation wie Japan, in der die Großstädte im Prinzip alle an der Küste liegen ist dieser Faktor nicht zu vernachlässigen.

Den Start macht die Gefahrenanalyse: Nach der neuesten Simulation des UN-Klimarats von diesem Jahr wird der Meeresspiegel bis 2100 zwischen 28 und 43 Zentimeter (best estimate) die Strände emporkriechen. Das ist nicht nichts, aber sollte für reiche Länder wie Japan oder Deutschland beherrschbar sein. Selbst meine Heimat Bremen dürfte sich theoretisch noch als Altersruhesitz anbieten. Nur haben Simulationen den Nachteil, dass die Wirklichkeit selten daran hält wie die Meldungen über das überraschend schnellen Schwinden des arktischen Treibeises zeigen. Das gepaart mit meinem Hang, mit dem Schlimmsten zu rechnen, lässt natürlich die Simulation des UN-Klimarats von 2001 für wahrscheinlicher erscheinen, nach der Meeresspiegel um bis zu 0,88 Meter emporschnellt. Also gerundet ein Meter. Der Vollständigkeit halber wollen wir auch mit dem Allerschlimmsten rechnen, dem teilweise oder vollständigen Schwinden des arktischen und antarktischen Landeises.

Kurz die Ergebnisse zusammengefasst: Eine Schmelze des Meereises, die wie sich zeigt, schnell gehen kann, wirkt glücklicherweise kaum Meeresspiegel steigernd. Schließlich schwimmt das Eis schon im Meer. Beim Festlandeis sieht das ganz anders aus, wie dieser wenn auch ältere, aber dafür gut verständliche Blog Blog Sea Level FAQ oder der UN-Rat von 2001 vorrechnet: Die Auflösung des Grönlandeises würde nach dem Blog fünf und nach der UN rund 7,2 Meter ausmachen, die des Eises der Westantarktis weitere fünf respektive fünf bis sechs und die des ostantarktischen 70 respektive 61 Meter. Plus andere Gletscher.

Nur wird es zum Super-GAU so schnell nicht kommen. Zum einen könnten sich die Schneefälle in den Kaltregionen erhöhen und so die Nettoabschmelze verringern. Zum anderen verzögert die Geographie die Prozesse. Erstens: Auf Grönland sind die Gletscher von Bergen eingekreist, was den Auflösungsprozess verlangsamt. Zweitens: Gleiches gilt für das ostantarktische Landeis. Das westantarktische hingegen könnte geologisch rasend schnell innerhalb weniger Dekaden bis zu wenigen Jahrhunderten ins Meer rutschen, wenn das Schelfeis, das als Damm wirkt, wegbricht. Dazu kommt noch die Ausdehnung des Wassers durch die Erwärmung. Alles sehr komplex. Andere Vorhersagen schwanken daher zwischen 0,9 und 8,8 Meter.

Nun zur Simulation: Die Internetseite einer amerikanischen Uni lässt sich zwar etwas schwer bedienen und nur in ein Meter Schritten bis sechs Meter Meeresspiegelerhöhung einstellen, dafür färben sich die Überschwemmungsgebiete deutlich sichtbar rot ein. Die andere Seite basiert auf Google Maps, erlaubt einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 14 Metern Höhe zu simulieren und natürlich richtig nahe an die simulierten Küstenlinien heranzuzoomen oder mit dem heutigen Satellitenbild zu hinterlegen. So kann man beobachten, ab wann das eigene Haus im Wasser versinkt. Beim Ausgangswert von einem Meter kriegt ein Großteil von Tokios Nordosten bereits nasse Füße und das Disneyland muss Spuntwände hochziehen. Großräumig überflutet würden in Japan bereits die südlich von Tokio gelegene Hafenstadt Kawasaki sowie die Industriemetropolen Nagoya in der Nähe vom größten Autohersteller der Welt Toyota und Osaka, die beiden letzteren doppelt so groß wie Berlin. In Deutschland würde ohne Deichschutz Wilhelmshaven zur Hallig und Bremen zur Küstenstadt.

Ab sechs Meter Anstieg würde von Bremens Zentrum bei ruhiger See nur noch die Altstadt und erstaunlicherweise das Daimler-Werk im Osten aus dem Wasser ragen. In Japan wäre Osaka und Nagoya kaum mehr zu retten. Wohl aber könnte Japans Superschnellzug Shinkansen noch verkehren, da er auf Stelzen fährt. Das Zentrum Tokios wäre noch immer kaum in Mitleidenschaft gezogen. Dafür würde mein Wohnort, eine 30 Kilometer landeinwärts gelegene Vorstadt, langsam zur Küste.

Historisch gesehen wäre das nicht einmal zu dramatisch. In der Steinzeit schlugen dort ebenfalls die Meereswellen an den Strand, bevor die Flüsse über die Jahrtausende die Bucht von Tokio mit ihren Sedimenten auffüllten.

Die Reaktion unter befreundeten Journalisten auf meine Simulationen waren fatalistisch. Ein westlicher Kollege meinte: „Na, die Japaner machen bestimmt die Buchten von Tokio, Nagoya und Osaka mit riesigen Betondämmen dicht.“ Und ein Japaner zuckte nur mit den Achseln: „Bevor das Wasser steigt, wird Tokio vielleicht von einem Erdbeben der Stärke 8 getroffen.“ (wst)