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Was war. Was wird. Vom guten Leben in überwachten Zeiten

"Och, komm. Du hast das doch prima gemacht." Unser aller liebstes Netz war jedenfalls in dieser Woche schwerst erschüttert über die Kanzlerin. Derweil sammelt Hal Faber schonmal Steilvorlagen fürs Sommerrätsel.

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Roboter im Sozialismus
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Endlich bekommt die seltsame Regierungs-Show Gut leben in Deutschland die Beachtung, die sie verdient. Zu Beginn wurde die offene Diskussion über den Islam gefordert, aber auch ein europäischer Solidaritätszuschlag für Griechenland. Lang ist's her. Unser aller liebstes Netz war jedenfalls in dieser Woche schwerst erschüttert, als unser alle Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine erschöpfte und überarbeitete Frau, einem Mädchen namens Reem Swahil den Kopf streichelte und diesen "unheimlich sympathischen Menschen" lobte. "Och, komm. Du hast das doch prima gemacht." Reem weinte derweil. Das Video der regierungsamtlichen, femininen Ungeschicktheit kennt jeder, den offiziellen neuen Titel nur wenige. Der lautet "Niemand ist vollständig". Das kann man so deuten, dass wir alle einen Dachschaden haben, nicht nur die PR-Strategen des Kanzleramtes, die in der ersten – später zurückgezogenen – Presseerklärung berichteten, Reem habe nur vor Aufregung geweint. Das kann man aber auch anders deuten, denn das Zitat zu diesem Vorgang, das meine Twitter-Timeline wieder und wieder wiederholt, lautet:

Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: Die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt, und ihre Wahl hat mit der eigenen Schuld des Opfers nichts zu tun. Die Liebkosung illustriert, dass alle vor der Macht dasselbe sind, dass sie kein eigenes Wesen haben. Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material.

*** Es stammt aus der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und endet nicht, wie auf Twitter, mit dem Wort "niederschlägt". Denn so brutal ist eine Angela Merkel nicht, sie hätte auch einen weinenden Varoufakis liebevoll gestreichelt. Vor der Macht sind alle dasselbe und Merkels Wahl hat nichts mit der Schuld des Opfers ihrer Streichelei zu tun. Inmitten der verschlafenen und gähnenden Schuljungen gab es ja sonst nichts zum Streicheln. Und vorher auch nicht: Da war Merkel bei Infineon und Globalfoundries in Dresden, um sich über die Bedeutung der Halbleiterindustrie für Deutschland und die Industrie 4.0 zu informieren. Zärtlich ruhte ihr Blick auf einem Wafer.

*** Vorige Woche beschäftigte sich diese kleine Kolumne mit den weißhütigen Hackern von Hacking Team, die sich inzwischen wortreich verteidigen. In internen Mails zeigte sich Firmenchef David Vincenzetti gar nicht erbaut über Einrichtungen wie Citizenlab, die als erste auf die zweifelhaften Deals seiner Firma aufmerksam machten. Alles Flachpfeifen, die viel Geld bekommen und nur dort forschen, wo es nicht riskant ist, heißt es in einer Mail.

"Ich habe eine Frage für alle: BITTE NENNT mir ein einziges wirklich "demokratisches" Land, ein Land, dass die Rechte von niemanden verletzt und das eine TOTAL saubere Weste hat, was Menschenrechte anbelangt".

*** So einfach kann man es sich machen, wenn man sich als White Hat Hacker begreift und dabei Länder wie Ägypten beliefert. Wenn man trotz Embargos auch Russland als Kunden akzeptiert. Das alles kann ja nicht ganz falsch sein, wenn die USA mal eben die Genehmigung erteilen, dass Ägypten ein 100 Millionen Dollar teures Grenzüberwachungssystem mit einer Technik bekommt, die auch ins Land hineinhorchen kann. Nun gut, USA und Menschenrechte, das ist eine kipplige Sache, wie die aktuelle Klage von Laura Poitras beweist. Sie lebt in Berlin und erklärt in der Frankfurter Allgemeinen im Interview Deutschland für ein ganz wunderbares Land, Überwachung inklusive:

"Ich habe aus einigen Quellen gehört, dass ich für den BND 'strahle wie ein Christbaum'. Aber ich denke, die Erfahrung des Sozialismus und die Stasi-Vergangenheit haben dazu geführt, dass man in Deutschland geschützter ist. Das Land hat aus seiner dunklen Vergangenheit gelernt. Aber eines Tages würde ich gerne meine BND-Akten sehen."

*** Naiv oder subversiv, das ist die Frage. Sie bringt uns zu einem kleinen, feinen Land, das Hacking Team ohne Probleme belieferte, wie es das Beispiel der Kantonspolizei Zürich zeigt. Nur ein Kantönchen weiter, in Basel, kam ein anderer Trojaner zum Einsatz, der deutsche Staatstrojaner von Digitask unter dem Namen Federal Software. Mit tatkräftiger Unterstützung der Firma Dreamlab Technologies soll der Trojaner auf dem Computer eines Bankers installiert worden sein, gegen den wegen Veruntreuung von Kundengeldern beziehungsweise Anlagebetrug ermittelt wurde. Nach den Ermittlungen und der Übertragung von Beweisen soll das Programm gelöscht und der Banker über die Ermittlung informiert worden sein. Der Rest ist Schweigen. Die Technik muss ja geheim bleiben, sonst sind künftige Einsätze der Digitask-Software gefährdet. So demoliert die Software einen Rechtsstaat, wie dies nun auch ein britisches Gericht erkannt hat. Auch dort darf man weitermachen mit der "Gouvernment Software".

*** Apropos Dreamlab. Zuletzt arbeitete die Firma mit der deutschen Abteilung von Gamma zusammen, wie reuige Weißhacker des CCC berichteten, bei denen sich ein Gewissen meldete. Seinerzeit war auch Dreamlab reuig. Doch wer wird sie ignorieren können, die guten Staatsaufträge für die gute Sache? Schließlich ist Spionage eine uralte Kulturtechnik, wie das Käsemachen in der Sennerei. Was für die große deutsche Politik bedeutet, dass nach den Wegwerfhandys die Wegwerfcomputer und -Tablets kommen werden – die Nutzung von Tails und anderen Selbstschutzsystemen ist für Politiker zu schwierig und wird capulcusären Pinguinen überlassen.

Was wird.

Der Sommer ist da, die Ferienzeit ist angebrochen und die Preise für Draußen-Spässekens steigen. Die Deutschen reisen ins Ausland, natürlich ohne ihre Kunstwerke. Die sind "nationales Kulturgut", was Schutz und Bewachung braucht. Wie beim Staatstrojaner und bei der Vorratsdatenspeicherung wird die Privatsphäre nach den Plänen der Regierung kurzerhand zur Manövriermasse. Auch der Gedanke an eine europäische Kultur wird abgeschafft, alles im Zeichen des Kampfes gegen fiese Milliardäre und sonstiger Kunsträuber. Denn der Kulturgutschutz hat nach Paragraf 17 des geplanten Gesetzes Vorrang vor der Unverletzlichkeit der Wohnung und gestattet es sachverständigen Personen, bei Verdacht schon mal die Tür einzutreten wie ein Spezialeinsatzkommando. Sollen Bilderstürmer die Internationalität deutscher Sammlerkultur retten? Noch wird am Entwurf gedreht und geklebt, aber eine nette Vorlage ist er schon – für das Sommerrätsel.

Das dreiteilige, traditionell das Sommeloch bekämpfende Rätsel beginnt am nächsten Wochenende mit eben dieser großen europäischen Kunst als Bilderrätsel, ganz im Zeichen von Googles träumender Software für Roboter und ihre Schäfchen. Angeblich zeigt sich so, dass die Computer mit KI überfordert sind, wie manche Journalisten. Es könnte freilich sein, dass Politiker wie Hollande wirklich so aussehen, zu später Verhandlungsstunde beim Grexit, kurz bevor sie zu Zombies werden. So wendet sich vielleicht manches zum Guten: Wer möchte denn nicht diese knuffige Angela Merkel streicheln, die Google irgendwie mit der Roboterrobbe Paro assoziiert?

(anw)