David, Goliath und der Bernd
Auf dem Zenit seines Schaffens war Bernd Rosemeyer ein Nationalheld, ein Rekordhalter, ein Meister aller Klassen und deshalb als propagandistisches Aushängeschild fest eingebunden in das verbrecherische System des Nationalsozialismus
- Bernd Kichhahn
München, 12. August 2015 – Für Bernd Rosemeyer lief es im Sommer 1937 prächtig. Seit eineinhalb Jahren arbeitete er daran, die Zukunft einzuholen. Auf den Rennstrecken der Welt fuhr er im Namen der Auto Union der Konkurrenz um die Ohren. Quasi nebenbei stellte er den Geschwindigkeits-Weltrekord ein. Seine Konkurrenten hatten auf Salzseen vorgelegt, er pulverisierte diese Ergebnisse auf der deutschen Autobahn an einem einzigen Vormittag. Keine Fragen, keine Zweifel, sondern Antworten und Taten.
Jetzt sollte sein Husarenstück folgen. In den USA stand der Vanderbilt Cup an. Im Inneren von Rosemeyer muss es zu diesem Zeitpunkt gebrodelt haben. Denn die Propaganda des Deutschen Reiches hatte das Rennen zu einem Wettkampf der Systeme erhoben. Rosemeyer repräsentierte in diesem Spektakel nicht mehr nur die Auto Union, sondern in erster Linie ein faschistisches System, in dessen Plänen Niederlagen nicht vorkamen.
David, Goliath und der Bernd (16 Bilder)

(Bild: Audi)
Unbekümmert bis an die Grenze zur Naivität
Lange vor Rosemeyer kam dessen Ruf in den Vereinigten Staaten an. Ein Jahrhunderttalent, aber bodenständig. Konzentriert und ehrgeizig, aber bis an die Grenze zur Naivität jugendlich und unbekümmert. Und so ein Auftreten hatten sie überhaupt noch nie gesehen: Wadenstrümpfe, Shorts, grünes Trachten-Hütchen. Einfach und natürlich wurde er zum Liebling der Massen und Medien.
Das Rennen fand am 5. Juli 1937 statt. Rosemeyer hatte nach seiner Ankunft vier Tage Zeit, um die Strecke kennen zu lernen und das Auto abzustimmen. Eine Aufgabe, die in seinen Augen an Hohn grenzte. Denn er hatte eine amerikanische Rennstrecke erwartet – breit, schnell, kurvenarm. Stattdessen lag der Roosevelt Raceway vor ihm. Eine Rennstrecke gewordene Brezel, die denkbar ungeeignet war für die überlangen Kaleschen der Auto Union.
So lösten sich auch die Berechnungen zum Thema Spritverbrauch im Gurgeln der Benzinleitungen auf. Rosemeyer musste so schnell fahren, dass er einen zusätzlichen Tankstopp einlegen konnte, ohne an der Box überholt zu werden. Die Auto Union-Rennleitung verständigte ihn über Tafeln stets über seinen Vorsprung, log ihn aber an. Permanent gaben sie einen knapperen Vorsprung an, als er tatsächlich hatte. Rosemeyer war mittendrin in einer lebensgefährlichen Hetzjagd. Nach neunzig Runden hatte er mit 51 Sekunden Vorsprung gewonnen – mit blutenden Händen und einem Gesicht, schwarz von Öl und Gummiabrieb.