Was war. Was wird.
Ozapft is? Wenn es denn nur als selige Erinnerung erscheinen mag: Auch der tiefe Staat macht derzeit Sommerpause, was nicht heißt, dass wir uns in Ruhe zurücklehnen können, warnt Hal Faber. I am sorry, I am afraid I can't do that.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es ist Sommer, der tiefe Staat schläft und die IT-Experten des Bundestages arbeiten fieberhaft in Schichten rund um die Uhr, um dieses verwanzte System zum Laufen zu bringen. Nach ihrer Schicht fahren sie raus nach Zehdenick aufs Camp, wo die Hacker in der Hitze braten und Food-Hacking betreiben, indem eine Ravioli-Dose mit der Crimpzange aufgemacht wird. Unter freien Himmeln wird über das Hacken philosophiert und der Coup von Netzpolitik gefeiert. Doch halt, der Bundestag schläft nicht, er hat Abgeordnete wie Hans Peter Uhl, die auch in größter Hitze Rede und Antwort stehen. Seit den Zeiten von OZapftis ist Uhl für das Bashing des Chaos Computer Clubs zuständig und lässt sich nicht lumpen. Unvergessen ist seine Erklärung, dass dieses unsere Land von Sicherheitsbeamten reagiert wird. Das freudsche Überkompensation ist im offiziellen Redemanuskript korrigiert, doch lohnt es sich, das Original im Zeitalter von Hacking Team und NSA, von neuer Vorratsdatenspeicherung und Landesverratsermittlungen zu lesen:
"Das Land wird von Sicherheitsbehörden geleitet, die sehr kontrolliert, sehr sorgfältig, sehr behutsam mit dem sensiblen Instrument der Quellen-TKÜ umgeht – und so soll es auch sein. Das heißt es wäre schlimm wenn unser Land am Schluss regiert werden würde von Piraten und Chaoten aus dem Computerclub. Es wird regiert von Sicherheitsbeamten, die dem Recht und dem Gesetz verpflichtet sind."
*** Während die Chaoten aus dem Computerclub mal eben eine kleine Zeltstadt aufgebaut haben, die soviel Wasser und Strom verbraucht wie die drei umliegenden Städte zusammen, während die Chaoten parallel dazu auch noch die Bundestags-IT reparieren, wurde wieder einen echten Uhl in freier Wildbahn gesichtet, als er vorgab, die Landesverrats-Dokumente gelesen zu haben. Seine Inhaltsangabe stammt aus einer anderen Realität:
[I]"Da müssen Sie in die Veröffentlichung der Netzpolitik gehen, und dann sehen Sie, dass dort seitenweise im Orginaltext dargestellt wird, wo die Schwachstellen der Bundesrepublik sind in der Ermittlung von Terrorgefahren, in der Ermittlung von Spionageangriffen auf Deutschland und dass man diesen Schwachstellen begegnen muss, indem man ganz dezidiert Personal für bestimmte Aufgaben, Methoden der Ermittlung und Erkenntnisgewinnung und auch Technik einschalten wird. Das heißt, wer jetzt zum Beispiel einen Terroranschlag auf einen Weihnachtsmarkt vorhat, der IS, der weiß jetzt genau, was er verhindern muss, umgehen muss, dass er nicht vom Verfassungsschutz entdeckt wird."[/i]
*** Weihnachtsmarkt statt Sommercamp, was für eine erfrischende Vision. Mit der "erweiterten Fachunterstützung Internet" hat das wenig zu tun, mit Logik noch weniger. Die Dokumente über die 75 neuen Planstellen zur softwaregestützten Überwachung und "Auswertung der klassischen Telefonie (z. B. Sprache, Telefax, SMS) wie auch der erfassten Internetkommunikation (z. B. E-Mail, Chatprotokolle, Websessions und Dateitransfere)" geben den Terroristen des IS genau keinen Hinweis, was er umgehen muss oder was er unterlassen muss, um nicht von der geheimnisvollen TKÜ-Anlage "Perseus" erfasst zu werden. Umso perfider ist der indirekte Vorwurf, hier würden Terroristen unterstützt, die auch noch in Deutschland zuschlagen. Was nur noch fehlt, ist das Sicherheits-Mantra, nachdem die Freiheit für eben diese Sicherheit vor Anschlägen aufgegeben werden muss, mit Antiterrormaßnahmen, die natürlich wieder aufgegeben werden können, wenn die Gefahr vorüber ist und die Anschläge zurück gehen. Ja, genau.
*** Was dem einen sin Uhl ist dem anderen sin Eurogall. Gegen die zunehmende terroristische Gefahr will die Europäischen Union ein Internet-Forum der Service-Provider und social Media-Anbieter einrichten, um besser "terroristische Narrative online zu bekämpfen" und den Zugriff von Terroristen auf soziale Netzwerke zu beschränken. Natürlich dürfen die Bedenken der Strafverfolger nicht fehlen, was neue kryptographische Technologien anbelangt. Nicht auszudenken, wenn die Islamisten ihre einfache PGP-Version von "Asrar al-Mujahideen" mit unzureichenden Schlüssellängen durch stärkere Verfahen ersetzen. Dass bei diesem Internet-Forum der EU Menschenrechtsorganisationen ausgeschlossen sind, um eine flüssigere Kommunikation zu ermöglichen, ist auch so ein schutz-terroristischer Akt. Fehlt nur noch, dass die Netztneutralität auch diesen Terroristen Vorteile verschafft beim Download von Bombenbausanleitungen. Ach nein, fehlt nicht ja gar nicht. Auch dafür gibt es eine qualifizierte politische Stimme.
*** Staunend laufen Kamerateams auf dem Chaos Computer Camp herum und filmen, was diese Hacker so treiben. Hackerkinder und junge Mädchen am Baggersee im Familiy Village dürfen nicht gefilmt werden – das machen die stolzen Hackermütter und -Väter selbst. Die Kleinen sind als Motiv ohnehin nicht recht geeignet für die Bild-Klischees vom schwitzenden Coder, der unter lichtschützender Alufolie im Zelt Passwörter knackt, "weil das die Grundlagen des Computerhackings" sind. Die Hacker selbst wollen mit einem Fotowettbewerb die Klischees bekämpfen. Da sind die USA schon weiter, wie die Tagesschau berichtet. Hier können Mädchen, die strukturierter als Jungs vorgehen, in einem 14-tägigen Sommercamp lernen, wie man Passwörter knackt. Und *alles* über Cybersecurity. Dass diese Camps von der NSA finanziert werden, kann man als gelungene Form der Nachwuchsarbeit interpretieren. Nicht einmal Zelten müssen die Mädchen können.
Was wird.
In einer ganz anderen Welt, in der konsumiert und nicht gebastelt wird, steht die Internationale Funkaustellung vor der Tür. Der Schwall der Pressemitteilungen wächst umgekehrt proportinal zu inhaltlichen Aussagen. Fortschritt ist die beste Therapie, ja, das ist so eine Aussage. Das genetisches Profiling bereits zur persönlichen Diagnostik führt und damit schon die Therapie eingeleitet ist, gehört in die Kategorie des laufenden Schwachsinns. Aber dann gibt es noch "Emotions Analytics", die eine neue Form der Beziehung zwischen Mensch und Technik ermöglichen, wie sie bislang nur bei den Hackern anzutreffen ist. Digitale Therapien edeln noch die schlichteste App zur "Software als Medizin". So heißt es bei Flying Health zur Gesundheit als Geschäftsmodell:
[i]Wir arbeiten intensiv mit Wissenschaftlern und Erfindern zusammen, bringen Ideen in die Realität und bauen nachhaltige Unternehmen auf. Unser Ziel ist es, die menschliche Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, können Unternehmen wachsen und an Wert gewinnen.[/]
Da halten wir uns lieber an die IT im engeren Sinn, oder? Wie wäre es mit der Antivirenfirma Kaspersky, die den Deutschen Bundestag in Sachen IT-Sicherheit berät. Nein, diese pikanten Beschuldigungen ehemaliger Mitarbeiter sind nicht gemeint. Auf der IFA beschäftigt sich Kaspersky mit dem Thema "Chipping humans – The Internet of Things becomes the Internet of Us“ und lässt auf einer Pressekonferenz seine Mitarbeiter live chippen. Durch den eingepflanzten Chip soll ein höheres Sicherheitsniveau beim Internet der Dinge erreicht werden, sollen uns die ganzen intelligenten Umgebungen besser erkennen. "Open the pod bay doors, Hal." "I am sorry, Dave, I am afraid I can't do that." "What's the problem?" Ja, wo ist denn das Problem beim Internet of Things und der Industrie 4.0 mit den Menschen 1.0? Auch im Jahre 2501 wird Hal9000 recht haben: " I think you know what the problem is just as well as I do." Wenn die technologische Singularität erreicht ist, werden Computer dies viel schneller wissen. Adaption, Assimilation und Akkomodation sind die ersten neuen Computerbefehle, die die Menschen lernen müssen. Dies Angst vor den Killer-Robbotern ist übertrieben. Wir können nicht verhindern, dass sie gebaut werden, aber wir können ihnen ja eine Ethik einpflanzen. (jk)