Der schöne Schein
Apple hat Geburtstag gefeiert. Der radikale Chic der Kalifornier hat trotz eines Marktanteils von nur noch drei Prozent die IT-Branche bedeutend mitgeprägt.
Schon die Verpackung ist eine Inszenierung: Trickreiche Schachteln, die – entfaltet – das frisch gekaufte Hightech-Spielzeug wie auf dem sprichwörtlichen Silbertablett präsentieren. Und dann die Oberflächen: Erst transluzenter Kunststoff in Bonbonfarben – später schwarzes und weißes Polykarbonat und gebürstetes Aluminum – Lack und Leder für Nerds. Kein anderer Computerhersteller inszeniert den schönen Schein so konsequent wie Apple.
Vielleicht ist das eine Erklärung: Einer der Lieblingssprüche von Apple-Chef Steve Jobs stammt angeblich von Pablo Picasso. Der große Maler sagte einst, das gute Künstler kopieren, großartige Künstler jedoch stehlen würden ("Good artists copy; great artists steal"). In seiner inzwischen 30jährigen Geschichte hat Apple Ideen kopiert und musste zusehen, wie die eigenen Ideen kopiert wurden. Denn der nahtlose Übergang von Xerox' experimentellem System Alto zum Mac-Betriebssystem und hin zu Microsofts Windows ist der berühmteste Klau der Computergeschichte: Maus, Fensterbedienung und Laserdrucknutzung wurden von Apple ab Mitte der Achtzigerjahre mit dem Macintosh popularisiert, nachdem Steve Jobs und sein Team die Technik im Palo Alto Versuchslabor des Kopiererspezialisten Xerox gesehen hatten – und flugs nachbaute. Jobs ermöglichte Xerox allerdings immerhin eine Aktieneinlage bei Apple in Höhe von einer Million Dollar, die sich dann beim Börsengang des Computerherstellers enorm auszahlte.
Man könnte es daher fast als historische Gerechtigkeit ansehen, dass Microsoft mit Windows zu einer gnadenlosen Verfolgungsjagd ansetzte und schließlich 1995 annähernd die Qualität des alten Mac OS erreichte. Ob das damit zu tun hat, dass im Hintergrund eines altertümlichen Bill-Gates-Porträts aus der Mitte der Achtzigerjahre ein Macintosh im Hintergrund zu sehen ist, bleibt historisch ungeklärt. Apples Versuch, Microsoft für sein "Look & Feel"-Kopistentum gerichtlich zu belangen (übrigens eine Idee, die nicht von Steve Jobs stammt, der war da schon längst bei NeXT), scheiterte allerdings, was Bill Gates mit den Worten kommentiert haben soll, Apple fände doch nur unfair, das Microsoft früher bei Xerox geklaut habe als der Mac-Hersteller.
Mit dem Newton, dem größten Fehlschlag in Apples Steve-Jobs-loser Periode zwischen 1985 und 1997 war der Konzern jedoch endgültig in der Rolle des erfolglosen Stichwortgebers angekommen. Das Gerät, ein für das Erscheinungsjahr 1993 bereits äußerst fortschrittlicher PDA, nervte anfangs mit einer ständig fehlschlagenden Handschrifterkennung und war ziemlich teuer. Als Apple mit dem MessagePad 2100 dann 1997 alle Kinderkrankheiten beseitigt hatte, versetzte der inzwischen zurückgekehrte Steve Jobs dem in seinen Augen nicht zum Kerngeschäft gehörenden Projekt (und kommerziellen Flop) den Todesstoß – während Palm einige Jahre später mit der Idee den Markt für mobile Computer aufrollte.
Auch die jüngere Apple-Geschichte seit 1997 kennt diverse "Hits und Misses". Steve Jobs war gerade zurückgekehrt und erwies sich mit der "Think different"-Kampagne als Retter der Marke Apple. Das sterbende OS 9 ließ er durch das auf NeXT-Technologie aufbauende Mac OS X ersetzen, was sich als großer Glücksfall erwies. Aber es gab auch Misserfolge. Einer der berühmtesten ist der Power Mac G4 Cube, der trotz vorbildlichem Design bereits ein Jahr nach Einführung eingestampft wurde, weil der Preis einfach wesentlich zu hoch war. Das Würfel-Konzept lebt jedoch weiter – die PC-Bastler nennen es "Bare Bone".
Im Markt der MP3-Spieler, Apples Super-Wachstumsgeschäft seit Herbst 2001, kann der Hersteller sich zwar nicht rühmen, die Gerätekategorie erfunden zu haben – Archos und Rio waren hier früher am Start. Dennoch hat wohl kaum ein Unterhaltungselektronikartikel der letzten Jahre dem Markt so sehr seinen Stempel aufgedrückt wie der iPod. Apple zeigte der Welt, wie ein Musikspieler auszusehen hat, wie er sich anfühlen muss – und vor allem, wie man ihn bedient. Inzwischen ist der Hersteller im Reich der Videoplayer angekommen und die Welt wartet auf Apples Interpretationen des tragbaren Kinoerlebnisses, auch wenn Steve Jobs einst meinte, portable Filme seien großer Quatsch. Und scheinbar ganz nebenbei hat Apple auch der Musikindustrie gezeigt, wie man Geschäfte macht. Der iTunes Music Store verkaufte bereits über eine Milliarde Songs, während die Musikbranche über Jahre meinte, im Internet säßen nur MP3-Piraten.
Die Geschichte der technologischen Entwicklung fährt indessen weiter in rekursiven Schleifen: Manchem Betrachter der Vorabversionen von Windows Vista befällt schnell ein Deja Vu zum aktuellen Mac OS X, Codename "Tiger", und auch der Funktionsumfang von Vista ist dem von Tiger keineswegs viel voraus, nachdem Ballmer & Co. die Featureliste zusammenstreichen ließen. Der wahre Macianer lebt im Glauben, die Zukunft immer etwas früher zu sehen, als der Rest der Computerwelt. Dass der technische Kern dieses modernen Betriebssystems – mit Unix – auf einem Konzept aus den sechziger Jahren beruht, ist ein Ironie der Geschichte. Da ist er wieder: Der schöne Schein der Verpackung. (wst)