Sitzverstellung mit Gesten wie beim Smartphone

Wer viel im Auto unterwegs ist, bekommt leicht Rückenschmerzen, wenn sein Sitz nicht optimal eingestellt ist. Eine intuitive Gestensteuerung könnte hier bald helfen – vorläufig aber nur Berufskraftfahrern.

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Von
  • Sascha Mattke

Wer viel im Auto unterwegs ist, bekommt leicht Rückenschmerzen, wenn sein Sitz nicht optimal eingestellt ist. Eine intuitive Gestensteuerung könnte hier bald helfen – vorläufig aber nur Berufskraftfahrern.

Bei Lastwagen denkt man vielleicht nicht als Erstes an modernste Technik und Luxus-Funktionen wie in teuren Limousinen. Doch teuer sind Lkw erst recht. Und wenn man sich vor Augen hält, dass sie anders als die meisten normalen Autos echte Arbeitsplätze darstellen, scheint auch ein Maximum an technischer Unterstützung gerechtfertigt. Ein neues Beispiel dafür kommt vom Fraunhofer-Institut für Silicatforschung (ISC) und dem Autozulieferer Isringhausen: ein Fahrersitz, der sich intuitiv mit Hilfe von Handgesten einstellen lässt.

Der Hintergrund für die Machbarkeitsstudie, die auf der IAA in diesem September vorgestellt werden soll: Fernfahrer sitzen laut Fraunhofer ISC durchschnittlich neun Stunden pro Tag im Führerhaus und nutzen die heutigen guten Einstellmöglichkeiten ihrer Sitze nicht konsequent. Dadurch komme es häufig zu Rückenbeschwerden, die eigentlich vermeidbar wären.

Das neue Bedienkonzept soll das ändern. Die Idee dazu entstand in Gesprächen zwischen dem Center Smart Materials (CeSMa) des ISC und der Entwicklungsabteilung von Isringhausen, wie Johannes Ehrlich vom CeSMa berichtet. Weil der Zulieferer zuvor bereits mit einer kameragesteuerten Sitzverstellung über Gesten experimentiert hatte, kam man rasch überein, in diesem Bereich weiterzumachen – nur eben mit kapazitiven Sensoren statt mit Kameras. "Das hat eine Reihe von Vorteilen", erklärt Ehrlich. Zum Beispiel gebe es so anders als bei Kameras keine Probleme mit variierenden Lichtverhältnissen.

Aktiviert wird das System, um ein versehentliches Verstellen zu verhindern, durch DrĂĽcken auf einen bestimmten Punkt an der linken Seite des Sitzes, hinter dem sich ein Piezosensor verbirgt. AnschlieĂźend kann der Fahrer mit Wischgesten wie bei einem Smartphone (nur ohne Bildschirm) den Sitz vor und zurĂĽck oder hoch und runter bewegen sowie die Neigung der RĂĽckenlehne und der OberschenkelstĂĽtze verstellen.

Erfasst werden die Gesten von ebenfalls links im Sitz versteckten kapazitiven Näherungssensoren, die auf Änderungen von elektrischen Feldern reagieren, wie sie von der Hand ausgelöst werden. Für erhöhte Treffsicherheit wertet die vom ISC entwickelte Software die Meldungen von mehr als einem Sensor aus. Feuchte oder schmutzige Hände und leichte Handschuhe sind laut Ehrlich kein Problem für die Erkennung, dicke Schutzhandschuhe aber sollte der Fahrer vorher ausziehen. Wenn das Einstellen beendet ist, kann er die Position durch nochmaligen Druck auf den Aktivierungsknopf speichern – nützlich, falls ein Lastwagen von mehreren Fahrern im Wechsel benutzt wird. Ansonsten wird die Einstellung automatisch beendet, wenn der Fahrer seine Hand aus dem Sensorbereich entfernt.

Wie viele Sensoren genau verbaut sind, darf Ehrlich nach eigener Aussage nicht verraten, ebenso wenig wie den genauen Entwicklungsaufwand. Teurer als eine konventionelle Sitzverstellung dürfe das System aber nicht sein. Die Sensoren an sich sind heute Massenware, und schließlich gibt es auch Knöpfe und Tasten, die sonst benötigt würden, nicht umsonst. Je höher die Stückzahlen, desto günstiger dürfte die Gestensteuerung werden, denn deren Kosten liegen hauptsächlich in der Software-Entwicklung, die nur einmal erledigt werden muss.

Neben den potenziellen Kostenvorteilen und der Chance auf gesündere Fahrer verspricht das System auch weniger Probleme im Alltag: Knöpfe und Schalter, die nicht vorhanden sind, können nicht abbrechen oder klemmen. Die Sitzseite ist nicht mehr voller kleiner Hebel, die verwirren und die Reinigung erschweren können.

Auch wegen der Kundenbasis von Isringhausen, die hauptsächlich aus Nutzfahrzeugherstellern besteht, wollen sich die Entwicklungspartner mit der Gestensteuerung zunächst auf dieses Marktsegment konzentrieren. Längerfristig sei auch denkbar, das System für mehr Komfort in Autos der Mittel- und Oberklasse anzubieten. Zunächst einmal sollen auf der IAA aber Reaktionen von potenziellen Kunden auf den Prototypen eingeholt werden.

(sma)