Mehr Handy-Sicherheit am Steuer
Das US-Unternehmen Global Mobile Alert hat ein Warnsystem entwickelt, mit dem das Telefonieren im Auto deutlich sicherer werden soll.
- Wade Roush
1994 war kein schönes Jahr für Demetrius Thompson. Erst fuhr ihm jemand von hinten aufs Auto. Später wurde er beim Überqueren einer Straße zu allem Unglück auch noch von einem Fahrzeug erfasst, das bei Rot über die Ampel fuhr. Glücklicherweise blieb Thompson beide Male nahezu unverletzt. Allerdings hatten beide Unfälle eine Gemeinsamkeit: Der Fahrer telefonierte jeweils mit seinem Handy. Das brachte Thompson auf eine Idee.
12 Jahre später kann er sie nun endlich der Öffentlichkeit präsentieren: Es ist ein System, das das Satellitennavigationssystem GPS verwendet, um die Koordinaten des Fahrzeugs zu überwachen. Nähert sich ein Fahrer einer Ampel auf 100 Meter, unterbricht Thompsons Erfindung Handygespräche mit einem lauten Geräusch - der Fahrer soll bremsen. Ein erster Prototyp des Gerätes ist in Los Angeles bereits Stadtverantwortlichen gezeigt worden, gleichzeitig hat Thompson, der heute in Kalifornien lebt, eine eigene Firma zur Vermarktung gegründet. Global Mobile Alert soll die Technik an Mobilfunkfirmen verkaufen, die das Warnsystem dann als Datendienst vermarkten könnten.
"Meine Erfindung kann Leben retten", meint Thompson, der bereits seit 1994 hauptsächlich an dem Projekt arbeitet. "Wer gleichzeitig fährt und mit dem Handy telefoniert, achtet zu wenig darauf, was vor ihm passiert. Wird man von unserem System jedoch alarmiert, landet man schnell wieder in der Realität und hat dann noch 7 bis 10 Sekunden Zeit, bis man an einer Kreuzung ankommt."
Thompsons Prototyp wurde bislang nur im LA-Stadtteil West Hollywood getestet. Die Idee ist nicht das einzige Sicherheitssystem, das derzeit in den USA auf seine Tauglichkeit geprüft wird. In Michigan experimentierte Motorola beispielsweise mit einem Drahtlossystem, das Fahrer warnt, wenn das Fahrzeug vor ihnen plötzlich stark abbremst. Das Problem bei all diesen Ideen: Neue Gerätschaften müssen ins Auto eingebaut werden - Beschleunigungssensoren, Drahtlos-Sender, GPS-Empfänger und mehr. Und in der Praxis funktionieren diese Systeme nur, wenn wirklich alle Fahrzeuge damit ausgestattet würden.
Bei Thompsons Ansatz wird allerdings nur ein Handy mit GPS-Empfänger benötigt. Das Gerät nutzt die Satellitennavigation, um die Position des Fahrzeugs, seine Richtung und seine Geschwindigkeit zu ermitteln. Diese Daten werden dann über das Handy-Netz an einen speziellen Server weitergeleitet, der von Global Mobile Alert gestellt wird. Dieser Computer enthält eine Datenbank mit genauen Längen- und Breitengrad-Angaben aller Ampeln und anderer bekannter Verkehrssicherheitsgefahren in der Umgebung des Fahrzeugs. Errechnet der Server, dass das Fahrzeug des Handy-Besitzers sich einer solchen Position nähert, wird ein Geräusch abgespielt, das sich wie eine Kuckkucksuhr anhört.
Jim Carlin von der Marktforschungs- und Beratungsfirma Frost & Sullivan hat die Thompson-Technik überprüft und meint, das System sei eine natürliche Ergänzung für eine der Ur-Ideen hinter dem Handy: "Als die Technik vor 10 bis 15 Jahren noch am Anfang stand, galt als einer der Hauptverkaufsargumente, dass man mit dem Handy im Unfalls- oder Verbrechensfall Hilfe holen konnte. Das Handy sorgte für mehr Sicherheit, wenn man unterwegs war. Thompsons Produkt erinnert an diese Wurzeln. Damit könnte er richtig liegen."
Das Auto bleibt schließlich das gefährlichste aller Massentransportmittel. Laut Statistik des US-Verkehrsministeriums starben alle 100 Millionen Meilen, die die Amerikaner auf Highways und Landstraßen zurücklegten, 2003 im Durchschnitt 2,3 Menschen. (Im Stadtverkehr lag die Zahl bei 0,93 Toten pro 100 Millionen Meilen, in der Luftfahrt sind es nur 0,3 Todesopfer.)
Laut Statistik der US-Autobahnsicherheitsbehörde kommt es bei 80 Prozent aller Highway-Unfälle zu Unaufmerksamkeiten des Fahrers in einer Periode von drei Sekunden vor dem Aufprall. Eine Zahl, wie viele Handy-Nutzer darunter sind, existiert bislang jedoch noch nicht. Einer Studie der University of Utah (David Strayer, Frank Drews) zufolge erhöht das Telefonieren am Steuer das Unfallrisiko jedoch um das Doppelte.
Der Grund: Wer in einem Telefongespräch steckt, reagiert schlicht langsamer auf seine Umwelt. In Fahrsimulatoren zeigten die University of Utah-Psychologen Strayer und Drews, dass 18 Prozent aller Studienteilnehmer länger brauchten, um auf das Bremslicht des Fahrzeuges vor ihnen zu reagieren. Selbst in der Gruppe der 18 bis 25jährigen, die über die besten Reflexe verfügt, reduzierte sich die Reaktionszeit auf das Niveau von 65 bis 74jährigen Fahrern.
26 US-Bundesstaaten haben inzwischen Gesetze erlassen, die Handys am Steuer verbieten oder Freisprecheinrichtungen zur Pflicht machen. Das National Transportation Safety Board (NTSB), das in den USA mit der Aufklärung schwerer Unfälle befasst ist, empfahl bereits 2005 allen Staatenregierungen, die Nutzung elektronischer Geräte wie Handys, Pager oder PDAs während der Fahrt zumindest Fahranfängern zu verbieten. "Wir wissen seit Jahren, dass Fahranfänger weniger abgelenkt sein müssen", meint Ted Lopatkiewicz, NTBA-Direktor für öffentliche Angelegenheiten. Und das gelte bei der Handy-Nutzung eigentlich nicht nur für Teenager.
Das NTSB selbst hat allerdings noch nicht genügend Daten gesammelt, um das Telefonieren am Steuer vollständig verbieten lassen zu können. Unklar ist auch, ob sich ein derartiges Gesetz durchsetzen ließe - Abermillionen Amerikaner telefonieren täglich auf ihrem Weg zur und von der Arbeit, was den Mobilfunkanbietern satte Gewinne beschert.
Genau deshalb glaubt Thompson auch, dass es eine Nische für Sicherheitstechnik für das Telefonieren im Auto gibt. Scott Fischler, Berater für Energie- und Verkehrsfragen im kalifornischen Palm Springs, arbeitet mit Thompson bei der Vermarktung des Global Mobile Alert-Systems zusammen. Er glaubt, dass generelle Verbote die große Gruppe der vorsichtigen Fahrer bestrafen würden. Warnsysteme seien auch deshalb empfehlenswert, weil sie Fahrern unmissverständliche Signale gäben, wenn Gefahren auf sie zukämen. "Das Geräusch ist so störend, dass man einfach nicht ignorieren kann, dass da eine Kreuzung auf einen zukommt. Das Gespräch muss man dafür aber nicht unterbrechen."
Laut Fischler spricht Global Mobile Alert derzeit mit verschiedenen US-Mobilfunkanbietern, um ein nationales Server-Netz aufzubauen und das Alarmsystem bestehenden Datendiensten hinzuzufügen. Dafür würde dann eine monatliche Gebühr fällig. Auch Versicherungen interessierten sich für die Technik, berichtet Fischler. Diese könnten ihren Kunden dann günstigere Tarife bieten, sollten sie Global Mobile Alert einsetzen.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)