Amerika entdeckt den Dieselmotor
In den USA gelten künftig deutlich schärfere Abgasnormen für Dieselkraftstoffe. Die Autobauer hoffen, dass dies das schlechte Image der Antriebstechnik in dem Land hebt.
- Kevin Bullis
Will man CO2-Emissionen und die Abhängigkeit von ausländischem Öl reduzieren, sind Dieselmotoren besser als Benziner, weil diese grundlegend effizienter arbeiten.
Diese Erkenntnis hat sich im Autoland Amerika im Gegensatz zu Europa jedoch bislang kaum durchgesetzt. Dort gelten Dieselfahrzeuge nach wie vor als "Stinker" mit schlechtem Image – kein Wunder, dass das Angebot entsprechender Fahrzeuge nach wie vor gering ist.
Ab sofort könnte sich das Diesel-Image in den USA jedoch deutlich verbessern: Seit Mitte Oktober wird der Treibstoff in dem Land erstmals flächendeckend mit sehr geringem Schwefelanteil angeboten, eine Vorgabe, die noch aus Zeiten der Clinton-Regierung stammt.
Für sich selbst genommen kann der neue Treibstoff bereits Rußemissionen um zehn Prozent senken, eröffnet aber auch die Möglichkeit, sie mit neuen, verbesserten Technologien um 90 bis 95 Prozent zu reduzieren. Ein geringer Schwefelanteil im Diesel ist enorm wichtig, weil der Stoff organische Sulfate bildet, die wiederum Ruß erzeugen, Abgasfilter verstopfen und Katalysatoren ineffizient machen.
Die neuen US-Treibstoffstandards reduzieren den Schwefelanteil bei Diesel von 500 Teile pro Million (ppm) auf nur noch 15 ppm. Dadurch werden die Abgasfilter, die bereits in Europa verwendet werden, auch in den USA möglich – ähnliches gilt für die Bremsung von Stickoxiden, einem Hauptbestandteil von Smog.
"Das sauberere Diesel macht in den USA endlich Dieselfahrzeuge möglich, die so sauber wie Benziner verbrennen, gleichzeitig aber 20 bis 40 Prozent Treibstoff sparen", meint Richard Kassel von der US-Umweltschutzorganisation National Resources Defense Council (NRDC).
Auch auf dem noch kleinen US-Markt für Dieselautos tut sich etwas. Allen Schaeffer von der Lobby-Organisation Diesel Technology Forum sagt, dass Honda in den nächsten drei Jahren vermutlich einen Diesel-Accord für das Land vorstellen werde. GM habe einen "Light Truck"-Motor für 2010 angekündigt, Mercedes vor wenigen Wochen sein erstes Diesel-Fahrzeug für die USA vorgestellt. Daimler-Chrysler plane außerdem einen Jeep Grand Cherokee für 2006 und Volkswagen habe bereits verschiedene Diesel-Fahrzeuge auf dem US-Markt. "Dank des saubereren Treibstoffs haben die Hersteller die bislang besten Chancen seit langem, neue Modelle auf den Markt zu bringen", meint Schaeffer. Das neue Diesel sorge für deutlich mehr Interesse an den Fahrzeugen, obwohl die fortschrittlichen Dieselmotoren samt der normalerweise mitverbauten Turbolader mehr kosten, als die in den USA gewohnten Benzinschlucker.
Ein weiterer Vorteil für frische gebackene US-Dieselfans: Die Motoren können auch Biodiesel verbrennen, das etwa aus Soja gewonnen werden kann – und zwar mit weniger Energieaufwand als der in Amerika verbreitete Biotreibstoff Ethanol. Als vorstellbar gelten außerdem Diesel-Hybridfahrzeuge mit nochmals verbesserter Effizienz. Diese sind auch für Nutzfahrzeuge hochinteressant, etwa im Liefereinsatz.
Die höheren Einstiegskosten könnten US-Endkunden allerdings abschrecken, meinen Experten. Diesel-Hybridfahrzeuge seien daher wahrscheinlich besser für Europa geeignet, wo Dieselautos seit Jahren populär sind und inzwischen die Hälfte der Neuzulassungen ausmachen. In den USA sind es hingegen nur einige wenige Prozent bei Autos, SUVs und kleineren bis mittelgroßen Trucks. Steuererleichterungen halfen in Europa bislang, Dieselfahrzeuge nach vorne zu bringen, meint NRDC- Umweltaktivist Kassel. Dort sei jedoch schon seit langem weniger Schwefel im Treibstoff, was die Schadstofffilterung erleichtere.
Bill Van Amburg von Weststart-Calstart, einer Non-Profit- Organisation, die sich für effizientere und sauberere Fahrzeugtechnologien einsetzt, betont, wie sehr sich die Diesel- Technologie in den letzten Jahren positiv gewandelt hätte – von schmutzigen, lauten Autos hin zu leisen, sauberen "High-Performance"- Fahrzeugen.
In Verbindung mit neuartiger Computertechnologie seien diese Motoren bald sogar bereit, verschiedene Brennstoffe problemlos optimal zu verbrennen. Van Amburg verweist dabei auf ein Konzeptfahrzeug aus Europa, das fünf verschiedene Treibstoffe schlucke – von Benzin über Ethanol und Diesel bis hin zu Propan, ohne dass dies Effizienz oder Leistung koste. Aufgrund der ständig steigenden Benzinkosten, der globalen Erwärmung und der Angst um die Öl-Versorgung glaubt der Experte fest daran, dass künftig "Poly Fuel"-Systeme die Technik der Zukunft seien. "Der Kunde kann dann wählen, welcher Treibstoff für ihn den meisten Sinn macht."
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)