Aufbruch zum Milliardenmarkt

Zehn Jahre nach ihrer Entdeckung ist die RNA-Interferenz zum Hoffnungsträger der Pharmaindustrie geworden: Sie will mit Hilfe des gezielten Abschaltens von Genen neue Medikamente entwickeln.

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Von
  • Sascha Karberg

Selten lässt sich die Geburtsstunde einer neuen Technologie genau festmachen. Im Fall der RNA-Interferenz liegt sie im Frühsommer 1997. Auf dem Parkplatz der Universität Madison in Wisconsin hatte Andrew Fire eine, wie er sagt, „verrückte Idee“. Neun Jahre später, im Sommer 2006, bringt sie dem Forscher von der Stanford-Universität bei San Francisco und seinem Kollegen Craig Mello von der University of Massachusetts in Worcester den Nobelpreis ein. Die sensationell schnelle Prämierung zeigt, dass von der RNA-Interferenz (RNAi) nicht weniger als eine Revolution der Medikamentenentwicklung erwartet wird. Das „Fortune“-Magazin nannte das schon 2003 einen „Billion Dollar Breakthrough“ der Biotechnologie – und behielt recht.

Die Pharmabranche wittert neue Geschäfte. Vor ein paar Wochen übernahm der amerikanische Konzern Merck eine der führenden RNAi-Firmen, Sirna Therapeutics, für 1,1 Mrd. $. „Die Akquisition von Sirna zu einem solch signifikanten Betrag zeigt, welchen Wert die Pharmaindustrie der RNAi-Technologie als neuer Plattform zur Entwicklung einer neuen Medikamentenklasse zumisst“, sagt Roland Kreutzer, Europachef von Alnylam, der derzeit führenden RNAi-Biotech-Firma. Das Interesse der Pharmaindustrie sei inzwischen „immens“. Dennoch mache diese Summe „nur einen Bruchteil des Wertes der gesamten RNAi-Therapeutikaplattform“ aus.

Mit der RNAi-Technik lässt sich im Prinzip jedes der 30 000 menschlichen Gene gezielt stilllegen. Neue Medikamente könnten so die schädliche Wirkung vieler defekter oder fälschlich aktiver Gene, die in unzähligen Krankheiten eine Rolle spielen, rückgängig machen. Von Infektionserkrankungen wie HIV bis hin zu Krebs – das Einsatzgebiet scheint unbegrenzt.

Als Fire und Mello ihre verrückte Idee 1998 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichen, nehmen nur wenige Experten den Artikel ernst. Die beiden Forscher beschreiben in Experimenten an Spulwürmern, dass sich der Vorgang der Genaktivierung mit einem besonderen Molekül blockieren lässt: einer doppelsträngigen RNA (dsRNA).

Zunächst ist die Technik vor allem für Forscher interessant, die die Funktion der Gene des Menschen herausfinden sollen. Firmen wie die Dresdner Cenix entwickeln Verfahren, mit denen sich Informationen über die Funktion Tausender Gene gewinnen lassen. Heute nutzt praktisch jede Pharmafirma RNAi in der Medikamentenentwicklung.

Doch die lukrativste Anwendungsmöglichkeit der RNA-Interferenz, das Stilllegen krank machender Gene beim Menschen, gelang erst dem deutschen Biochemiker Thomas Tuschl: Er entdeckte, dass besonders kurze doppelsträngige RNA-Moleküle, so genannte short interfering RNA (siRNA), für Menschen und Säugetiere unschädlich sind. Damit stieß der heutige Professor an der Rockefeller University in New York das Tor zur RNAi-Therapie weit auf.

Seitdem sind gut ein Dutzend spezialisierte Biotech-Firmen entstanden, die auf der Basis der RNAi-Technik neue Medikamentenklassen entwickeln wollen – allen voran die Firma Alnylam in Boston. Das Unternehmen Ribozyme in Colorado sattelte über Nacht unter dem neuen Namen Sirna Therapeutics auf RNA-Interferenz um, bis zur Übernahme durch Merck im November 2006. „Sirna hat ein interessantes Patentportfolio zusammengestellt, und sie haben einzigartige Produktionskapazitäten für die Herstellung von siRNAs“, sagt Allan Sachs, Vizepräsident der Merck- Tochter Rosetta.

Das größte Kapital ist aber das Know-how. „Sirnas Experten arbeiten seit fünfzehn Jahren an diesem Thema.“ Und das ist für Merck essentiell. Denn Tochterfirma Rosetta hat einen Berg Daten über die Aktivität von Genen in normalen und Tumorzellen gesammelt und „sitzt damit auf einer Menge neuer therapeutischer Angriffspunkte“, sagt Stephen Hall von der neuseeländischen Biotech-Firma Genesis, die ebenfalls in diesem Gebiet aktiv ist. Mit Sirnas Technologie könne man nun neue Milliarden- Seller entwickeln.

Am schnellsten mit der Entwicklung eines RNAi-Medikaments war allerdings Acuity Pharmaceuticals, eigentlich auf Augenerkrankungen spezialisiert. Die Firma aus Philadelphia hat eine siRNA entwickelt, mit deren Hilfe altersbedingte Makuladegeneration (AMD) verhindert werden soll. Daran forschen auch Sirna, Alnylam und die Berliner Atugen. Erste klinische Studien verliefen erfolgreich; Ergebnisse sind aber nicht vor 2009 zu erwarten.

Mit der Entwicklung neuer Medikamente auf RNAi-Basis nehmen die Biotech-Unternehmen Milliardenmärkte ins Visier. So will Sirna ein Mittel gegen die chronische Leberentzündung Hepatitis C entwickeln. Ebenso lukrativ wäre das Stilllegen eines Gens, das den Haarwuchs steuert: Nach Unternehmensangaben umfasst der Markt für Enthaarungsprodukte weltweit rund 11 Mrd. $. Und Konkurrent Alnylam testet ein Mittel gegen ein Gen eines Virus, das Erkältungen bei Kleinkindern auslöst. Auch in Deutschland forscht ein Konsortium unter der Leitung des Berliner Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie mit siRNA-Molekülen; Atugen will von diesem Jahr an siRNAs gegen AMD und akutes Nierenversagen testen.

Welche RNAi-Medizin letztlich den Weg zum Markt schafft und wer damit Geld verdienen wird, ist allerdings noch weitgehend offen. Hintergrund ist die unübersichtliche Patentsituation. 2003 sicherte sich Marktführer Alnylam mit der Übernahme der Kulmbacher Ribopharma ein Schlüsselpatent für die therapeutische Anwendung der RNA-Interferenz. Deren Gründer von der Universität Bayreuth hatten schon 1999 und 2000 die ersten Patente für die Anwendung von RNAi an menschlichen Zellen angemeldet – lange vor Tuschls Veröffentlichungen.

Dadurch sei die Anwendung der RNA-Interferenz „in weiten Teilen eine deutsche Entwicklung“, sagt Alnylam-Vorstand John Maraganore. „Jede Firma, die siRNAs entwickelt, wird irgendwann mit uns reden müssen.“ Die Firmen, die RNAi zur Therapie entwickeln, schreckt die Patentsituation allerdings nicht ab. „Auch im Feld der Antikörper konnten die wenigen starken Patentinhaber die Technologie nicht für alle Anwendungen entwickeln, also verteilten sie viele Nutzungslizenzen“, sagt Stephen Hall von der Firma Genesis, die RNA-Interferenz gegen Asthma und Krebs einsetzen will. Eine ganze Reihe von Firmen verlässt sich darauf, dass eine erfolgreich zugelassene RNAi-Therapie nicht an Patentstreitigkeiten oder Lizenzgebühren scheitern wird. (nbo)