Billig, aber schmutzig

Trotz ihres verstaubten Images gilt Kohle wieder als zukunftsträchtig. Der Hauptgrund: Die Vorräte dürften noch für Jahrhunderte reichen. Doch wenn man das Weltklima einbezieht, wird die Rechnung komplizierter.

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Von
  • Frank GrotelĂĽschen
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Manfred Hensel manövriert seinen Geländewagen über einen Matschweg, vorbei an Baukränen, Betonmischern und Bürocontainern. Der RWE-Baustellenleiter hält vor einer Grube und legt den Kopf in den Nacken. Vor ihm ragen zwei Türme 173 Meter in die Höhe. „Das sind die Treppentürme“, sagt er, „wir haben sie in 81 Tagen hochgezogen.“ Die Betonriesen sind Vorboten für ein gewaltiges Kohlekraftwerk: Im rheinischen Neurath will RWE in vier Jahren Block F und Block G ans Netz bringen – mit ihren jeweils 1100 Megawatt gehören sie dann zu den größten und modernsten Braunkohle-Kraftwerksblöcken der Welt.

Das Mammutprojekt zeigt: Trotz ihres staubigen Images ist Kohle für die Energiebranche ein Energieträger mit Zukunft. Es ist ja auch noch reichlich davon verfügbar: „Die Vorkommen sind deutlich höher als bei Öl und Gas“, sagt Bernhard Stribrny, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Die derzeit nachgewiesenen Reserven an Steinkohle liegen laut BGR bei etwa 626 Gigatonnen Steinkohleeinheiten (SKE) und sollten bei einem weltweiten Jahresverbrauch von 4,9 Gigatonnen etwa 128 Jahre reichen. Braunkohle hat zwar weniger Heizwert, trägt aber zu den Reserven noch einmal rund 70 Gigatonnen SKE bei. Addiert man sämtliche Ressourcen dazu – vermutete sowie nicht nachgewiesene, aber geologisch wahrscheinliche Vorkommen –, dürfte sogar noch für rund 800 Jahre Kohle vorhanden sein.

Zwar liegt Deutschland bei den Hartkohlereserven – also den derzeit wirtschaftlich förderbaren Vorkommen – mit 161 Millionen Tonnen abgeschlagen auf Platz 42 und bei den Ressourcen mit 8,3 Gigatonnen nach Russland, China, den USA und Indien auf Platz 18. Doch bei der Braunkohle gehört die Bundesrepublik mit sechs Gigatonnen Reserven und 76 Gigatonnen Ressourcen mit zur Weltspitze: Von den 900 Millionen Tonnen Weltjahresproduktion werden knapp 180 Millionen in Deutschland gefördert – kein anderes Land holt mehr Kohle aus der Erde. Neben der Verfügbarkeit spricht für Kohle vor allem ihr relativ niedriger Preis: Eine Tonne Steinkohle guter Qualität kostet auf dem Weltmarkt etwa 100 Euro und kann rund 30 Gigajoule Energie liefern. Um die gleiche Energiemenge aus der Verbrennung von Öl zu gewinnen, bräuchte man zwar nur 0,7 Tonnen Öl. Die Kosten dafür aber lägen beim derzeitigen Preis von etwa 60 Dollar pro 159-Liter-Fass (Barrel) bei weit mehr als dem Doppelten.

Vor allem der rasant steigende Energiebedarf von Indien und China macht Kohle zu einem gefragten Energielieferanten. Allein China verbraucht inzwischen 37 Prozent des Weltbedarfs – und hat dem Kohleabsatz seit nunmehr sechs Jahren zu einem soliden Wachstum verholfen. Insgesamt nahm Kohle 2005 mit 28 Prozent am weltweiten Primärenergieverbrauch die zweite Stelle hinter Erdöl ein. Der weitaus größte Teil davon entfällt auf Steinkohle, Braunkohle übernimmt den Rest. Die Förderkapazität von Steinkohle ist seit 1990 um rund 25 Prozent von 3,5 auf 4,9 Gigatonnen pro Jahr gestiegen. Die Internationale Energieagentur IEA rechnet bis 2030 mit 1,7 Prozent jährlichem Wachstum.

Rund 70 Prozent der geförderten Kohle landet in den Kesseln von Kraftwerken. Das Prinzip ist denkbar einfach: Die brennende Kohle erhitzt Wasser zu 500 bis 600 Grad heißem Wasserdampf. Dieser treibt Dampfturbinen nebst Generatoren an. Doch Kohle enthält nicht nur Kohlenstoff – die Verbrennung ist ein schmutziger Prozess: „In den vergangenen Jahrzehnten ging es darum, Schadstoffe wie Schwefeldioxide und Stickstoffoxide zu mindern“, sagt Johannes Heithoff, Leiter Forschung und Entwicklung bei der RWE AG in Essen. „Das ist durch Rauchgasreinigungsanlagen weitgehend gelungen.“ Gleichzeitig haben die Ingenieure – indem sie Druck und Temperatur in der Turbine steigerten und mit den heißen Abgasen die Verbrennungsluft vorwärmten – den Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke von kaum 30 Prozent in den 60er-Jahren bis auf 46 Prozent hochgeschraubt. Braunkohlekraftwerke wie jenes, das Manfred Hensel und seine Leute gerade auf einer der größten Baustellen Deutschlands in Neurath bauen, erreichen 43 Prozent. „Damit emittieren wir jährlich sechs Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid als eine gleich große alte Anlage“, sagt Hensel.

BoA, so nennt RWE die noch junge Technologie – Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik. Wo es im Prozess möglich ist, entzieht BoA den heißen Abgasen Wärme, um sie an die Turbinen weiterzuleiten. Um künftig noch mehr Wirkung herauszukitzeln, wollen die RWE-Experten die Trocknung der Braunkohle optimieren. Braunkohle besteht nämlich zur Hälfte aus Wasser und muss vor dem Verbrennen getrocknet werden. Das geschieht zwar schon energiesparend durch die heißen Kraftwerksabgase. Bislang aber verpufft der frei werdende heiße Wasserdampf weitgehend ungenutzt aus dem Schornstein. Bei der neuen Wirbelschicht-Trocknung hingegen soll die Verdampfungsenergie zurückgewonnen werden. RWE baut an das erste BoA-Kraftwerk in Niederaußem eine Demonstrationsanlage an; 2008 soll sie in Betrieb gehen. „Wir erhoffen uns von der neuen Technik einen Wirkungsgrad von 47 Prozent“, sagt Heithoff. „Dann hätten wir mit der Steinkohle gleichgezogen.“