Hormon im Plastik?

Kunststoffgegenstände aus Polycarbonat enthalten Bisphenol A, dessen hormonähnliche Wirkung auf Menschen Verbraucherschützer seit längerem anprangern. Neuere Studien wollen nun Entwarnung geben – alles doch nicht so schlimm?

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Dem Bayer-Konzern ist kein Superlativ für den Kunststoff Polycarbonat zu klein: Ein "High-Tech-Material" sei das Plastik, mit einem "unerschöpflichen Innovationspozenzial" und seit Jahrzehnten ständig dabei, neue Anwendungsfelder für sich zu gewinnen.

Der 1953 von dem Bayer-Forscher Hermann Schnell entwickelte Kunststoff findet sich tatsächlich nahezu überall: in Babyflaschen, Wasserbehältern, Mikrowellengeschirr, CDs oder der Abdichtung von Konserven. Jahr für Jahr werden über 2 Millionen Tonnen des Materials verarbeitet, am gesamten Kunststoffmarkt lag sein Anteil 2003 bei immerhin 1,3 Prozent.

Das Material gilt als lebensmittelecht, lässt sich zumindest von verdünnten Säuren nicht zersetzen und gilt als hitze- wie kältebeständig. Auch die Witterung scheint Polycarbonat nichts anzuhaben, weswegen es auch im Bau eingesetzt wird. Selbst Brillengläser werden inzwischen daraus gefertigt, weil sich der Kunststoff so fein und schlierenfrei verarbeiten lässt.

Soviel zu den schönen Seiten von Polycarbonat. Es scheint jedoch auch negative zu geben, über die in den USA und Kanada seit längerem ein heftiger Streit entbrannt ist, während europäische Verbraucherschützer erst langsam in Gang kommen.

Der Grund ist das Ausgangsmaterial für Polycarbonat. Es nennt sich Bisphenol A, kurz BPA, und ist ein Stoff, der als Dialkohol noch eine unerwünschte Nebenwirkung besitzt, die vor gut 20 Jahren entdeckt wurde: BPA wirkt auch östrogenähnlich, als so genannter endokriner Disruptor. Es gibt Studien, laut denen reines BPA bei Mäusen nicht nur die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane, sondern auch die Gehirnausbildung stören kann.

Endokrine Disruptoren stellen eine zunehmende Gefahr für Mensch und Umwelt dar. Das lässt sich, meinen Forscher, bereits aus der Fortpflanzungskurve ablesen: Die Anzahl der Personen, die unfruchtbar sind, nimmt zu, während die Sexualentwicklung insbesondere bei Mädchen verfrüht erfolgt. Der Grund könnte das zunehmende Vorkommen künstlicher Östrogene in der Umwelt sein. Diese stammen einerseits aus der Produktion entsprechender Wirkstoffe, etwa für die Anti-Baby-Pille, aber eben auch aus Stoffen, die wie BPA trotz anderer Haupteigenschaften östrogenähnlich wirken.

Wie viel BPA, fragen sich Verbraucherschützer in den USA daher, wird beispielsweise aus Kunstoffverpackungen wie Wasserflaschen herausgelöst? Die Antwort: Tatsächlich nicht all zu viel. Zwar führen (zu viel) Wärme, Säuren und Laugen zur Herauslösung des Stoffes, doch die Mengen gelten als eher gering. So fand das Magazin "Ökotest" in einer Untersuchung von 20 Beißringen für Babys nur zwei, in denen BPA in zu hohen Dosen nachweisbar war.

Das Problem: Die alte Formel, dass sich eine Vergiftung mit zunehmendem Kontakt mit einem toxischen Stoff verstärkt, passt auf hormonähnliche Stoffe nicht. Hier können schon geringe Mengen das sensible Gleichgewicht im Organismus von Mensch und Tier stören - besonders in der Wachstumsphase. Die Forschung spricht dabei vom so genannten "Low Dose"-Effekt.

BPA gilt als entsprechender Kandidat – zumindest unter Kritikern der Kunststoffindustrie. Als das Thema im vergangenen Jahr durch die Presse ging, weil BPA in einigen Babyflaschen insbesondere nach Mikrowellenerhitzung nachweisbar war, entschloss sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), den Stoff erneut zu untersuchen. Ergebnis laut der Beamten: Keine Gefahr. "Nach sorgfältiger Prüfung aller Studien, insbesondere auch der Studien im Niedrigdosisbereich von BPA, kommen wir in seiner wissenschaftlichen Bewertung zu dem Ergebnis, dass für Säuglinge und Kleinkinder aus der üblichen Verwendung von Polycarbonatflaschen kein gesundheitliches Risiko resultiert", heißt es in einem Bericht des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung, der sich auf die EPSA-Überprüfung stützt. Nähere Angabung zur "üblichen Verwendung" macht die Behörde allerdings nicht, jedoch werde der von der EFSA beschlossene Grenzwert von keiner auf dem Markt befindlichen Babyflasche überschritten.

Patricia Cameron, für Chemiepolitik zuständige Referentin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), machen solche unkritischen BPA-Bewertungen wütend: "Ich sehe den Stoff als Problem an." Sie verwundere vor allem, dass Studien, die von der Kunststoffindustrie beauftragt seien, regelmäßig keine Gefahr bei dem Stoff ermittelt hätten, während unabhängige Untersuchungen das Gegenteil besagten. Überhaupt sei der "Low Dose"-Bereich, der für BPA greift, noch kaum erforscht. "Und es kommt entschieden auf den Zeitpunkt der Einwirkung an." Sie selbst empfiehlt daher Eltern, auf Flaschen aus Glas zurückzugreifen - am besten auch für sich selbst. (bsc)