Hackers mobiler Liebling

Das iPhone wird zum populären Bastlergerät: Eine große Szene arbeitet an Web-Anwendungen und versucht, eine eigene Programmierschnittstelle zu schaffen – ohne Hilfe von Hersteller Apple. Ein Musterbeispiel für Internet-getriebenen Einfallsreichtum?

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Produkten aus dem Hause Apple eilt allgemein der Ruf voraus, sie seien so einfach zu bedienen und so elegant, dass ihre Nutzer niemals auf die Idee kommen würden, ihnen mit einem Schraubenzieher zu Leibe zu rücken. Auch das Software-Äquivalent zum Heimwerkerkoffer, die Kommandozeile, so heißt es, bekämen Besitzer von Macintosh-Rechnern nie zu Gesicht.

Die Wahrheit liegt spätestens seit der Einführung des Betriebssystems Mac OS X im Jahre 2001 woanders: Hersteller Apple setzt im Kern seines Betriebssystems seither nämlich auf viel Open-Source-Software – und das ist enorm Hacker- und Bastler-freundlich, wie sich ergab. In der Tat setzen zahlreiche amerikanische "Alphageeks" aus Startups und Entwicklerszene inzwischen Apple-Rechner ein, was zu einem der Gründe des Wiederaufstiegs der Computermarke in den letzten Jahren zählen dürfte. Kauft man einen Mac, kann man dank von Apple aufgespielter freier Software sofort losbasteln – muss es aber nicht, wenn man es nicht will. Apple versteckt die jederzeit abrufbare Komplexität unter einer leicht bedienbaren Fensteroberfläche.

Was für Mac-Rechner gilt, gilt auch für andere Produkte der Firma. Der populäre Musikspieler iPod, der Apple noch immer Quartal für Quartal viele Millionen Dollar Gewinn in die Kasse spült, wurde von Hackern so umgestrickt, dass das freie Betriebssystem Linux auf ihm läuft. Noch bevor iPods Filme abspielen konnten, war dies so auch mit etwas Bastelarbeit und kostenloser Software aus dem Internet möglich.

Auch die Video-Set-Top-Box AppleTV, die seit März verkauft wird, lockt Hacker und Bastler an. Wie sich herausstellte, handelt es sich dabei um einen richtigen, wenn auch abgespeckten Macintosh-Rechner, dem eine bunte Geek-Community neue Funktionen hinzuprogrammierte. Inzwischen kann man ganz normale Mac-Programme auf dem Gerät ablaufen lassen und Funktionen nutzen, die Apple so nicht vorsieht – etwa den Anschluss einer externen Festplatte.

Apple verhält sich diesen Hacks gegenüber meist erstaunlich ruhig. Zwar werden Basteleien, die etwa die Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen ermöglichen, durchaus mit anwaltlichen Maßnahmen verfolgt. Gegen die Funktionserweiterung bei iPod und AppleTV wehrt sich die Firma öffentlich hingegen nicht. Einzig mit neuen Software-Updates kann es passieren, dass plötzlich vorher mögliche Veränderungen nicht mehr funktionieren. Auf ein ewiges Katz- und Maus-Spiel, wie es etwa Sony mit seiner tragbaren Spielekonsole PSP seit Jahr und Tag erlebt, lässt sich Apple jedoch anscheinend nicht ein, so lange seine Umsätze nicht gefährdet sind. Man schweigt.

Bei Apples neuester Cash Cow, dem "Wunder-Handy" iPhone, wiederholt sich die Geschichte. Innerhalb kürzester Zeit haben sich Hacker im Internet zusammengefunden, die an einer Funktionserweiterung des Gerätes basteln. Trotz viel positivem Feedback für die erste Version des Mobiltelefons gibt es dafür gute Gründe.

Der eine: Apple hat keine Programmierschnittstelle für das Gerät vorgelegt – nur Apple selbst kann also echte Anwendungen schreiben. Als Ersatz bietet sich nur die Erstellung von Internet-Anwendungen an, die über den im iPhone integrierten Browser abgerufen werden können. Davon wird bereits reger Gebrauch gemacht: Gut 100 verschiedene Web-Anwendungen stehen bereit. Doch wirklich auf die iPhone-Hardware zugreifen können diese – laut Apple "aus Sicherheitsgründen" – nicht.

Hackerseitig steigert das nur die Motivation. Das iPhone ist keine zwei Monate auf dem Markt – und doch wurden schon viele Funktionen durch die Bastler erreicht. Sie haben das Dateisystem entschlüsselt, bieten Funktionen wie das Ablegen eigener Klingeltöne an (was Apple peinlicherweise bislang versäumt hat) und legten wichtige Teile der Betriebsumgebung offen.

Jüngster Coup: Ohne dass Apple auch nur einen Finger hätte krumm machen müssen, haben sich die weltweit organisierten Bastler eine eigene Programmierschnittstelle gebastelt. Sie ist zwar noch recht rudimentär, doch erste eigene Programme sind verfügbar. So kann man mit einem Audiorekorder Töne aufnehmen und Spiele für die alte Super-Nintendo-Konsole ausführen oder eine eigenprogrammierte Textverarbeitung testen.

Apple hat sich zu den iPhone-Hacks bislang wie gewohnt nicht geäußert. Allein ein System-Update, das vor wenigen Tagen einige Sicherheitslücken schloss, enthielt eine erste Reaktion: Bestehende Hacks wurden damit vom Gerät geworfen. Allerdings ließen sie sich auch recht einfach wieder aufspielen.

Das jüngste Projekt der iPhone-Hacker ist nun, das so genannte Sim-Lock zu knacken. Dieses sorgt dafür, dass man das Apple-Handy, das aktuell noch nicht in Europa angeboten wird, nur mit einem Anbieter (AT&T) nutzen kann. Es ist unklar wie Apple im Fall eines solchen Erfolges reagieren wird – immerhin verdient das Unternehmen an den Mobilfunkverträgen mit. Klar ist nur eines: Die Marke mit dem Apfel ist zu einer echten Bastlerplattform geworden. (bsc)