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Was war. Was wird. Vom Gang der Geschichte in den Ebenen

Die Menschen haben keinen freien Willen mehr, denn dieser ist ins Internet der Dinge abgewandert. Dabei sollten sie lieber mal Karl Marx lesen und die Technik verstehen, finden Hal Faber.

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Was war. Was wird. Vom Gang der Geschichte in den Ebenen

(Bild: Privat)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf...." Karl Marx, 1852

*** Ja, ich weiß, Karl Marx ist out, die Flüchtlinge rufen lieber "Merkel, Merkel" und das tun sie seit der Pressekonferenz am Montag immer lauter. Aber es lohnt sich immer noch, Marx zu lesen und Technik zu verstehen, besonders wenn die IFA den Newsticker blutrot färbt und alle Halle lang ein neuer Trend ausgerufen wird, ohne eine Erwähnung der aktuellen Ereignisse.

*** Die Menschen haben keinen freien Willen mehr, denn dieser ist ins Internet der Dinge abgewandert. Dank WLAN weiß die Waschmaschine, was sie wirklich will und bestellt selber die Mittelchen, die sie zu ihrer Existenz braucht. Sie braucht dabei keinen Beistand höherer Wesen, sondern ruft den Trockner. Es kommt noch schlimmer, viel schlimmer: Auch den tröstenden Gedanken, dass Katzen die letzten Geschöpfe mit einem freien Willen unter allen Himmeln sind, können wir uns abschminken. Wir schauen mit Petcube in die TV-Röhre, die längst keine Röhre mehr ist. Es hat schon seine geschichtsnotwendige Richtigkeit, wenn ein e-Book-Macher wie PocketBook aus Radebeul sich daran macht, die e-Kommunikation mit Frau Malzahn zu betreiben, "damit Menschen ihr Haustier beobachten, mit ihm reden und spielen können, ganz gleich wo sie sich befinden." Das hilft hervorragend gegen den bösen Alp auf den Gehirnen der Lebenden, inmitten dieser Ströme und Wellen, die "zügig", "unverzüglich" und "verstärkt" gelenkt und gebändigt werden müssen. Die Spannung steigt, nicht nur bei der Aktion Arschloch. Da geht noch was.

*** Geschichte wird gemacht, es geht leicht fehlgefärbt voran, mit einer Schwarzen Null: Kanzlerin Merkel sorgt sich um die Integration derer, "die dauerhaft bei uns bleiben" und erklärt eben diese Integration zu einer nationalen Aufgabe machen. Das kann klappen, wenn niemand einen Rosengarten verspricht. Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit und der Politologe Claus Leggewie geraten geradezu ins Schwärmen, wenn sie die Umrisses eines neuen Deutschlands skizzieren, in dem die Behäbigkeit und Bräsigkeit verschwunden ist und neuer Mut zu Experimenten, gar eine Improvisationskunst gefordert wird, ganz in Gedanken von Steve Jobs, dem Sohn von Abdulfattah Jandali:

[I]"Das gewaltige Volksvermögen dieser Republik könnte sich mit der Improvisationsgabe von Exilanten und Migranten verbinden und die soziale Innovation von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vorantreiben. Diese konkrete Utopie macht klar, was am dringendsten von uns verlangt wird: Vertrauen. Vertrauen, dass der Einwanderungsprozess mittelfristig gelingen wird. Dass er dieses Land voranbringen kann und es aus seiner Behäbigkeit herauszwingt, ohne Schaden zu nehmen."[/i]

*** Da ist noch mehr als Behäbigkeit. Ein starkes Stück Aufklärung war am Montag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, der Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat über den Fremdenhass in der DDR berichtete. Der Hass war so stark, dass Stasi-Offiziere der Abteilung Terrorabwehr 1985 eine Doktorarbeit über den Schutz von Ausländern verfassten. Besonders groß war der Hass auf die Vietnamesen und Äthiopier, die Computerhandel im großen Stil betrieben, wie Vobis und Escom zusammen auf der anderen Seite der Grenze. "Allein im November und Dezember 1987 erwarben die Ankaufsstellen des DDR-Gebrauchtwarenhandels von ihnen Computer im Wert von 120 Millionen Mark. Einrichtungen des Gebrauchtwarenhandels boten die Ware an und verkauften sie zum Teil originalverpackt in Volkseigenen Betrieben." Als die Gastarbeiter kamen, stieg der Ausländeranteil in der Bundesrepublik auf 4,3 Prozent. In der DDR lag er bei 0,1 Prozent, als die Staatssicherheit vor einer drohenden Gefahr zu warnen begann und Eindämmungsmaßnahmen und Abschiebungen vorschlug. Gewarnt wurde auch, weil die Arbeitsmoral und Produktivität der Zugereisten deutlich über dem Niveau lag und es Ausschreitungen gab, bei denen Bürger die "vietnamesischen Werktätigen von ihrer guten Planerfüllung abzubringen" versuchten.

*** Während die richtigen Flüchtlinge kommen, werden die Wirtschaftsflüchtlinge abgeschoben, solange es kein System der "Arbeitskontigente" gibt. Das Wirtschaftssystem, das so viel Wert auf Reichtum und ein gutes Leben legt, hat kein Verständnis für Leute, die auch so gut leben wollen wie wir. Freiheit und Wohlstand sind unteilbar wie die 0.

"Der Aufstieg der unteren Klassenzur formal aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben und die Erweiterung sowohl des Informationsflusses als auch der Informationsbestände haben die neue anthropologische Situation der 'Medienzivilisation' . Innerhalb dieser Zivilisation werden alle Angehörige der Gemeinschaft in unterschiedlichem Maße zu Adressaten einer intensiven, ununterbrochenen Produktion von Botschaften..." Umberto Eco, 1964

*** Nach Auskunft von Facebook ist es kein Verstoss gegen die Benutzungsbestimmungen, wenn jemand die Botschaft verbreitet, dass man Flüchtlinge überfahren sollte. Gegen die sehr unzivilisiert daherkommenden Botschaften vom rechten Rand der Gesellschaft haben sich Pranger im Internet gebildet, wie etwa Perlen aus Freital. Prompt gibt es Rechtsextremismus-Experten, die das nicht gut finden und wie Verfassungsschutz-Chef Maaßen vor der Aufstachelung des rechten Terrors warnen. Das ist das Stück, die auch in der Politik mit wunderbaren Negern gespielt wird, wenn man Verständnis für die "Sorgen dieser Bürger" hat und alles andere als das von Merkel geforderte "keine Toleranz für die, die nicht zu helfen bereit sind, wo rechtlich und menschlich Hilfe geboten ist." Ein Verfassungsschutz, der Mucksmäuschentum fordert, den kann niemand gebrauchen.

Was wird.

Die Flüchtlinge kommen und Deutschland modernisiert sich. Schließlich brauchen die Ankommenden die besonderen Errungenschaften der deutschen Zivilisation, eine elektronische Gesundheitskarte und den elektronischen Aufenthaltstitel als Äquivalent zu unserem wunderbar neuen Personalausweis. Da trifft es sich gut, wenn dank der Unterstützung der Bundesregierung kostenlose Workshops angeboten werden, warum elektronische Identitäten nützlich sind.

Vielleicht kommt mit den Neuausgaben auch Schwung in die Konzeption der Patientenrechte bei der Gesundheitskarte. Selbst die besonders klugen Deutschen haben ja Probleme mit acht unterschiedlichen PIN, die jeweils sechs-stellig sind. Da gibt es nämlich Widerborste bei der Bundesbeauftragten für den Datenschutz, denen die Lichtbilddiskussion egal ist und die sich um einen praktischen Umgang mit dem System bemühen. Denn eins ist klar: Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, sie machen sie mit dem Computer. Mensch und Computer gehören zusammen. "Gemeinsam Arbeit erleben" ist doch ein wirklich schönes Motto für alle Zweibeiner und Binärrechner, wenn man eifrig dabei ist, Dinge umzuwälzen und den Geistern der Vergangenheit einen kräftigen Tritt gibt.

(Bild: Hal Faber)

(vbr)