Alles bleibt kaputt

Komplexität hat eine Kehrseite: Angreifbarkeit an Stellen, an die vorher nie jemand dachte. Das begegnet uns in der Politik, in der Presse, in jedem größeren Code und natürlich begegnet es uns in unseren Autos

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Wer sich egal welcher halbwegs komplexen Konstruktion als Destruktor nähert, landet schnell bei der Frage: „Wieso ist das alles so kaputt, so schief, so unfertig?“ Dein Eindruck, lieber Destruktor, liegt eben auch am Standpunkt mit seinem Blickwinkel, muss man ihm antworten. Wer eine Konstruktion danach betrachtet, wie man sie am besten stören oder zerstören könne, vergisst, dass die Konstrukteure sie hauptsächlich aus der entgegengesetzten Richtung sahen, nämlich wie man das Ding nun endlich am billigsten zum Funktionieren bringen könne, denn die Kunden warten schon und die Deadline schoss schon vor Wochen mit einem lauten Wuusch! aber ohne weitere Effekte vorbei. Der Ingenieur würde sich schon wünschen, eine beidseitig stabile Sache zu bauen, aber der „Entscheider“ über ihm träumt längst von der nächsten Produktgeneration, mit der angefangen wird, bevor die aktuelle erste Kundenhände berührt.

Ein Beispiel, das ich für den Newsticker bearbeitete: Damals, als Volkswagen und Fiat und wasweißich wer noch eine elektronische Wegfahrsperre in ihre Autos bauen wollten, kauften sie mit Megamos das beste System am Markt ein. Indizienbeleg: Es wurde dieser Tage als letztes der damals verfügbaren in seiner Krypto gebrochen, trotz der üblichen peinlichen Beifänge wie „Pin-Schutz manchmal nicht gesetzt“, sodass jeder den Transponder im Schlüssel überschreiben konnte. Die Konstruktions-Entscheidungen liegen teils über 15 Jahre zurück, und so sehr ich die Autohersteller dafür verachte, wie sie bis heute „Security through Obscurity“ betreiben wollen, obwohl das noch nie funktioniert hat, finde ich gleichzeitig, dass dieses nur etwas schief zusammengefügte Megamos-Zeug wahrscheinlich konstruktiv betrachtet schlicht ausreichend war. Schulnote Vier. Destruktiv betrachtet war es dagegen mangelhaft. Die Realität gab diese Vier. Denn letztendlich geht es eben nur um Autos, nicht um ballistische Kernwaffen, obwohl die nach allen heutigen Erkenntnissen wahrscheinlich nicht halb so gut gesichert sind.

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Das Google Auto. Steht zu erwarten, dass da weniger Fehler drin sind als in Chrome oder Android? Ich denke nicht. (Bild: Google)

Eigentlich war das Interessanteste an diesem Zirkus das Vorgehen Volkswagens, die den Bericht der Krypto-Forscher durch einen Gerichtsbeschluss verhindern wollten. Erreicht haben sie nur, dass sie dumm dastehen, denn seit ihrer Klage und für immerdar wird die Schwäche des Megamos-Crypto-Systems an den Firmennamen gekoppelt bleiben: „Volkswagen-Hack“.