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Was war. Was wird. Von Fetischen, Cyborgereien und aufmerksamen Puppen.

Der Sound zu all den Feierlichkeiten ist schrill, und oft unpassend. Daher: Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Aber was deutsche Ingenieurskunst versaubeuteln kann, dass geht in anderen Bereichen doch auch, befĂĽrchtet Hal Faber.

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Geschichte, Technik, Schlachtschiff
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Eine SchnĂĽffel-Spur der Stasi

*** "Niemand würde behaupten, dass die Entwicklung von TDI-Motoren relevante soziale Transformationen nach sich zieht – auch wenn sie das sicherlich tut", schreibt César Rendueles in seinem Essay über "Cyberfetischismus" . Hat das wirklich niemand behauptet? Schade, denn jetzt erleben wir, wie die kleinen Dieselmotörchen mit 1,2-2,0 Liter Hubraum beim VW-Skandal eine soziale Transformation nach sich ziehen: Der Auspuff wird zum Einpuff, was dazu führt, dass viele gelehrte Abhandlungen über die Herrschaft, ähem die böse Magie der Algorithmen ausgestoßen werden, deren trickreiches Wirken sich nur hin und wieder in abstürzenden Messkurven offenbart.

*** Nur wer viel misst, misst den Mist, den "eine kleine Gruppe Manipulateure" mit ihrer Ramdoubler-Software angerichtet hat. Was 20 Jahre nach SoftRAM 95 es aus der kleinen Welt der Windows-Rechner in die große Welt der Autos geschafft hat, deren Software ein "biologisches Maß an Komplexität" erreicht hat. Wen das stimmt, haben wir Rechner mit Datenkörpern erschaffen und dabei längst die Kontrolle über die Synapsen verloren. Es ist die andere Seite jener Angst-Lust über die Künstliche Intelligenz, von der wir gleich hoffen, dass sie uns erlöst von unserer metaphysischen Einsamkeit im All. Hal 9000 war ja auch ein sehr verständiger Partner inmitten der Einsamkeit, bis zum letzten Kinderlied.

*** Die Illusion vom starken, schadstoffarmen sauberen und noch bezahlbaren Diesel ist geplatzt, ausgerechnet in Deutschland, das wie kein anderes Land der Welt von seiner Automobilindustrie abhängig ist. Die ganzen Phrasen von der Wissensökonomie, von den deutschen Ingenieursleistungen, von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 gehören damit ebenfalls auf den Rollenprüfstand: Betrügen und bescheißern wir uns nicht hier genauso wie VW oder wie bei der deutschen Einheit? So gesehen könnte die relevante Transformation ganz unsozial aus den USA kommen, wo sich der scheidende US-Präsident Obama als Klimakrieger inszenieren möchte. Hoch im Norden in Kotzebue, da zeigte er dem Rolling Stone, wie man ein Selfie vom Ende der menschlichen Zivilisation macht.

*** Dabei hat der Diesel in den richtigen Leistungsklassen seine Vorteile, zu sehen an den Tanken, wo die Trucker umstandslos AdBlue nachfüllen, nur um sich in den nächsten Stau zu stürzen, aus dem allein das automatische Fahren Erlösung verspricht. Dieses verblödende Vorrücken Meter um Meter sollte man wirklich dem Rechner überlassen können, während man in der Zeitung blättert oder im Heiseforum stöbert. Aber ist da nicht der Anfang vom Ende der bestehenden Ordnung eingeleitet? Werden da nicht Zigtausende von Arbeitsplätze durch diesen kybernetischen Kapitalismus gefährdet, der seine Vollendung im Light out Fab bei Globalfoundries erfährt? Die Fabrik ohne Arbeiter, die Norbert Wiener im Jahre 1949 beschrieb, als er in einem Brief an einen Gewerkschaftsboss vor der kommenden Entwicklung in der Automobilindustrie warnte? "Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass jede Arbeit, die in Konkurrenz zur Sklavenarbeit steht, ganz gleich ob diese Sklaven menschlicher oder mechanischer Art sind, die Bedingungen der Sklavenarbeit akzeptieren muss."

*** Wieners Warnungen wurden von Walter Reuther gehört, der den geschäftstüchtigen jüdischen Wissenschaftler einlud, auf einem Gewerkschaftskongress über das Thema der kybernetischen Steuerung zu sprechen. Das lehnte Wiener unter Verweis auf anstrengende Europa-Reisen und seine angegriffene Gesundheit ab. Er war verwarnt worden. Denn der kybernetische Kontakt alarmierte das FBI, das eine Akte "Norbert Wiener a.k.a. Weiner" anlegte und Wiener als Gefährder der Stufe C einstufte – subversive Aktionen gegen die Regierung der Vereinigten Staaten. Die Frage, wo denn der Mensch bleibt, wurde von Volkswagen in der Halle 54 beantwortet, ganz im Sinne von Norbert Wiener. Damit bin ich bei einem echten Jubiläum angelangt, ganz abseits der Einheitsfeiern. Denn wir Menschen sind biologische Maschinen, die sich mit Informationsmaschinen in Form von Smartphones verbinden, um Kriegs- oder Flüchtlingsmaschinen zu werden. Kurzum, wir sind Cyborgs.

*** Vor 30 Jahren ging es nicht nur Zurück in die Zukunft, vor 30 Jahren begann eine Zukunft. In der in Berkeley erscheinenden Socialist Review veröffentlichte Donna Haraway ihr feministisches Cyborg Manifesto, das den Cyborg von den kruden Anfängen bei Kline und Clynes als Schwanzersatz befreite, während sich Haraway über die Männer und ihre Ängste mokierte: "Der Cyborg ist ein Geschöpf der post-Gender-Welt, er ist nicht mit dem ganzen Zeug von Bisexualität, prä-ödipaler Verschmelzung, nicht entfremdeter Arbeit oder anderen Versuchungen beladen, eine organische Ganzheit all der Teile zu bilden, die in einer höheren Einheit verschmolzen werden sollen." Der Cyborg soll den ganzen dualistischen Quatsch von Körper und Geist überwinden, der die sozialistische und feministische Debatte seinerzeit plagte.

*** Also zurück zu Hals Kinderlied? Halt, stopp, da war doch noch was! Wo ist der Song zum Wiedervereinigungsjubiläum? Nein! Bitte nicht! Schmeiße jetzt keiner die Scorpions an! Wie wär's mit Fehlfarben, "Es geht voran"? Oder, wenn man schlecht gelaunt und etwas melancholisch veranlagt ist, die 17 Hippies mit "Was bleibt", zumindest im übertragenen Sinne: "Weiß verblüht der Flieder zur Zeit. Zu mir hast du ja gesagt – und sieh’ nur was bleibt." Oder gar die Einstürzenden Neubauten mit Halber Mensch? Aber möglicherweise sollten wir doch auf den 9.November rekkurieren und dann John Zorns unvergessliche und fast unerträglich mahnende Musik gegen das Vergessen hören. Zum Abschluss dann Brechts von Eisler vertonte Kinderhymne. Andere Vorschläge?

*** Ja, genau, Musik ist politisch, ist es immer gewesen, und wenn sie sich unpolitisch gab, war sie erst recht politisch. Kaum jemand kann von diesem politischen Charakter der Musik ein besseres Lied singen als Nina Simone. Man kann gar nicht oft genug auf die fantastische Dokumentation   "What happend, Miss Simone?" hinweisen, die Netflix bereits im Juni veröffentlichte. Und dann führt man sich gleich noch "live at Montreux 1976" zu Gemüte, mit der wohl berauschendsten Version von "My Baby Cares for Me", die die Welt je gehört hat.

Was wird.

"Fantastisch. Ich weiß, dass wir gute Freunde werden": So beginnt die Geschichte der smarten Barbie, die hier in epischer Breite erzählt wird. Die bereits mit einem Big Brother Award ausgezeichnet wurde. Barbie für den rosafarbigen Einstieg in die technologische Singularität soll zu Weihnachten in den USA auf den Markt kommen. Wir sehen: Barbie findet Mathe nicht mehr doof und arbeitet auch nicht mehr als Web-Hiwi in der IT mit Steve und Brian, sondern sorgt für zahlreiche Arbeitsplätze in der heilen "scripted Reality". Wenn sich junge Mädchen mit ihren Wünschen an die Puppe richten, muss die Vorarbeit stimmen. Dialoge müssen geschrieben, geprobt und gesprochen werden und wehe, es geht da nicht politisch korrekt zu. Auf die Frage "bin ich sexy" muss eine Antwort kommen, die garantiert nicht von Donna Haraway stammt. "Du bist klug, talentiert und witzig", so ist das richtig. Man stelle sich eine Puppe vor, die auf den barbieanischen Imperativ Erhebe deine Stimme! schlicht anwortet, dass Pop in Noten gefasster patriachalischer Zwang ist. "Barbie, ich bin scheu und möchte doch Freundinnen haben." "Da muss man sich nicht schlecht fühlen, wenn man scheu ist. Überlege mal, wir sind doch auch gute Freundinnen geworden." Barbie ist darauf programmiert, Schimpfworte zu ignorieren, sie sind in den zentralen Toytalk-Servern mit der Wissensbasis von Barbie nicht vorhanden. Hack mich, hack mich ruft das Rumpel-Datenstaubsaugerlein verzückt am Lagerfeuer.

"Landesverrat? Aber gerne doch!"

Also feiern wir mal. Feiern wir die Einheit mit denen von drüben wie hüben, die Einheit mit unseren Cyborgs, die Einheit mit denen, die jetzt noch kommen und mit denen wir zusammen im 21. Jahrhundert ankommen müssen, trotz aller wippenden Politiker, die da holzen. Wir müssen ankommen in einem Jahrhundert, in dem sich Europa öffnet gegenüber anderen Völkern, Rassen, Ethnien. Ein paar Türen sind schon offen, aber sie wurden nicht aufgehalten. Auf das Aufstoßen kann man Anstoßen. (jk)