Neue Fernsehfreiheit
In die meisten Haushalte gelangt das TV-Signal noch immer auf analogem Weg. Doch auch wer nicht digital empfängt, kann zumindest digital aufzeichnen. VHS-Bandsalat ist passé. Die neuen Recorder liefern blendende Bildqualität und einen bisher nicht gekannten Bedienkomfort - jedenfalls meistens.
Derzeit kommt das Fernsehbild auf drei Wegen zum Konsumenten: Über Kabel, über Satellit oder ‘terrestrisch’ über die gute alte Hausantenne. Laut Astra hängen mittlerweile 56 Prozent der Erstgeräte in deutschen Haushalten am Breitbandkabel. 37 Prozent nutzen Satellitentechnik, nur noch sieben Prozent - Tendenz fallend - empfangen das Fernsehprogramm terrestrisch.
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Nur noch sieben Prozent der deutschen Haushalte haben ihr Erstgerät an der Hausantenne angeschlossen - Tendenz fallend. Etwa ein Sechstel der Satellitenhaushalte empfangen schon das digitale Angebot. Quelle: Astro, Stand. 06/2002 |
Auf allen drei Übertragungswegen lässt sich das Fernsehsignal digital übermitteln. Hierzulande nutzt man dafür den in Braunschweig entwickelten Übertragungsstandard Digital Video Broadcasting (DVB), der mit seinen Unterformen DVB-C (Kabel), DVB-S (Satellit) und DVB-T (terrestrisch über Antenne) auf allen Übertragungsstrecken zu finden ist.
Generell bietet das DVB-Format viele Vorteile gegenüber der analogen Übertragung: Neben dem Programm können im MPEG-Strom auch beliebige Zusatzinformationen verschickt werden, so etwa die elektronische Programmzeitschrift (EPG) direkt am Fernseher oder zusätzliche Datendienste. Lieb gewonnene Funktionen wie VPS oder ShowView sind allerdings momentan noch nicht zu haben.
Während via Satellit hunderte TV- und Radioprogramme digital ausgestrahlt werden, ist das DVB-Angebot im Kabel noch arg beschränkt. Nur der Pay-TV-Sender Premiere lässt sich bundesweit empfangen. In den Kinderschuhen steckt das digitale terrestrische Fernsehen; es muss mit einem Pilotprojekt in Berlin seine Feuerprobe erst noch bestehen.
Doch egal ob digital oder analog empfangen - digital aufzeichnen kann jeder, um sich den damit verbundenen Mehrkomfort nutzbar zu machen (siehe Test in c't 22/2002 auf S. 126).
Digitale Videorecorder, die statt auf Kassette auf Festplatte oder DVD speichern, erlauben es beispielsweise, das laufende Fernsehprogramm per ‘Pause’-Taste zu beliebiger Zeit einzufrieren (‘Pause-TV’) - um zu telefonieren oder andere nicht aufschiebbare Geschäfte zu erledigen. Der Recorder speichert das weitere Geschehen im Hintergrund.
Ein nochmaliger Knopfdruck, und das Programm läuft zeitversetzt an der Stelle weiter, an der es zuvor gestoppt wurde. Parallel wird die Aufnahme im Hintergrund fortgesetzt. Mehr noch: Über den während der Pause angesparten Zeitpuffer kann man frei verfügen. Hat man dem Film fünfzehn Minuten Vorsprung gegeben, kann man ungeliebte Werbespots kurzerhand per Knopfdruck überspringen.
Einige digitale Videorecorder zeichnen grundsätzlich das Programm des jeweils eingestellten Senders auf. Sobald man sich für ein Programm entschieden hat, wird es auch schon auf die Platte gebannt. Dialog verpasst - Film nicht verstanden? Kein Problem. Mit so einem Gerät kann man sogar im Live-Programm zurückspulen. Manche Modelle nutzen den Puffer, damit der Zuschauer die letzte Torszene auf Tastendruck via ‘Replay’ ein weiteres Mal anschauen oder eine Aufnahme auch dann noch starten kann, wenn er schon zehn Minuten des Filmklassikers gesehen hat.
Von analog nach digital
Das DVB-Signal kommt als komprimierter MPEG-2-Datenstrom im Empfänger an und wird als solcher direkt gespeichert. Demgegenüber muss das analoge Fernsehsignal zum Speichern erst digitalisiert und in ein einigermaßen Platz sparendes Format kodiert werden. Die digitalen Recorder für Analog-TV sind daher etwas aufwendiger gebaut und deshalb oft teuer als vergleichbare DVB-Geräte.
Als direkte Nachfolger der (S)VHS-Recorder verstehen sich DVD-Videorecorder. Sie ersetzen das Bandlaufwerk durch den DVD-Brenner und zeichnen im DVD-konformen MPEG-2-Format auf - das übrigens nicht kompatibel ist mit dem DVB-Transportformat. Ansonsten ist die Handhabung identisch, und auch VPS und ShowView sind mit von der Partie. Auf Timeshifting muss man außer bei Panasonics DVD-RAM-Recordern indes verzichten. Dieses Feature bleibt sonst den DVB-Empfängern vorbehalten, die auf Festplatte aufzeichnen, seien es Settop-Box oder PC.
Während man auf Festplatten zig Stunden in bestmöglicher MPEG-2-Qualität aufzeichnen kann, muss man bei DVD-Recordern bei Aufnahmen von mehr als zwei Stunden Dauer Qualitätseinbußen in Kauf nehmen. Besonders interessant sind deshalb Geräte, mit zusätzlicher Festplatte. So kann man den Spielfilm in voller Qualität zwischenspeichern und notfalls ein wenig beschneiden, bevor man ihn endgültig auf eine DVD bannt.
Digital aus dem All
Wer die Fernsehzukunft schon jetzt erleben will, holt sich das Fernsehprogramm digital ins Haus. Dabei führt der Weg momentan vor allem über DVB via Satellit. Der passende DVB-S-Tuner kommt als Settop-Box daher. Eigentlich bedeutet dies nur, dass man ein Stück Technik auf den Fernseher stapelt, dass eigentlich in den Fernseher gehört - ein Prinzip, an das sich die Kunden aber schon vom analogen Satellitenempfang her gewöhnt haben.
Viele alte Sat-Anlagen lassen sich durch Umrüsten des LNB (Low Noise Block) auch für Digital-TV nutzen. Wer sich jetzt erstmals für den Sat-Empfang entscheidet, sollte gleich zu einer digitalen Anlage greifen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Über Astra 1B und Hotbird lassen sich hunderte TV-Sender verschiedenster Sprachen empfangen (darunter alle deutschen und natürlich auch Premiere Digital), ganz ohne Kabelgebühren.
Die DVB-S-Receiver mit integrierter Festplatte (siehe Test in c't 22/2002 auf S. 114) bieten allesamt Timeshift-Komfort. Darüber hinaus profitieren sie vom großen Vorteil der digitalen Übertragung: Die gesendeten Datenströme können von den Geräten 1 : 1 auf die Festplatte gebannt werden, die Aufzeichnungsqualität entspricht somit der Sendequalität. Der Datenstrom enthält Bild- und Toninformationen in Form eines MPEG-2-Videostream und dem zugehörigen Ton (MP2 oder Dolby Digital).
Doch darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass die ‘digitale Bildqualität’ in jedem Fall über alle Zweifel erhaben ist. Die Digitalisierung ermöglicht es den Sendeanstalten nämlich gleichzeitig, Bandbreite zu sparen. In dem Frequenzbereich, die ein analog ausgestrahltes Programm belegen würde, lassen sich eine Vielzahl digitaler Kanäle unterbringen und bilden zusammen ein digitales ‘Bouquet’.
Übertragungskosten werden gesenkt, indem man so viele Programme wie möglich in ein Bouquet quetscht. Über statistisches Multiplexing, bei dem je nach Kompressionsbedarf eine variable Bitrate zugewiesen wird, lässt sich die Datenrate noch weiter senken. Benötigen viele Sender im Bouquet kurzfristig hohe Bandbreiten (zum Beispiel durch stark bewegte Bilder bei Sportberichterstattung oder Action-Sequenzen), kann es eng werden - die typischen MPEG-Block-Artefakte sind die Folge.
Trotz digitaler Übertragung ist die Empfangsqualität also sehr unterschiedlich. Ein positives Beispiel liefert der Pay-TV-Sender Premiere: Er sendet über DVB in der besten Qualität - schließlich darf man es sich mit der zahlenden Kundschaft auch nicht verderben. Hier erzielt man mit dem Umstieg auf DVB denselben Oho-Effekt wie beim Übergang von VHS auf DVD.
Satelliten-Receiver sollten mit einem Common-Interface-Steckplatz für so genannte ‘Conditional-Access-Module’ (CA) ausgestattet sein. Momentan benötigt man ihn zwar nur, wenn man Premiere oder andere Pay-TV-Angebote nutzen will. Doch in Zukunft könnte der CI-Steckplatz an Bedeutung gewinnen. Die Fußball WM 2002 konnte von DVB-S-Kunden nicht empfangen werden, da die ARD die digitale Ausstrahlung via Satellit nicht auf Deutschland begrenzen konnte. Auch in anderen Ländern hätte man so die WM kostenfrei verfolgen können - leider sollte sie dort von Pay-TV-Sendern übertragen werden. Um rechtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, sendete die ARD statt Fußball über DVB-S ein Ersatzprogramm.
Damit das WM-Desaster sich nicht wiederholt, müssen die Angebote in Zukunft vielleicht verschlüsselt werden, um sie regional begrenzen zu können. Die ARD versucht dieses Szenario nach Möglichkeit zu vermeiden, da die Kosten für die Verschlüsselungstechnik immens wären. Doch wenn die Fußball-WM 2006 verschlüsselt werden muss, stünde man mit Receivern ohne CI-Steckplatz klar im Abseits.
Digitales Kabel
Auch wer keine Satellitenschüssel montieren darf, weil es der Vermieter oder andere Umstände nicht gestatten, kann in den Genuss von DVB kommen. DVB-C-Receiver empfangen das digitale Fernsehprogramm aus dem Kabelnetz. Verglichen mit dem Analogangebot und erst recht mit dem Satelliten ist die Senderauswahl jedoch recht eingeschränkt. Zur Einspeisung digitaler Bouquets müssten analoge Sendeplätze freigeräumt werden, doch das würde die analoge Kundschaft vergraulen.
Momentan finden sich von mehreren hundert möglichen Kanälen nur höchstens 50 (abhängig vom Kabelnetzprovider) digital im Kabel. Dazu zählt überall das gesamte Premiere-Programm. ‘ARD digital’ ist mit fünfzehn, ZDF.vision mit elf Programmen digital vertreten. Die privaten Free-TV-Sender sucht man indes vergebens. Der private Kabelnetzbetreiber ‘ish’ in Nordrhein-Westfalen speist nicht einmal die öffentlich-rechtlichen Angebote digital ein - hier gibt es nur Premiere.
Bei DVB-C-Receivern wird es in Zukunft ein größeres Angebot geben, da Premiere vom Konzept der proprietären D-Box abgeht, um mit anderen Herstellern von Settop-Boxen zusammenzuarbeiten. Eine neue Generation von Receivern wird schon ab Werk ‘Premiere-ready’ ausgeliefert und kann auch ohne zusätzliches CA-Modul Premiere dekodieren.
Digitale Stabantenne
Der Dritte im digitalen Bunde ist das über die terrestrische Antenne zu empfangende DVB-T. Das als ‘ÜberallFernsehen’ beworbene Format, das sogar den mobilen DVB-Empfang mit einer stummeligen Stabantenne ermöglicht, ist leider längst noch nicht überall zu empfangen. Aber erste Settop-Boxen wie auch PC-Einsteckkarten sind bereits erhältlich.
Grundsätzlich können die Empfänger auch über RF-Eingang an den bestehenden Antennenwald auf dem Hausdach angeschlossen werden - Hausbesitzer sollten bei der Renovierung des Daches also lieber innehalten, bevor sie mit der Axt den vermeintlich antiquierten Antennenwald lichten. Empfängt die Hausantenne derzeit meist gerade mal magere fünf Programme, soll DVB-T 18 bis 24 Sender digital auf die Mattscheibe befördern, sprich vier bis fünf Sender pro heutigem Analogkanal.
Noch läuft DVB-T nur in kleinen Pilotversuchen, aber ab November startet im Ballungsraum Berlin/Potsdam der erste große Testballon: Erstmalig sollen analoge Sender abgeschaltet werden, um dem digitalen Empfang Platz zu machen. Schon am 23. Februar kommenden Jahres soll der erste Schritt vollzogen sein. Lediglich die Programme von ARD, ZDF, ORB und SFB1 werden in Berlin noch bis Mitte 2003 analog ausgestrahlt.
Bei unter zehn Prozent analogen Antennenguckern hofft man auf einen glatten Übergang. Momentan sind alle Augen auf Berlin gerichtet: Wird DVB-T angenommen? Oder sammeln sich Massen erboster Bürger mit ihren nutzlos gewordenen TV-Porties vor dem Reichstagsgebäude?
Die Kabelnetzprovider beobachten das DVB-T-Treiben mit Sorge. Es besteht die Möglichkeit, dass sich bei flächendeckender DVB-T-Versorgung die Kunden von ihnen verabschieden. Schon jetzt schrauben sich sparsame Zeitgenossen, wenn irgend möglich, lieber eine Sat-Schüssel an die Hauswand - und wer braucht in Zukunft noch das teure Kabel, wenn der Fernsehempfang von 24 Programmen auch mit Stummelantenne möglich ist?
Analog, digital - egal
DVB-C- oder gar DVB-T-Receiver mit eingebauter Festplatte sind bisher rar beziehungsweise noch gar nicht im Handel. Auf die Vorzüge der digitalen Aufzeichnung braucht der Anwender trotzdem nicht zu verzichten, denn es lassen sich in jedem Fall die für Analogempfang geeigneten Recorder nutzen. So kann zumindest in den eigenen vier Wänden der Kunde dank der neuen Aufzeichnungsgeräte bald das Zepter übernehmen und sein eigenes Programm gestalten. Wie man die neu gewonnene Freiheit nutzt, bleibt jedem selbst überlassen: zum mehr - oder zum besser Fernsehen. (sha) (vza)