Multimedial veranlagt

„Intel Viiv“ und „AMD Live!“ sollen dem PC endgültig zum Einzug ins Wohnzimmer verhelfen. Doch sind die Logo-Programme der CPU-Hersteller wirklich Pflicht oder bieten andere Systeme den gleichen oder gar mehr Komfort? Wir zeigen auf, worauf Sie beim Kauf von Multimedia-PCs, Flachbildfernsehern und Geräten zum Empfang und zum Abspielen von hochaufgelösten Videos achten müssen.

vorlesen Druckansicht 6 Kommentare lesen
Lesezeit: 11 Min.

Ob digitale TV-Aufzeichnungen, Kaufmusik, Bilder von der Digicam, Internet-Radio oder Videostreams über DSL - digitale Inhalte erobern einen immer größeren Anteil am häuslichen Medienmix. Schade nur, dass viele Medien an den PC gefesselt sind, der sein Dasein meist im Arbeitszimmer fristet. Ihm könnte man zwar einen Streaming-Client zur Seite stellen, der einen Gutteil der gewünschten Audio- und Videoformate per Netzwerk ins Wohnzimmer bugsiert - aber eben nicht alle.

Die Alternative ist ein Rechner mit hohem WAF (Women’s Acceptance Factor) für die gute Stube, der sich bequem von der Couch aus fernbedienen lässt. Als Betriebssystem bietet sich hierfür die Windows XP Media Center Edition 2005 (MCE) an. Sie ersetzt den Windows-Desktop auf Knopfdruck durch eine fernzubedienende bildschirmfüllende Bedienoberfläche für digitale Videoaufzeichnung inklusive Timeshift, Audio-/Video-Jukebox, CD- und DVD-Wiedergabe. Die MCE setzt Maßstäbe in puncto Bedienkomfort, hat aber auch einige Macken - so klagen Musikfreunde mit ausufernden MP3-Sammlungen über die träge und unübersichtliche Navigation. Das soll sich mit dem kommenden Vista Media Center - Bestandteil von Windows Vista Home Premium und Windows Vista Ultimate ändern. Abgesehen von einer schickeren grafischen Aufmachung und einigen Detailverbesserungen hat Microsoft keine grundlegenden Änderungen in das Vista Media Center eingebaut. Wie sich aktuelle Media-Center-Systeme unter dem neuen Betriebssystem schlagen, steht im Kasten „Vista vorbereitet“.

Ein kurzer Streifzug durch den nächstbesten Elektronikfachmarkt führt schnell zu der Erkenntnis, dass Komplettsysteme mit Windows XP Media Center Edition vom Tower bis hin zum Notebook zu haben sind. Es gibt sogar Geräte, die auf den ersten Blick eher wie HiFi-Equipment denn wie ein PC aussehen. Mini-PC-Varianten wie Shuttles Media-Center-Barebone SD36G5M zum Selbstkomplettieren sind allerdings häufig zu laut [1]. Deutlich leiser geht der neue Mac mini zu Werke. Seine Media-Center-Eignung untersuchen wir im Artikel ab Seite 102 in c't 23/2006. Ein ähnlich winziges System mit Hybrid-Tuner (analog/DVB-T) will Yakumo noch im November für knapp 900 Euro auf den Markt bringen. Ein uns als Vorabversion zur Verfügung gestelltes Gerät mit Core Duo (T2300, 1,66 GHz) und 100-GByte-Festplatte blieb auch unter Volllast leise (0,6 Sone), einzig bei DVD-Wiedergabe lärmte das optische Laufwerk mit 2 Sone Lautheit; die Freeware CD-Bremse stellt es aber ruhig (siehe auch Artikel auf S. 102). Das komplett auf Notebook-Technik aufsetzende Gerät verbraucht im Durchschnitt 40 Watt, im Standby (S3, Supend to RAM) unter 2 Watt, im ausgeschalteten Zustand (S5, Soft-Off) noch einen Tick weniger - ähnlich wie aktuelle Unterhaltungselektronikgeräte auch.

Welcher Formfaktor Ihren Ansprüchen genügt, hängt nicht zuletzt vom Einsatzort- und -zweck des PC ab. Die Wenigsten würden etwa einen Media-Center-Tower im Wohnzimmer platzieren, nichts desto trotz haben diese Geräte ihre Daseinsberechtigung, weil sie sich leicht mit TV-Karten im PCI-Format und Festplatten aufrüsten lassen.

Intel will nun die Interessenten Glauben machen, dass die Medienzentrale PC nicht ohne „Viiv“-Logo auskommt. Oder sollte doch lieber ein „AMD Live!“-Aufkleber am Gehäuse haften? Beide Chip-Hersteller haben Media Center PCs als ideale Plattform für ihre Dual-Core-CPUs auserkoren. Doch beim Prozessor lassen es Intel und AMD nicht bewenden.

Beide Hersteller koppeln die Vergabe ihrer Viiv- und Live!-Logos an Hardware-Voraussetzungen, die unter anderem eine aktuelle CPU aus dem jeweiligen Lager einschließen - bei Intel Pentium D/Extreme Edition, Core Duo oder Core 2 Duo inklusive speziellem Chipsatz (ab 945P mit ICH7-DH-Southbridge, Details unter [2]), bei AMD ein Athlon X2 4200+, FX-62 oder höher.

Sowohl Viiv- als auch Live!-Systeme sind mit der Windows XP Media Center Edition 2005 ab Rollup 2 ausgestattet, ab kommendem Jahr voraussichtlich mit Window Vista Home Premium. TV-Tuner zählen jeweils nur zum optionalen Zubehör. Weder HDMI noch DVI sind für Viiv- oder Live-Rechner Pflicht; sind die Anschlüsse vorhanden, müssen sie allerdings den Kopierschutz HDCP (High-Bandwidth Digital Content Protection) unterstützen. Generell sollte man bei der Neuanschaffung eines Multimedia-PC Wert darauf legen, dass die digitalen Anschlüsse HDCP unterstützen, denn spätestens mit Vista wird es verschärfte Kopierschutzregeln geben, die HDCP mitunter voraussetzen. Worauf Sie darüber hinaus bei der Wahl eines passenden Flachbildfernsehers achten müssen, erfahren Sie ab Seite 104 in c't 23/2006. Für HD-DVD- und Blu-ray-Wiedergabe ist ein digitaler Grafikausgang mit HDCP obligatorisch - mehr dazu im Artikel ab Seite 110 in c't 23/2006.

Auch das Format des PC spielt in den Kampagnen keine Rolle. Intel versucht allerdings mit einem hoch dotierten Wettbewerb, die Hersteller in Richtung wohnzimmertauglicher Geräte zu lenken. Dennoch gibt es neben den Basisanforderungen einen Strauß zusätzlicher Kriterien, die zertifizierte Systeme erfüllen müssen. Das nur PC-Herstellern zur Verfügung stehende AMD Live! Qualification Tool verlangt von einem Desktop-PC unter anderem einen Netzwerkanschluss, 5.1-Sound (mit SPDIF), mindestens 1 GByte Arbeitsspeicher und die Fähigkeit der Ausgabe von HD-Videos in 720p, sprich mit 1280 x 720 Bildpunkten bei 50 oder 60 Vollbildern pro Sekunde. Das Programm unterscheidet zwischen Desktop und Notebook-Systemen, in Zukunft dürfen die Kunden also auch Live!-zertifizierte Notebooks erwarten.

Intels frei zugängliches Viiv-Testprogramm (siehe Soft-Link) fordert ebenfalls eine LAN-Verbindung und außerdem Intel High Definition Audio (HDA). Zusätzlich soll das System über eine SATA-Festplatte mit den Treibern für Intels Matrix Storage Technology verfügen, die auf Systemen mit mehreren Festplatten das Anlegen von parallelen RAID-0- und -5-Arrays erlaubt.

Als weitere Besonderheit unterstützen beide Konzepte einen von Microsoft „Away Mode“ (Abwesenheitsmodus) getauften neuen ACPI-Modus. Er soll MCE-Systemen Unterhaltungselektronik-Flair verleihen: Ein Druck auf den Power-Knopf der MCE-Fernbedienung reicht, um den PC im Bruchteil einer Sekunde in den Abwesenheitsmodus zu schicken oder daraus aufzuwecken. Damit das klappt, schaltet der PC die Grafik- und Tonausgabe ab, das Media Center pausiert die Wiedergabe von Mediendateien; Netzwerk-Streams wie auch die Applikationen außerhalb der MCE laufen weiter. AMD nutzt dafür nur eine von Microsoft gelieferte Update-Datei, Intel offeriert eigene Treiber (Quick Resume Technology, kurz IQRT) für den zusätzlichen Power-Modus. Der IQRT-Treiber startet bei Aktivierung des Abwesenheitsmodus den Standby-Timer von Windows, nach dessen Ablauf er das System in den Stromsparmodus S3 schickt, sofern der PC nichts mehr zu tun hat. Bei aktuellen Systemen liegt der Energieverbrauch im S3 meist nur geringfügig oberhalb des Soft-Off. Aus diesem Zustand lässt sich der PC in der Regel nicht mehr per Fernbedienung oder Tastatur wecken.

Intel bindet in sein Viiv-Programm auch Netzwerkkomponenten ein. Neben Viiv-zertifizierten Streaming-Clients wie Netgears in [3] vorgestellten EVA700 gibt es auch entsprechende Router. Die Viiv-Software (aktuell Version 1.52) enthält ein Plug-in für die Media Center Edition, das die bequeme Einrichtung und Steuerung aller Viiv-Komponenten mit der Fernbedienung vom Sofa aus ermöglicht. WLAN-Verbindungen von Streaming-Clients über Viiv-konforme Router lassen sich ebenso einstellen wie die Medienfreigaben für Abspielstationen im heimischen Multimedianetz.

Intels Viiv-Plug-in enthält einen UPnP-Streamingserver, der Musik, Bilder und Videos im Netz verfügbar macht. Mit DRM (Digital Rights Management) geschützte Inhalte sollen sich künftig ebenso einfach wie ungesicherte Daten zwischen Viiv-Geräten austauschen lassen. Um dies zu erreichen, setzt Intel auf das Zusammenspiel einer Vielzahl (offener) Standards: HDCP, mit DTCP (Digital Transmission Content Protection) und CPRM (Content Protection for Recordable Media). Auch Spezifikationen zur Vernetzung digitaler Unterhaltungselektronik wie NMPR (Networked Media Product Requirements) tüftelt Intel aus und fördert deren Verbreitung über das Industriegremium DLNA (Digital Living Network Alliance). Intels Digital Media Infrastructure (DMI) fungiert als Middleware zur gemeinsamen Nutzung digitaler Inhalte im heimischen Unterhaltungsnetz. Microsoft steuert neben seinem DRM vorrangig die Betriebssystem- und Treiber-Infrastruktur bei, die bei Vista kopiergeschützte Signalpfade sichern soll (PMP: Protected Media Path, PVP: Protected Video Path, PUMA: Protected User Mode Audio) [5].

Statt eines Viiv-zertifizierten Streaming-Clients wäre eigentlich ein Media Center Extender (MCX) die ideale Ergänzung für eine MCE-Maschine. Sie exportiert die Media-Center-Oberfläche via Netzwerk nahezu 1:1 ins Wohnzimmer und streamt auch Live-TV. De facto beschränkt sich die MSX-Auswahl hierzulande auf die Xbox 360, die manchem fürs Filmegucken zu laut sein dürfte [4]; den Media Center Extender for Xbox hat Microsoft hierzulande nie vermarktet.

AMDs Konkurrenzprogramm sieht gegenüber Intels Initiative noch recht dürftig aus. Die AMD Live! Entertainment Suite enthält ein Sammelsurium ausgewählter Tools von Drittanbietern, die unter www.amdlive.com zum Download angeboten werden. Bei AMD Live! Compress handelt es sich etwa um ein Tool zur Wandlung von TV-Aufzeichnungen in das Windows-Media-Format, während LogMeIn den bequemen Remote-Zugriff auf verschiedene XP-Systeme über eine Internet-Verbindung ermöglicht. AMD on Demand ist eine Version des Orb-Dienstes, der Medieninhalte am heimischen Rechner in Echtzeit transkodiert, um sie unterwegs auf mobilen Endgeräten live über das Internet abrufen zu können. Das Media Vault bietet wiederum Online-Speicherplatz zur Sicherung von Mediendateien.

Die Kooperationen scheinen mit der heißen Nadel gestrickt zu sein, um Intel etwas entgegensetzen zu können. Orb verweist beim Download darauf, dass die AMD-Version noch nicht zur Verfügung steht. Der Link zur Trial-Version von AMD Compress führt ins Nirwana. Jedes Programm muss man zu den Konditionen des jeweiligen Anbieters erwerben - monatlich im Abo, zum Einmalbetrag oder jährlich zu bezahlen. Vergünstigungen oder gar einen zentralen Zugang zur Entertainment Suite für AMD-Live!-Kunden sucht man vergeblich.

Auch AMD plant, sein Live!-Programm um Streaming-Clients zu ergänzen. Man sei bereits mit mehreren Herstellern von Settop-Boxen im Gespräch, so ein AMD-Sprecher gegenüber c't. Ob und wann die Boxen allerdings im Handel verfügbar sind, steht nicht fest.

Um zu prüfen, wie sich Viiv und Live! in der Praxis schlagen, und was der „Away Mode“ taugt, haben wir uns exemplarisch drei dieser Vertreter genauer angeschaut (siehe oben).

Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 23/2006.

Soft-Link

[1] Manfred Rindl, Schnell zur Stelle, aber laut, c't 7/06, S. 66

[2] Viiv-Hardware-Voraussetzungen

[3] Sven Hansen, Fernsehen war gestern, Streaming-Lösungen für das multimediale Heimnetz, c't 18/06, S. 96

[4] Hartmut Gieselmann, Der weiĂźe Riese, c't 26/05, S. 18

[5] Christof Windeck, Gewieft gedacht, Intels Viiv-Strategie hinterleuchtet, c't 3/06, S. 30

"Wohnzimmer digital"
Weitere Artikel finden Sie in der c't 23/2006:
Kaufberatung Media-Center-PCs S. 94
Mac mini als Medienzentrale S. 102
Der richtige Flachbildfernseher S. 104
Audio-Ăśbertragung via HDMI S. 108
Blu-ray Disc und HD DVD S. 110
HDTV-Empfang mit PC und Settop-Box S. 112

(vza)