Elektrozukunft auf drei Rädern
Forscher am MIT arbeitet an einem autonom fahrenden Dreirad mit Akkuantrieb.
- Richard Martin
Forscher am MIT arbeitet an einem autonom fahrenden Dreirad mit Akkuantrieb.
In den Großstädten dieser Welt wird es immer schwieriger, Waren und Menschen zeitnah von Punkt A nach Punkt B zu bringen. 90 Prozent des Bevölkerungswachstums in diesem Jahrhundert finden in Megacities statt – zudem sind sie laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen bald für 80 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Und das Klimagas kommt immer häufiger von Benzin- und Diesel-betriebenen Autos, die Tag für Tag in immer länger werdenden Staus stehen.
Ryan Chin, ein Forscher am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology, hat sich darauf spezialisiert, neuartige Verkehrssysteme für urbane Räume zu entwickeln. Seine jüngste Erfindung sieht auf den ersten Blick etwas merkwürdig aus, erweist sich beim näheren Hinsehen aber als ziemlich schlau: Er will die drei dominierenden Trends im Bereich der städtischen Mobilität zusammenführen – das autonome Fahren, das Teilen von Fahrzeugen und die Verwendung von Elektroantrieben.
Sein erstes Gefährt ist allerdings kein Auto, sondern ein Stromer mit drei Rädern. "Persuasive Electric Vehicle" – oder kurz PEV – hat Chin es getauft. Die Karosserie, die Chin "Außenschild" nennt, besteht aus einem Kohlefasermaterial. Der Wetterschutz lässt sich cabrioartig wegklappen. Eingebaut ist ein 250 Watt starker Motor, der auch als Bergfahrassistent verwendet werden kann.
Die Maximalgeschwindigkeit beträgt knapp 20 Kilometer pro Stunde. Unterwegs sein soll das Gefährt insbesondere auf Fahrradwegen. "Persuasive", also die Menschen überzeugend, soll das PEV sein, weil es positive Veränderungen bei der Verkehrsmittelwahl in Städten anstoßen soll.
Das Gefährt ist entweder für menschliche Fahrer gedacht oder den Transport von Paketen. Eingebaut sind Sensoren und genügend Intelligenz, um das Dreirad auch autonom auf die Straße zu schicken.
Im Gegensatz zu den meisten Bike-Sharing-Angeboten soll sich das PEV automatisch über eine Stadt verteilen. Ist die Technik soweit, wie sich Chin das erhofft, fährt das Rad autonom von einem Abgabepunkt direkt zum nächsten Kunden. Das soll bekannte Bikesharing-Effizienzprobleme lösen, die dazu führen, dass in bestimmten Stadtbereichen zu viele Vehikel stehen, in manchen aber zu wenig.
Das PEV als Paketlieferant soll zudem Staus durch Lieferdienste vermeiden helfen, weil es auch beengte StraĂźen ohne Probleme auf den Fahrradwegen durchqueren kann. Es ist klimaneutral, solange der Strom aus erneuerbarer Quelle kommt.
Wann Chins Idee in die Praxis umgesetzt werden kann, ist derzeit noch unklar. Neben technischen Problemen, die es zu lösen gilt, fehlt es insbesondere in den Megacities Asiens noch an einer passenden Radwegeinfrastruktur. In hügeligen Städten wie Hongkong dürfte sich ein Dreirad auch mit Assistenzmotor nur schleppend durchsetzen – und auch für die harten Winter in Peking ist es nicht ideal. Zudem arbeiten die MIT-Media-Lab-Forscher noch an einem weiteren Problem: Der Vermeidung von Unfällen im autonomen Betrieb. Hier gibt es im Fahrradbereich noch kaum Erfahrungen. (bsc)