Virtuell weggenommen

Wer zu viel nach Amerika guckt wegen deren Wahlen, der vergisst, dass wir in Deutschland noch viel konservativere Gestalten haben als Donald Trump. Wir haben Autoschreiber

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Daimler veranstaltet gelegentlich etwas, das sie „Future Talk“ nennen. Es sind Vorträge mit anschließender Diskussionsrunde zu jeweils einem Leitthema. Einmal war ich zum Thema „Kommunikation mit Maschinen“ dort, jetzt hieß das Thema „Virtualisierung“, und zwar ging es nicht um das Backend mit Virtualisierung von Servern oder anderer Maschinen, sondern um (hauptsächlich visuelle) Nutzerschnittstellen im Auto. Eigentlich ein superharmloses Thema rund um Infotainment und Head-Up-Displays. Eigentlich. Bis man uns Autoschreiber einlädt.

Denn das erstaunlichste an diesen Veranstaltungen für mich ist immer, dass Daimler zu sowas nur die technikinteressiertesten Journos kriegt, die trotz dieser (auch nur virtuellen) Vorauswahl eine derart unfassbare Rückwärtsgewandtheit an den Tag legen, dass selbst Daimler ausschaut wie das krasseste Startup mit Quantencomputern aus Kokain. Sie können sich in einem sicher sein: Wenn egal wer egal was vorschlägt, findet sich jemand von uns, der sofort schrei(b)t: „Was ist DAS denn?! Also, WIR hatten ja sowas damals nicht. Und hat uns das geschadet? Nein. Es hat uns hart gemacht.“

Virtuell weggenommen (5 Bilder)

Das schicke Aluzäpfchen F 015 diente als Träger vieler Beispiele zu Virtualisierung. (Bild: Daimler)

Als der erste Protomensch das erste Feuer entzündet hatte, saß dort mit Sicherheit der erste Protoautoschreiber und beschwerte sich darüber, wie das die guten sozialen Traditionen von nachts vor Kälte und Angst vor dem Höhlenbären bibbernd aneinanderkuscheln zerstört, zu Vereinsamung und überhaupt zum Untergang der ihnen bekannten Zivilisation führt. Mit dem letzteren haben sie ja auch stets ein Stück weit recht. Eine starke neue Technik verändert immer auch unser Gemeinschaftsleben. Doch jedes Mal davon auszugehen, dass das unausweichlich und ausschließlich in negative Richtungen führt, bedarf schon einer ganz besonderen Geisteshaltung, die man, das darf ich mit Stolz sagen, so verbreitet nur bei uns in der Motorpresse oder in den Weltanschauungs-Niederungen des Kopp-Verlags findet.

Die Angst dahinter formulieren wir durchaus so, dass ein Leser verstehen kann, worum es geht: Dass man uns etwas wegnimmt, das nach unserem Verstehen für immer uns gehören soll. Das verstehe ich, denn ich bin ja auch nicht anders. Wer eine neue Art Auto baut, nimmt mir die alte Art Auto, die ich mochte. Er ist folglich ein kulturloses Schwein, ein Dieb gar! Was mich jedoch auf dem Future Talk faszinierte und den Blick auf diese verbreitete Eigenart unserer Szene richtete: Was zum Geier soll Virtualisierung denn irgendjemandem wegnehmen?