Politik und Plattenlabels fordern Doppelstrategie gegen Online-Piraterie
Die Politik fordert eine Doppelstrategie gegen Raubkopien im Internet; die Industrie sieht die MP3-Tauschbörsen schon als Gefahr für die Selbstständigkeit der Labels und Musiker beklagen den drohenden Verlust der "kulturellen Identität".
MP3-Tauschbörsen und Musikanbieter im Internet, die in Konkurrenz zu den großen Labels treten, haben das Thema Urheberrecht und Copyright im Internet auch für die Politik auf die Tagesordnung gesetzt. Erwin Huber, Staatsminister in Bayern, möchte eine "Doppelstrategie" fahren, um das Raubkopieren im Internet zu unterbinden. Während eines "Roundtable-Gesprächs", das die Bayerische Landeszentrale für neue Medien und der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft Ende der Woche in München veranstalteten, erklärte Huber, die technischen Schutzmechanismen müssten fortwentwickelt werden. Außerdem müssten "die rechtlichen Möglichkeiten konsequent ausgeschöpft" werden. "Musik genießt wie andere künstlerische Darbietungen den besonderen Schutz von Recht und Verfassung", erklärte Huber. Ganz aus der Pflicht will er die Musikindustrie aber auch nicht lassen: Huber betonte die Chancen, die sich für die Industrie durch das Internet ergeben und forderte sie auf, "den Herausforderungen des Internet offensiv zu begegnen."
Eine überraschende Einschätzung der Auseinandersetzung zwischen der MP3-Tauschbörse Napster und der Musikindustrie gab während der Veranstaltung Thomas M. Stein, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft und Chef der Geschäftsleitung von Bertelsmanns BMG Entertainment in Deutschland. Napster strebt nach seinen Worten mit der MP3-Tauschbörse eine Marktkapitalisierung in einer Größenordnung wie die größten Musikkonzerne an. "Ein illegaler Vorgang darf nicht dazu führen, dass letztlich die legale Wirtschaft ausgekauft werden kann", kommentierte er das Geschäftsmodell, das Napster nach seiner Ansicht verfolgt. Offensichtlich sieht der Deutschland-Chef von BMG die Auseinandersetzung zwischen MP3-Tauschbörsen und Plattenindustrie als Kampf darum, wer letztlich neue Distributionswege kontrolliert und aus ihnen Gewinn erzielen kann.
Da befindet sich Stein ganz auf Linie mit seinem obersten Chef, Bertelsmann-Vorstand Thomas Middelhoff. Der hatte schon vor einiger Zeit erklärt, Napster sei ein Phänomen, das auch das Versagen der Industrie verdeutliche, und die Unternehmen aufgefordert, Vorreiter im Internet zu spielen. In ein ähnliches Horn wie Middelhoff stießen auch Politiker von FDP und SPD bei der Veranstaltung in München. Der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto, meinte, das Urherberrechtsgesetz könne ein wenig helfen, aber nicht viel. Er empfahl der Musikindustrie sich an die "Spitze der Bewegung" zu setzen und nicht "weinerlich am Rand" zu stehen. Jörg Tauss, Medienexperte der SPD-Bundestagsfraktion, zeigte sich wie der Leiter der Abteilung Handels- und Wirtschaftsrecht im Bundesjustizministerium, Elmar Hucko, skeptisch gegenüber der Wirksamkeit von neuen Gesetzen gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet. Hucko meinte, die Gesetzgebung könne mit der technischen Entwicklung kaum noch Schritt halten. Tauss sieht das Problem vor allem in der technischen Durchsetzbarkeit. Die Branche selbst müsse Mechanismen für den Kopierschutz entwickeln: "Die Lösung dieses Problems steht und fällt mit der Entwicklung digitaler Wasserzeichen; allein mit Gesetzen kommen wir nicht mehr hinterher."
Kopierschutzmechanismen sehen die Verbandsvertreter der Musikindustrie allerdings skeptisch: "Digitale Wasserzeichen und geschlossene Sicherhungssysteme helfen dort nicht weiter, wo Dateien von bestehenden CDs kopiert und ins Netz gestellt werden", erklärte Martin Schaefer, Geschäftsführer des Phono-Verbands. Er brachte stattdessen wieder das Right Protection System ins Spiel, das die Industrie entwickelt hat und gerne bei allen Providern eingesetzt sähe. Es soll durch Ausschlusslisten illegale Downloads schon beim Zugriff verhindern. Auch der Vorwurf, die Situation nur wehklagend zu beobachten, wiesen die Verbandsvertreter zurück: "Wir stehen an der Spitze der Bewegung", meinte Peter Zombik, Geschäftsführungsvorsitzender des Phono-Verbands. "Es ist jedoch schwierig, eine Tankstelle zu eröffnen, wenn links und rechts illegale Ölquellen sprudeln."
Während sich die Musikindustrie noch Sorgen um das mögliche Versiegen einst sprudelnder Einnahmequellen macht, geht Frank Dostal, Alt-Rocker und Mitglied des Aufsichtsrats der Rechte-Verwertungsgesellschaft GEMA, noch einen Schritt weiter: Mit dem Verfall des Urheberrechts werde den Musikern ihre Lebensgrundlage entzogen, meinte er auf der Münchener Tagung. Nicht allein der Gewinn der Musikunternehmen sei in Gefahr, sondern "letztlich unsere kulturelle Identität." (jk)